Mario Mandzukic bei der Fußball-WM Kroaten-Star hat bei den TSF Ditzingen begonnen

Von Marko Schumacher 

Mario Mandzukic einer der Stars der erfolgreichen kroatischen Nationalmannschaft und steht im WM-Finale. Begonnen hat die Karriere des Stürmers bei den Turn- und Sportfreunden Ditzingen - wie unser Porträt aus dem Jahr 2013 zeigt.

Ditzingen - Rückblick ins Jahr 2013: Vor einer halben Stunde hat es aufgehört zu regnen, jetzt scheint die Abendsonne über Ditzingen. Auf der Sportanlage der Turn- und Sportfreunde an der Lehmgrube riecht es nach frisch gemähtem Gras, auf dem Rasen trainiert an diesem Donnerstag die D-Jugend. Die Jungs tragen Trikots von Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Lionel Messi. Sie jubeln bei jedem Tor und freuen sich über jeden gelungenen Spielzug. Sie alle wollen irgendwann ein großer Fußballstar sein. Einer wie Mario Mandzukic, der vor 20 Jahren auf genau diesem Platz davon geträumt hat, im Finale der Champions League zu stehen – und dessen Traum sich heute Abend erfüllt.

Die Geschichte von Mario Mandzukic ist ein modernes Fußballmärchen. Es handelt vom Aufstieg eines kleinen Jungen, der es auf wundersame Weise von weit unten nach ganz oben geschafft hat, von der Ditzinger Lehmgrube bis ins WM-Finale, mit seiner kroatischen Nationalmannschaft. Die ganze Welt wird ihm am Sonntag beim WM-Finale gegen Frankreich zuschauen. Besonders fest werden sie in Ditzingen die Daumen drücken. Mario Madzukic, 27, hat zwar nur vier Jahre hier, einige Kilometer westlich von Stuttgart, gelebt, aber er hat bei denen, die ihn damals kennengelernt haben, tiefe Spuren hinterlassen.

Fredi Bobic und Sean Dundee stürmen für die TSF

Mario ist sechs Jahre alt, als er 1992 mit seinen Eltern und seiner vier Jahre älteren Schwester Ivana vor dem Bürgerkrieg in Jugoslawien flieht. In Slavonski Brod haben die Mandzukic bis dahin gelebt, einem kleinen Städtchen an der kroatisch-bosnischen Grenze, mitten im Kriegsgebiet. Nur das Allernötigste haben sie dabei, als sie in Ditzingen ankommen, jenem Ort, an dem alles besser werden soll und an dem Marios Vater Mato, ein Abwehrspieler im Spätherbst seiner Karriere, die Familie als Fußballprofi durchbringen will.

 

Die 1990er Jahre sind die große Zeit der TSF Ditzingen. Von der Kreisliga B ist der einstige Dorfclub bis in die Regionalliga durchmarschiert; die fünf Aufstiege in sechs Jahren landen im Guinnessbuch der Rekorde. Es ist die Zeit, in der sich spätere Nationalstürmer wie Fredi Bobic und Sean Dundee einen Namen machen und alle zwei Wochen 2000 Zuschauer zu den Heimspielen kommen. Nie zuvor und nie mehr danach waren die TSF auch nur ansatzweise so erfolgreich wie in diesen goldenen Jahren, in denen Mato Mandzukic eine Nebenrolle spielt.

Nur mit leichten Turnschuhen kommt er ins erste Training des Regionalligateams, weil im Fluchtgepäck kein Platz war für die Fußballstiefel. Und auch anschließend läuft nicht alles so, wie es sich der Abwehrspieler vorgestellt hat. Mato Mandzukic ist nicht mehr schnell und nicht mehr gut genug, nur neun Mal spielt er für die erste Mannschaft der Turn- und Sportfreunde. Sein Sohn Mario dagegen, der in der F-Jugend beginnt, „schlägt ein wie eine Bombe“, erinnert sich Angelo Columpsi.

Fußball als Anerkennung unter Jungs

Der Italiener ist damals (und noch heute) in der Jugendleitung der TSF tätig, seine Eltern wohnen im gleichen Haus wie die Mandzukic, in der Kirchgartenstraße unweit des Ditzinger Rathauses. Columpsi sieht den Bub auf der Straße, im Garten und auf dem Fußballplatz spielen – und stellt schnell fest, dass der neue Nachbarsjunge außergewöhnlich begabt ist: „Er war schnell, er war wuselig, er wollte immer den Ball haben.“ Niemand kann seriös vorhersagen, ob ein Sechsjähriger eines Tages Fußballprofi werden kann. „Aber man hat zumindest gesehen, dass Mario besser ist als alle anderen“, sagt Angelo Columpsi.

Es gibt unter Jungs kein geeigneteres Mittel, um sich Anerkennung zu verschaffen, als den Fußball. Beim Kicken spielt es keine große Rolle, ob jemand arm ist oder reich, ob er aus Deutschland kommt oder ein Einwandererkind ist. Entscheidend ist, ob er das Tor trifft. Und das gelingt Mario in jedem Spiel. Der Fußball hilft ihm, akzeptiert zu werden und die deutsche Sprache zu lernen. Anfangs ist Mario verschlossen und weint oft, wenn er in die Schule muss, weil er dort nichts versteht. Auf dem Sportplatz aber blüht er auf – und beginnt nach einem halben Jahr quasi über Nacht akzentfrei zu reden. „Er hat damals fast noch besser Deutsch gesprochen als heute“, sagt Marc-Steffen Schulz, Gymnasiallehrer für Mathematik und Erdkunde.

Aufenthaltsgenehmigung endet nach vier Jahren

In den 90er Jahren ist Schulz selbst noch ein junger Bursche, gerade Anfang 20. Wegen eines Kreuzbandrisses musste er die Amateurfußballerkarriere beim TSV Eltingen früh beenden, aber er engagiert sich als Jugendtrainer bei den TSF Ditzingen. Mit der E-Jugend feiert Schulz große Erfolge, sein Team gewinnt Turniere und Meisterschaften – nicht zuletzt dank Mario Mandzukic. „Er war mein mit Abstand talentiertester Spieler“, sagt Schulz. „Es war klar: in spätestens ein, zwei Jahren würde ihn der VfB Stuttgart holen.“ Dazu jedoch kommt es nicht mehr: Denn so plötzlich die Mandzukic da waren, so schnell sind sie auch wieder weg.

1996, vier Jahre nach ihrer Ankunft, läuft die Aufenthaltsgenehmigung ab. Ivana geht zu diesem Zeitpunkt aufs Gymnasium, Mario ist auf dem besten Weg dorthin, sie haben viele Freunde, sind fest im Ditzinger Gemeindeleben integriert. Trotzdem scheitern alle Bemühungen, länger in Deutschland bleiben zu dürfen. Es wird ein Abschied mit Tränen. Ein Buch mit Erinnerungsfotos bekommt Mario von seinen Mitspielern nach dem letzten Turnier in Nürtingen überreicht, bei dem die Mannschaft erst im Finale gegen den SSV Reutlingen verliert. Am nächsten Morgen geht es zurück nach Slavonski Brod.

Mandzukic wird ein Fußballstar

Die Erinnerungen bleiben – auf beiden Seiten. Mit einigem Stolz verfolgen die ehemaligen Vereinskameraden in Ditzingen, wie Mario Mandzukic seinen Weg nach oben in der kroatischen Heimat unbeirrt fortsetzt. Wie er ins Zagreber Nachwuchsinternat aufgenommen wird; wie er es zum Juniorennationalspieler und Profi schafft; wie er Fredi Bobic wiedertrifft, den heutigen VfB-Manager, der seine aktive Karriere bei HNK Rijeka ausklingen lässt und im direkten Duell gegen NK Zagreb verliert, nach dem entscheidenden Tor von Mario Mandzukic. Kurzum: wie der kleine Mario zu einem großen Fußballstar wird.

„Wir haben uns immer sehr für ihn gefreut“, sagt Marcel Dussling. In den goldenen 90ern war Dussling Zweiter Vorsitzender der TSF Ditzingen, bis heute hält er im Internet mit einem virtuellen Vereinsmuseum die Erinnerungen an die großen Zeiten am Leben. Alte Fotos, Wimpel und Zeitungsausschnitte hat Dussling zusammengetragen. Die Prunkstücke der Sammlung sind die zwei Trikots aus Kroatien, die Mandzukic aus seiner Anfangszeit als Profi nach Ditzingen geschickt hat – als kleines Dankeschön für die schönen Zeiten an der Lehmgrube, die er nie vergessen hat.

Noch immer Verbindungen nach Ditzingen

Sein Schwester Ivana kehrt 2007 sogar nach Ditzingen zurück. Sie heiratet, ihr Sohn Marino spielt bei den TSF-Bambinis, sie fährt zu fast jedem Spiel ihres kleinen Bruders nach München. Gerne hätte man mit ihr darüber gesprochen, wie es früher war und wie es heute ist. Doch sie mag nicht, weil sie sich nicht in den Vordergrund drängen und die Hauptrolle allein Mario überlassen will. Die Beziehung zwischen Bruder und Schwester, sagen gemeinsame Bekannte, könnte enger nicht sein.

Mario Mandzukic kommt 2010 wieder nach Deutschland. Für sieben Millionen Euro wird er vom VfL Wolfsburg verpflichtet und schickt, von einem Fachmagazin zum Spieler des Monats gewählt, die Geldprämie und zwei Sätze Trikots nach Ditzingen. Zwei Jahre später schießt er bei der Europameisterschaft in drei Spielen drei Tore für Kroatien und wechselt anschließend für 13 Millionen Euro zum FC Bayern. Mario Mandzukic ist nun endgültig ein Superstar. In jener Bundesligasaison hat der Kroate den deutschen Nationalspieler Mario Gomez aus der Stammelf verdrängt und 15 Tore für die Münchner erzielt.

2010 zurück in Deutschland

Bernd Hetzer gehört zu jenen, die sich darüber am meisten freuen. Er hat Mandzukic’ Zeit in Ditzingen zwar nicht live miterlebt, er ist erst seit wenigen Jahren Jugendleiter der TSF. Doch dient ihm das Beispiel Mandzukic als wertvolles Argument, um talentierte Nachwuchskicker davon zu überzeugen, dass Ditzingen der richtige Ort ist, um die Karriere zu starten. Sehr erfolgreich ist sein Unterfangen, die Jugendarbeit auf professionellere Beine zu stellen. Während die erste Mannschaft gerade dabei ist, in die Kreisliga abzusteigen, gibt es in der Jugend in allen Jahrgangsstufen mehrere Mannschaften.

Als Hetzer beruflich zu einem Bayern-Spiel in die Münchner Arena eingeladen ist, ist er frech genug, bei Mario Mandzukic über dessen Schwester um ein Treffen zu bitten. Freudig erscheint der Stürmer nach dem Schlusspfiff in den Katakomben, man tauscht Trikots und Nettigkeiten aus und unterhält sich über Ditzingen. Schwer beeindruckt macht sich der Jugendleiter anschließend auf den Nachhauseweg, weil der Star tatsächlich noch immer so ist, wie ihn die früheren Weggefährten beschrieben haben: „Mario ist ein unheimlich netter, bescheidener, zurückhaltender, fast sanftmütiger junger Mann.“ Er ist also genau so, wie es sich Hetzer auch von seinen Ditzinger Jugendspielern wünscht – „und ganz anders, als man ihn aus dem Fernsehen kennt“.

Der nette Junge von nebenan

Auf dem Platz, da sieht sich Mario Mandzukic als Gladiator, als Krieger, der um jeden Preis gewinnen will. Eine Ermahnung erhielt er vom Deutschen Fußball-Bund, weil er ein Tor für die Bayern mit einem angeblichen militärischen Gruß an zwei als Kriegsverbrecher verurteilte kroatische Generäle gefeiert hatte. Privat jedoch, das sagen alle, die ihn näher kennen, sei er der nette Junge von nebenan, der am liebsten seine Ruhe hat und dem die Familie über alles geht. Regelmäßig besucht er seine Schwester in Ditzingen und reist dabei immer möglichst unerkannt an, um im Ort ja kein Aufsehen zu erregen.

Irgendwann aber, das ist der große Wunsch von Bernd Hetzer und den anderen TSF-Ehrenamtlichen, wollen sie dem verlorenen Sohn einen zünftigen Empfang bereiten. „Wenn der Mario ein Jugendtraining leiten würde – das wäre für uns das Allergrößte“, sagt der Jugendleiter. Mario Mandzukic wird sich dem Wunsch kaum verschließen.

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