Wem gehören die Hände? Schmuckwerbung der Stuttgarter Fotografin Monica Menez Foto: Monica Menez

Vom täglichen Griff in den Schrank bis zum Wettlauf auf dem Catwalk: Das Landesmuseum Württemberg zeigt im Alten Schloss Stuttgart die anregende und aktuelle Ausstellung „Fashion?! Was Mode zu Mode macht“.

Stuttgart - Ein T-Shirt müsste man sein. Dann käme man in der Welt herum. Man wäre international. Immerhin 30 000 Kilometer jettet ein jedes T-Shirt über den Globus. Und da es im Durchschnitt nur 163-mal getragen wird, hat es sein Soll auch schnell erfüllt. Und schon geht es vom Altkleidercontainer aus wieder auf Reisen – in der Regel irgendwohin gen Süden.

Nach dem Besuch des Landesmuseums Württemberg will man aber vielleicht doch kein T-Shirt mehr sein, weil der ökologische Fußabdruck gewaltig ist, den so ein Stück Stoff in der Welt hinterlässt. „Mode ist so unerträglich hässlich, dass wir sie alle Halbjahre ändern müssen“, soll der Autor Oscar Wilde einmal gesagt haben, womit er recht gut zusammengefasst hat, was das System Mode heute mehr denn je ausmacht: Schnelllebigkeit.

Fashion?! Was Mode zu Mode macht“ nennt sich die Große Landesausstellung im Alten Schloss in Stuttgart, die auf höchst anregende Art die Welt der Kleidung ins Visier nimmt – vom glitzernden Zirkus auf dem Catwalk bis hin zu den ollen Birkenstock-Sandalen von Steve Jobs. Es ist nicht zu übersehen, dass der Apple-Mitbegründer seine braunen Gesundheitslatschen lange und leidenschaftlich gern getragen hat.

Die Diva mit Bart machte weltweit Schlagzeilen

Mode geht uns alle an, das ist die Botschaft dieser Ausstellung, die sich keineswegs um Rüschen und Bügelfalten dreht, um Hosenschnitte und Krawattenbreite, sondern die bodenständig mitten im Alltag ansetzt und bewusst macht, wie groß die gesellschaftliche Tragweite des Themas ist – selbst wenn einer immer nur das trägt, was im Schrank oben liegt. Ob es Statements aus der Bevölkerung sind, die zitiert werden, ob es Kleidungsstücke von Promis sind oder teure Designermode – es wird auf vielerlei Weise erzählt, wie Kleidung gesellschaftliche Normen untermauern kann und wie sie manchmal auch Kategorien sprengt. So ist das imposante Kleid zu sehen, mit dem Conchita Wurst, die Diva mit Vollbart, den European Song Contest 2015 moderierte und weltweit Schlagzeilen machte. Auch als zum ersten Mal ein Model mit Kopftuch auf den Laufsteg ging, war das weniger ein modisches als ein politisches Statement.

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Die Ausstellung spannt den Bogen von den fünfziger Jahren bis in die Gegenwart, schreitet die Entwicklungen aber nicht lehrbuchhaft ab, sondern hat die thematischen Kapitel mit viel Glamour inszeniert und sich bemüht, das Publikum auf vielerlei Weise einzubinden und anzuregen. So werden die Besucher zum Beispiel gefragt, wie sie sich über Mode informieren, wie sie einkaufen, was sie inspiriert. Im Lauf der Wochen wird sich anhand der Aufkleber zu den jeweiligen Positionen ein Stimmungsbild ablesen lassen, wie die Bevölkerung in Sachen Kleidung tickt.

Tanzen wie die Models aus der „Vogue“

Aber auch thematisch spricht diese Ausstellung ganz unterschiedliche Interessen an, beleuchtet hier den globalen Markt, dort ökologische Fragen. Der eine wird die Lederjacke von Arnold Schwarzenegger aus „Terminator 2“ bewundern, der andere sich eher für die veganen Sneakers aus Naturkautschuk interessieren. Das T-Shirt mit dem Slogan „I survived Stuttgart 21“ könnten manche sogar selbst zu Hause haben. Es geht aber auch darum, wie Mode entsteht. Dann wieder lässt sich an den Titelblättern der Modemagazine ablesen, dass in den Fünfzigern auf den Covern noch mit Ästhetik gespielt wurde, während es heute vor allem um Sex-Appeal, Erotik und Sinnlichkeit geht. Zu guter Letzt kann man sich auf einem Catwalk in Stimmung bringen lassen beim „Voguing“. Bei dem Tanzstil, den die New Yorker Schwulenszene in den achtziger Jahren entwickelte, wurden Models aus der „Vogue“ kopiert.

Wie fühlt sich ein Stoff aus recycelten PET-Flaschen an?

Auch wenn Mode ein internationales System ist, schlägt die Ausstellung immer wieder Bögen in die Region und werden Stuttgarter Projekte vorgestellt, vom Vintage-Markt bis hin zu Kleidertauschpartys. Das Stuttgarter Unternehmen Bleyle war einer der größten Hersteller von „Strick- und Wirkware“. Und als die Esslinger Modefotografin Walde Huth die Strümpfe einer Wäschefirma 1956 in Szene setzte, nutzte sie die Kulisse des Alten Schlosses und machte dabei gleich noch deutlich, dass Stuttgart eine Autostadt ist.

Anfassen ist in Zeiten von Corona leider verboten, dabei würde man schon gern wissen, wie sich der Stoff aus recycelten PET-Flaschen anfühlt oder der Vorhang aus Sojabohnen. Ein Grund mehr, sich vielleicht doch mal Kleidung aus umweltfreundlichen Materialien zu kaufen – anstelle weit gereister Chemiecocktails.

Mode für alle

Kinder „Ran an den Stoff“ nennt sich die begleitende Mitmachausstellung im Jungen Schloss, die sich an Kinder und Familien richtet. In dem Kindermuseum kann man sich dem Thema Mode ganz praktisch annähern und lernt zum Beispiel, was die Waschanleitungen in einem Kleidungsstück bedeuten. Man kann mit Stofffetzen einen großen Wandteppich weben oder Schnittmuster möglichst materialsparend auf Stoff arrangieren. Auch die verschiedenen Textilien werden vorgestellt, darunter ein Stoff aus Milchfasern, der aus verdorbener Milch und Abfällen aus der Käseherstellung gefertigt wird– aber trotzdem nicht riecht (bis 1. August, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr).

Erwachsene Die Große Landesausstellung „Fashion?! Was Mode zu Mode macht“ ist bis zum 25. April zu sehen und Dienstag und Mittwoch von 10 bis 17 Uhr geöffnet, Donnerstag von 10 bis 21 Uhr und von Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.

Mode-Quiz Nach einer Führung durch die Ausstellung können sich Modemuffel und -kenner in einem Quiz messen – am 6. November, 28. Januar und 25. Februar (19 Uhr).

Filme Im Atelier am Bollwerk laufen begleitend zur Fashion-Ausstellung Filme zum Thema Mode – etwa der Dokumentarfilm „Westwood: Punk. Ikone. Aktivistin“ (1. Dezember, 20 Uhr) oder Biopics zu Yves Saint Laurent (12. Januar, 20 Uhr) und Coco Chanel (9. März. 20 Uhr).

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