Matthias Wissmann, Präsident des Verbands VDA: Ein Aus für moderne Diesel wäre ein Anschlag gegen den Klimaschutz Foto: dpa

Der Diesel ist in Verruf geraten – nicht nur durch den VW-Skandal, sondern auch durch die hohen Schadstoffwerte bei alten Modellen. Matthias Wissmann, Präsident des Automobilverbandes, hält die diskutierten Fahrverbote aber für klimaschädlich.

Stuttgart - Der Diesel ist in Verruf geraten – nicht nur durch den VW-Skandal, sondern auch durch die hohen Schadstoffwerte bei alten Modellen. Matthias Wissmann, Präsident des Automobilverbandes, hält die diskutierten Fahrverbote aber für klimaschädlich.

Herr Wissmann, die Autobranche lebt vom Export, doch ausgerechnet die USA und China wollen den internationalen Handel ­erschweren. Was bedeutet es, wenn die ­beiden wichtigsten Exportmärkte schwerer zugänglich werden?
Drei von vier Fahrzeugen, die in Baden-Württemberg produziert werden, gehen in den Export. Das sagt schon alles darüber aus, wie elementar der freie Welthandel für unsere Wirtschaft ist. Eine Einschränkung wäre für Baden-Württemberg und Deutschland sicher keine gute Nachricht.
China plant zum Beispiel, sich detaillierte Konstruktionspläne von allen Autos vorlegen zu lassen, die dort produziert werden. Müssen deutsche Hersteller ihre Technologie künftig ganz offiziell in China abliefern?
China ist selbst ein sehr großer Exporteur und hat damit auch ein eigenes Interesse am Zugang zu Märkten. Ich hoffe sehr, dass die Führung versteht, dass jeder Schritt in Richtung Protektionismus am Ende ein Eigentor ist.
Nun hat jeder Staat das Recht, Gesetze zu­ ­erlassen. Wo sehen Sie die Grenze zum ­Protektionismus überschritten?
Jeder Staat darf der Wirtschaft Rahmenbedingungen setzen. Wenn Staaten aber ihre eigenen Unternehmen bevorzugen und Unternehmen aus anderen Staaten benachteiligen, wird das in Europa und in den USA zu Recht als Protektionismus verstanden. Allerdings ist es absurd, dass selbst aus Deutschland Töne zu hören sind, die dem freien Welthandel eine Absage erteilen. Stattdessen müssten gerade wir die Vorreiter des freien Welthandels sein, von dem wir so abhängig sind.
Aber das Freihandelsabkommen TTIP liegt doch ohnehin auf Eis – schließlich will es auch der künftige US-Präsident Donald Trump nicht haben.
Es geht nicht nur um TTIP, sondern auch um Abkommen der EU mit anderen Weltregionen wie etwa den Mercosur-Staaten in Südamerika oder mit Indien. Auch ein Abkommen mit den südostasiatischen Asean-Staaten wäre sinnvoll – zumal der künftige US-Präsident einem Abkommen seines Landes mit dieser Region gerade eine Absage erteilt hat. Im Grunde müsste Deutschland die lauteste Stimme für den Freihandel sein.
Nicht nur in den USA, sondern auch im ­eigenen Land weht der Autobranche seit dem VW-Skandal ein kalter Wind entgegen. Wie will die Autobranche wieder Vertrauen zurückgewinnen?
Die Manipulation von Software durch VW in den USA hat natürlich allen Herstellern geschadet. Wir dürfen das Kind aber auch nicht mit dem Bade ausschütten. Erst vor wenigen Tagen hat der Deutsche Verkehrssicherheitsrat festgestellt, dass die Feinstaubkonzentration auch in großen baden-württembergischen Städten so niedrig ist wie nie in den vergangenen Jahren. Die Stickoxidwerte in Deutschland sind sogar niedriger als jemals in den vergangenen Jahrzehnten. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Bei Stickstoffdioxid kommen wir auch voran – so bringt Daimler gerade seinen neuen Dieselmotor mit extrem niedrigen Werten bei Stickoxiden und CO2 auf den Markt.
Gerade in Stuttgart wird ja intensiv über die Schadstoffbelastung diskutiert. Oberbürgermeister Kuhn kritisierte in unserer Zeitung bereits, dass es zu viele Autos mit Benzin- oder Dieselmotor gebe.
Ich kann nicht verstehen, dass ausgerechnet der Oberbürgermeister von Stuttgart den Abschied vom Verbrennungsmotor einläuten will, anstatt zu verstehen, dass in seiner Stadt die besten Verbrennungsmotoren der neuesten Generation produziert werden. Natürlich setzen auch wir uns für den massiven Ausbau der Elektromobilität ein – dennoch werden wir noch sehr lange moderne Verbrennungsmotoren brauchen, wenn wir weltweit die Kohlendioxidwerte reduzieren wollen.
Nun diskutiert die Politik Einfahrverbote für Dieselfahrzeuge – möglicherweise bekommen Kommunen bald die Möglichkeit, alle ­Dieselfahrzeuge aus Umweltzonen ­fernzuhalten. Was würde das bedeuten?
Alle Diesel einschließlich derjenigen mit modernster Technologie auszuschließen wäre geradezu ein Anschlag gegen den Klimaschutz. Denn das würde schadstoffarme Autos, die zudem besonders wenig verbrauchen, von den Straßen verbannen. Je schneller wir die bestehende Flotte modernisieren, desto schneller wird es keine kritischen Messwerte bei den Luftschadstoffen mehr geben. Hilfreich wäre auch, wenn sich die Politik stärker für einen flüssigen Verkehr einsetzen würde.
Was meinen Sie damit?
In der Hohenheimer Straße in Stuttgart wurden Staus unter anderem durch zeitlich verlängerte Halteverbote deutlich vermindert. Das hat zu einer starken Verringerung der Stickoxide geführt – und zeigt, welch starken Einfluss der Verkehrsfluss auf die Qualität der Luft hat. Auch die digitale Vernetzung von Autos, die unnötigen Park-Such-Verkehr verhindern kann, ist sicher hilfreich.
Die Autoindustrie hat eine Offensive bei der Elektromobilität angekündigt. Doch gleich­zeitig wird für den Bau eines E-Autos nur noch ein Bruchteil der Beschäftigten benötigt. Droht der Branche ein großer Jobabbau?
Ich teile hier die Einschätzung von Daimler-Vorstandsmitglied Ola Källenius, der sagt, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren beide Technologien wachsen werden. Wenn die deutsche Automobilindustrie dabei innovativ an der Spitze bleibt, können wir die hohe Beschäftigung halten, zum Teil auch steigern. Falls sich aber Ideologen mit der Idee durchsetzen sollten, den Verbrennungsmotor ab 2030 zu verbieten, entsteht ein Einbruch, wie ihn sich kein vernünftiger Mensch wünschen kann.
Eine Perspektive von fünf bis zehn Jahren reicht vielen Menschen aber nicht aus. Wie sehen Sie die längerfristigen Beschäftigungschancen?
Ich habe zwar schon als Bundesforschungsminister vor 20 Jahren die Entwicklung von Elektroautos gefördert. Trotzdem warne ich auch heute davor, den Abschied vom Verbrennungsmotor einzuleiten. Bereits heute wird intensiv an synthetischen Kraftstoffen, sogenannten E-Fuels, gearbeitet, die eine CO2-neutrale Mobilität ermöglichen, weil diese Kraftstoffe bei ihrer Produktion genau so viel CO2 binden, wie sie bei ihrer Verbrennung wieder abgeben. Wenn das zu vertretbaren Kosten gelingt, kann es sein, dass Verbrennungsmotoren einen neuen Frühling erleben – nicht anstelle des Elektromotors, aber neben ihm. Das wäre natürlich auch gut für die Beschäftigung.
Siemens-Chef Joe Kaeser befürchtet offensichtlich, dass viele Menschen wegen der ­technologischen Entwicklung bald keine Arbeit mehr haben. Deshalb fordert er ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden. Teilen Sie diese Forderung?
Ich halte die Schwerpunktsetzung für falsch. Viel wichtiger ist es, Menschen zu befähigen, in der neuen Welt zurechtzukommen. Dabei helfen vor allem gute Kenntnisse in Mathematik und den Naturwissenschaften, die bei uns viel zu wenig geschätzt werden. Insbesondere entscheiden sich viel zu wenige junge Frauen für ein Studium technischer Fächer, obwohl viele von ihnen darin beste Noten haben. Dass deutsche Schüler bei diesen Fächern im internationalen Vergleich sogar zurückfallen, ist ein Grund zur Sorge. Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, hier aufzuholen, anstatt möglichst viele Leute durch soziale Transferleistungen zu versorgen.
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