Von der Wirklichkeit ermöglichte Erfindungen: Martin Walser Foto: dpa

Der Autor Martin Walser hat im Kammertheater über sein Verhältnis zu Stuttgart und seine Liebe zum Theater geplaudert.

Stuttgart - Gemessenen Schritts tritt er auf die Bühne, das Hemd keck über der Anzugshose, beschirmt von dieser bemerkenswert buschigen Augenbrauen-Fasson, die vermutlich nebst vielen anderen Dingen unter seinem Namen in die Geschichte eingehen wird. Kein Zweifel, dieser Mann verfügt über eine unerschütterliche Bühnenpräsenz. Daran ändert auch der widersprüchliche Rollenkatalog nichts, den sein Gegenüber an diesem Abend, der Literaturkritiker Denis Scheck, leporelloartig referiert: ein Linker und ein Rechter, ein Antisemit und Chauvinist, ein Avantgardist, ein Kommunist und Reaktionär, Vaterlandsverräter und Patriot, visionärer Utopist und Ewiggestriger – er sei ein „Mann des ewigen Morgens“, fügt der Vielgestalte selbst der Liste leise amüsiert hinzu und wirkt dabei ganz bei sich selbst.

Die Martin-Walser-Festspiele haben begonnen. Am 24. März feiert der Autor, begleitet von voraushallendem Widmungsgetöse, seinen neunzigsten Geburtstag. Davor zeigt das Stuttgarter Schauspiel die Bühnenbearbeitung des Romans, mit dem 1957 alles begann, „Ehen in Philippsburg“, ein Sittengemälde der schwäbischen Landeshauptstadt zwischen Nachkriegsenge und Aufbruchsfuror, Kleingeisterei und prosperierender Großmannssucht, Prüderie und Ausschweifung.

Zum Auftakt weiterer Walser-Abende in Stuttgart ist der Jubilar nun ins Kammertheater gekommen, um sich mit Scheck über seinen Aufenthalt in der Stadt zu unterhalten, deren Befindlichkeit er exemplarisch für die Zeit im Ganzen offengelegt hat. Auch wenn Walser in einer schlauen Vorbemerkung von sich weist, sein Roman porträtiere bestimmte Zeitgenossen, verfüge er doch über eigene Anschauungen genug, „seine von der Wirklichkeit ermöglichten Erfindungen den oder jenen wie eigene Erfahrungen anmuten“ zu lassen.

Und so erlebt man an diesem Abend, wie der „Mann des ewigen Morgens“ zurückblickt in eine zwielichtige Periode der jungen BRD und die scharfen Zeitbilder des Romans durch Momentaufnahmen der Erinnerung ergänzt. Aber warum eigentlich Philippsburg? Er habe eine Stadt mit einer feudalen Vergangenheit gesucht und mit einem Fantasienamen belehnt. Wenn er gewusst hätte, dass Philippsburg tatsächlich existiert, hätte er sich wohl anders entschieden. Lesungen jedenfalls hat er dort bis jetzt noch nicht abgehalten. „Was mussten die echten Philippsburger denken?“ Vermutlich das gleiche wie die Stuttgarter, die sich gemeint fühlen durften, Honoratioren, Bürgermeister, Intendanten, Chefredakteure, Politparvenüs, die Walser seinem fahl-geschäftigen Gesellschaftsreigen eingegliedert hat. „Niemand hat sich bei mir je beschwert“, sagt er.

Gegen diese Eindrücke hilft keine Demenz

Nach Stuttgart kam Walser über das Theater. Sein Engagement in einem Tübinger Studentenkabarett hatte ihm eine Mitarbeit zunächst in der Unterhaltungsabteilung des Süddeutschen Rundfunks eingetragen. Für die „Klingende Wochenpost“ verfasste er Sechszeiler für fünfzig Mark das Stück – ein Zeilensatz, von dem er immer geträumt habe, erwidert Denis Scheck. Die „Nörgelecke der Hausfrau“, so der Titel einer weiteren Walser-Sendung, gab dem alemannisch geprägten Dichter Gelegenheit, sich im „Stuttgarter Dialekt“ zu erproben. „Ach, Sie waren die nörgelnde Hausfrau des Süddeutschen Rundfunks“, erstaunt sich Scheck.

Walser, der später mit der Einführung des Fernsehens in Stuttgart betraut war, gibt burleske Einblicke in die frühe Mediengeschichte. Manche seiner Erfahrungen klingen wie die raffinierten Erfindungen eines Romanciers. Etwa wenn er erzählt, wie er mit eingegipstem Knie durch eine Karajan-Reportage gestolpert sei und die Pulte der ersten Geigen mit seinem Aufnahmekabel abgeräumt habe. „Gegen solche Eindrücke hilft keine Demenz“.

Als Redakteur zählte er zu den Förderern Arno Schmidts. Einmal habe dieser ihn mit seiner Frau in der kleinen „verwanzten“ Unterkunft besucht, welche die junge Familie Walser in der Reitzenstein­straße unweit des SDR-Studios bewohnte. In einem Wäschekorb schlummerte die kleine Tochter Franziska, deren Anblick Schmidt zu dem Ausruf animierte: „Wir haben Katzen“. Dank Walser wurde Schmidt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Später tauschte er bei einem Freiburger Buchhändler zwanzig Exemplare seines „Fliehenden Pferdes“ gegen ein Exemplar von Schmidts exaltiertem Opus magnum „Zettels Traum“ ein.

Mit Stuttgart verbindet Walser auch seine ersten, intensivsten Theatererlebnisse. Edith Heerdegen und Hans Mahnke waren seine Säulenheiligen, der Regisseur Peter Palitzsch hob hier Walsers Stück „Überlebensgroß Herr Krott“ aus der Taufe. Heute kenne wohl niemand mehr diese Namen, sinniert der Beinahe-Neunziger melancholisch, eine Behauptung, gegen die Teile des Publikums mit leidenschaftlichen Erinnerungsseufzern vernehmlich rebellieren.

Walser und Scheck sind ein gut eingespieltes Duo. „So viel habe ich noch nie vor einer Lesung geredet“, sagt Walser irgendwann zu seinem Gesprächspartner. Und dann liest er doch noch: „Ehen in Philippsburg“, Szenen aus dem Leben seines anfechtbaren Helden Hans Beumann, in denen sich soziale und asoziale Triebe verbinden, bis die Geschichte in der quälend-drastischen Schilderung einer Abtreibung kulminiert. Kafka, Wirtschaftswunder-Realismus und dämonisches Halbhöhen-Fantasma verbünden sich zu einer kristallklaren Prosa, in der sich wie in einem Prisma die bestimmenden Tendenzen der Zeit bündeln. Hat sich seitdem, fragt man sich als Zuhörer, außer Fassaden so viel geändert?

Zu „tumultuarisch“ sei der Roman, wurde ihm vom Verleger Peter Suhrkamp zunächst beschieden. Erst die Intervention dreier Lektoren ebnete der ungekürzten Veröffentlichung den Weg. Der katholische Buchhändlerverband lief Sturm, auch dem von Gregor Gysis Vater geleitetem Ost-Berliner Aufbau-Verlag war die Sache zu heiß.

Walser aber darf immer noch als der beste Interpret seiner selbst gelten. Auch dieser Auftritt wird als einer der großen Stuttgarter Bühnenmomente erinnert werden. Der alte liest den jungen Walser. Und für beide gilt: frisch wie am ersten Tag.

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