Mathias Richling Foto: dpa

Die Kanzlerin sollte den türkischen Präsidenten Erdogan in die Schranken weisen und ihn wegen „Verhöhnung des Rechtsstaates“ verklagen, fordert Kabarettist Mathias Richling im Interview mit unserer Zeitung. Seinen jungen Kollegen Jan Böhmermann schützt er vor Kritik: „Jetzt ist nicht die Zeit für literarische Feinheiten.“

Stuttgart – - Herr Richling, der OB von Tübingen, Boris Palmer, hat den türkischen Präsidenten Erdogan aufgefordert, dem ZDF-Moderator Jan Böhmermann die Eier abzuschneiden. Reicht diese Maßnahme aus?
Eier abschneiden? Das reicht bei Weitem nicht aus! Was sollen die Türken von uns denken?
Was also ist noch zu tun?
Köpfen, vierteilen – was halt in der Türkei bei so schwerwiegenden Verstößen üblich ist.
Das hört sich nach Mittelalter an.
Die Türkei will ja in die EU – da sollten wir uns aber schnell noch ein bisschen anpassen in Fragen der Presse- und Meinungsfreiheit und der Menschenrechte, sonst klappt das nicht. Ganz zu schweigen von den Flüchtlingen: Wir vertrauen sie der liebevollen Obhut des Herrn Erdogan an. Da kann er mit Recht verlangen, dass in seinem Umfeld nicht Ziegen gefickt werden. Wenn doch so viele Flüchtlinge zur Verfügung stehen. Und so viele Vertreter der Presse- und Meinungsfreiheit, die im türkischen Knast sitzen.
Ihr Kollege Lars Reichow nennt das „Fäkal-Gedicht“ von Böhmermann „erbarmungswürdige Schüler-Poesie“, die politisch großen Schaden angerichtet habe. Hat er recht?
Jetzt ist nicht die Zeit für literarische Feinsinnigkeiten. Herr Böhmermann hat gepupst, und das stinkt Herrn Erdogan. Deswegen hat er aber nicht das Recht, uns vorschrieben zu wollen, worüber und wann wir lachen und wie wir pupsen.

„Merkel sollte die Eier haben, die Herrn Böhmermann vom Tübinger OB entfernt worden sind“

Was kann Frau Merkel jetzt noch tun, damit sie die Sache politisch überlebt? Viele haben nicht verstanden, warum sie das Thema vom Regierungssprecher hochkochen ließ.
Sie sollte endlich die Eier haben, die Herrn Böhmermann in Ihrer ersten Frage vom Tübinger OB entfernt worden sind. Frau Merkel sollte dringend formell Strafantrag gegen Erdogan stellen. Wegen Beleidigung und Verhöhnung des Rechtsstaats.
Wir sehen: Satire kann den Mächtigen gefährlich werden. Wann ist Ihnen zuletzt gelungen, politischen Einfluss zu nehmen ?
Was wollen Sie? Haben Sie noch nicht registriert, dass Kretschmann haushoch die CDU geschlagen hat? Mein politischer Einfluss besteht darin, dass ich bestimme, wer unter mir Ministerpräsident wird.
Was rät ein Altmeister dem jungen Kollegen Böhmermann, wie er sich verhalten sollte?
Ich fürchte und hoffe, dass Herr Böhmermann beratungsresistent ist. Sonst wäre er ein mieser Satiriker. Im Übrigen: Jan Böhmermann ist, wie wir alle wissen, bekannt geworden vor Jahresfrist mit einem gefakten Bericht über den Mittelfinger von Varoufakis. Darauf ist sogar Günther Jauch mehrere Tage hereingefallen. Das heißt, die deutsche Öffentlichkeit hat doch wirklich genug gelernt von dem Prinzip Böhmermann.
Wenn dies ein „Prinzip“ ist, sind wir wohl am Höhepunkt angelangt.
Ja, man empört sich trotz dem, was war, über seine neue Beschäftigung mit Herrn Erdogan. Aber die ganze Angelegenheit hat inzwischen eine Absurdität, Komik und Irrealität angenommen, dass ich nicht begreifen will, warum niemand versteht, dass ein ­türkischer Präsident bei aller seiner perfiden Menschenrechtsverletzung nicht so bescheuert, debil und behindert sein kann, eine solche Anklage, eine solche Reaktion und einen solchen eventuellen Prozess vom Zaun zu brechen.
Was also steckt in Wahrheit hinter dieser Staatsaffäre?
Ganz klar: Die Klage Erdogans ist ein eindeutiger Fake von Jan Böhmermann selbst!
Mathias Richling gastiert mit seinem Programm „Deutschland to go“ am 7. Mai im Forum in Ludwigsburg
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