Mathias Richling tritt am 6. Dezember in der Liederhalle auf Foto: dpa

Demokratie, sagt Mathias Richling im Interview mit den Stuttgarter Nachrichten, heißt, dass man nichts an Fakten ändern, sondern nur darüber reden kann. Damit bezieht sich der Kabarettist als Fan von Winfried Kretschmann auf dessen Umgang mit Stuttgart 21.

Stuttgart - Herr Richling, Sie wollten Kohl nach dessen Abwahl nie wieder parodieren. Warum holen Sie ihn jetzt, da er nicht mehr sprechen kann, also wehrlos ist, ins Programm zurück?
Es ist richtig, dass ich prinzipiell niemanden mehr abhandle, der abgewählt oder abgeschrieben ist oder sich aus der Verantwortung stehlen musste. Da aber Helmut Kohl momentan sich selbst wieder zur aktuellen Politik massiv ins Gespräch bringt beziehungsweise von seiner Frau Maike vorgeführt wird wie ein hoch dotiertes Ausstellungsstück, muss ich mich mit ihm auseinandersetzen. Aber keine Sorge: Ich gebe ihm seine alte Sprache zurück.
Wie schön – es ist alles wie früher. Kohl bekommt den Richling zurück, seine alte Stimme also. Dabei dachte ich, er lässt nur noch seine Frau für sich sprechen. Welcher Platz in der Geschichte gebührt Maike Kohl?
Gar keiner! Es ist ihr nur gelungen, mit der Heirat die Deutungshoheit über Helmut Kohl an sich zu reißen. Und damit über Deutschland. Und damit über einen langen Teil der Nachkriegsgeschichte. In einer Zeit, in der vom NRW-Kasino Westspiel zwei Warhols verkauft wurden für einen dreistelligen Millionen-Betrag, will Frau Maike nicht nachstehen, auch Helmut Kohl als Kunstwerk meistbietend zu verkaufen.
Es hat eine lange Tradition, dass Sie immer im Advent vor Ihrem Auftritt in Stuttgart Ihrer Lieblingszeitung ein Interview geben. Was bedeutet für Sie das jährliche Heimspiel in der Liederhalle – und auch das jährliche Interview mit den Stuttgarter Nachrichten?
Da schließe ich mich in beiden Punkten unserem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann vollinhaltlich an, der auf die Frage, was er nach einem Wahlsieg fühlt, gesagt hat: Freude!
Herr Kretschmann ist Dauergast in Ihrer Show. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm? Ist das eher kritische Liebe oder liebevolle Kritik?
In dieser Reihenfolge. Wie Hannah Arendt sagen würde. Und zwar kraftvoll. Denn Satire muss nicht immer nur herabwürdigen oder negieren.
Sie sind ein Fan von Herrn Kretschmann? Waren Sie jemals Fan eines Politikers?
Man kann auch mal anerkennen, dass es doch ein paar wenige Politiker gibt, die das, was sie auch falsch machen, dem Wähler zumindest vernünftig erklären.
Seine Widersacher Thomas Strobl und Guido Wolf sehen das anders. Wer wird Kretsch­manns Herausforderer von der CDU?
Herr Kretschmann hat so viel auch christdemokratisches Potenzial, dass die CDU froh sein kann, wenn er nicht selbst der CDU-Herausforderer von sich ist.
Herr Kretschmann sollte sich also auch noch zur CDU-Urwahl aufstellen?
Wo man ihn auch hinstellt: Er verstellt sich nicht.
Aber viele Gegner von Stuttgart 21 werfen ihm vor, zu wenig zu tun, um den Tiefbahnhof aufzuhalten.
Die Frage ist nicht mehr, ob er genug tut, um Stuttgart 21 zu verhindern. Dafür haben die Menschen in Baden-Württemberg ihn zwar gewählt. Aber inzwischen merkt man, dass seine Tätigkeit als Lehrer für Ethik die politische Logik des Wählers verdrängt.
Sie meinen, er bekleidet auch als Chef der Landesregierung in Wahrheit ein Lehramt?
Ja, denn wir lernen mit Kretschmann, dass Demokratie eben heißt, man kann nichts an den Fakten ändern kann, man kann nur darüber schwätzen.
Moment! Wird in der Demokratie nicht der Mehrheitswille umgesetzt?
Nein, Demokratie ist nicht Mehrheitswille, sondern das Recht der Mehrheit, Empörung zu formulieren über das Unrecht oder die Lügen derer, die die Macht haben. Und das ist meist nicht die Regierung. Bei Unglücken ist es so, dass man den Leuten Psychologen auf den Schoß setzt, damit sie das Grauen verarbeiten. Das ist das Mindeste, was ich von der grün-roten Landesregierung erwarte, dass sie uns Psychologen beistellt, bevor das Grauen Stuttgart 21 richtig beginnt.
Ist Kretschmanns Zeit nicht bald vorbei? Mit der SPD wird es für ihn laut Umfragen knapp. Wer regiert uns nach der Wahl in zwei Jahren?
Komisch, dass Sie danach fragen. Die künftige Koalition habe ich gestern in langen Diskussionen mit meinem Regisseur Günter Verdin zusammengestückelt. Wir sind auch zu einem klaren, eindeutigen Ergebnis gekommen.
Und zwar zu welchem?
Haben Sie bitte Verständnis, wenn ich Ihnen das Resultat heute noch nicht bekanntgeben möchte. Der Wähler soll ja doch noch das Gefühl haben, dass er die Wahl selbst entscheidet.
Der frühere Ministerpräsident Günther Oettinger ist nun der Digital-Kommissar von Europa. Ist Ihr Verhältnis zu Internet, Facebook, Twitter und Co. immer noch abwartend? Oder folgen Sie allmählich Herrn Oettinger?
Da liegen Sie falsch, auch wenn ich Ihnen nie etwas twittere. Mein Verhältnis zu Internet, Facebook und Twitter ist überhaupt nicht abwartend. Es hat sich nach den Erfahrungen mit USA, NSA, BND etc. im Gegenteil klar und eindeutig verfestigt. In dieser Hinsicht ist ganz positiv zu bewerten, was man Herrn Oettinger nachsagt. Dass er nämlich vom neuen Amt keine Ahnung habe. Was immer NSA oder BND bei ihm bespitzelt, ist dann völliger Unsinn.
Noch einmal zu Stuttgart 21: Auch einen Tiefbahnhof halten Sie in Stuttgart für unsinnig, wie Sie in fast jeder Talkshow, in die Sie eingeladen werden, betonen. Was meinen Sie, wann wird er fertig sein?
Stuttgart 21 ist gar nicht darauf angelegt, fertig zu werden. Denn die Bahn und die Stadtplaner haben jetzt herausgefunden, dass dieser Bahnhof in der neuen Gestalt gar nicht mehr passt zur Königstraße. Die dann auch aufgerissen, um 90 Grad gedreht und unter die Erde gelegt werden muss. Deswegen sollen ja auch die Pumpen für das Grundwasser in Funktion bleiben, solange Stuttgart existiert. Und das bedeutet, dass alles erst fertig sein wird, wenn es Stuttgart schon lange nicht mehr gibt.

Das SWR-Fernsehen strahlt am kommenden Freitag, 23.30 Uhr, die neue „Mathias-Richling-Show“ aus. Am Samstag, 6. Dezember, 20 Uhr, gastiert Richling mit einer aktuellen Fassung seines Programms „Deutschland to go“ in der Liederhalle. Karten an der Abendkasse sowie bei Easy Ticket unter 07 11 / 2 55 55 55.

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