Nach 13 Jahren trägt Marc Schnatterer am Pfingstsonntag letztmals das Trikot des 1. FC Heidenheim. Eine Rückkehr in anderer Funktion lässt der 35-Jährige offen. Zunächst aber will er woanders weiter dem Ball nachjagen. Die Frage ist – wo?
Heidenheim - Die Ovationen der Fans in der Voith-Arena wären ihm gewiss gewesen. Vor leeren Rängen aber wird sich Marc Schnatterer nach seinem letzten Auftritt im Dress des Fußball-Zweitligisten 1. FC Heidenheim nach dem Schlusspfiff wahrscheinlich relativ fix in die Kabine begeben, ein Bierchen trinken mit Trainer Frank Schmidt, den Teamkollegen – und dann? „Werde ich wahrscheinlich zu Fuß nach Hause gehen und in dieser knappen halben Stunde noch einmal alles Revue passieren lassen“, sagt der Mittelfeldspieler vor der Partie an diesem Sonntag (15.30 Uhr) gegen den Karlsruher SC.
Gegen den KSC schließt sich der Kreis
Mit dem Duell gegen die Badener schließt sich für Schnatterer der Kreis. Zur Saison 2008/09 war der damals 23-Jährige vom KSC II zum gerade in die Regionalliga aufgestiegenen FCH gekommen. 13 Jahre später hat er 456 Spiele bestritten, 122 Tore erzielt und oft mit seinen Flanken, Freistößen und Ecken Futter für die Stürmer geliefert, zu 128 Toren lieferte er die Vorarbeit.
Denkwürdiger Sieg beim VfB
Gab es den einen einzigen Höhepunkt? Schnatterer fallen der 2:1-Zweitligaauswärtssieg vom September 2016 beim VfB Stuttgart ein, das dramatische 4:5 im DFB-Pokal-Viertelfinale im April 2019 in der ausverkauften Allianz-Arena beim FC Bayern. Und natürlich die Aufstiege 2009 in die dritte Liga und 2014 in die zweite Liga. Dass man in den Relegationsspielen vergangenen Juli gegen Werder Bremen (0:0, 2:2) haarscharf an der Bundesliga vorbeischrammte – deshalb weint er nachts nicht mehr ins Kissen, räumt aber ein: „Das wäre das i-Tüpfelchen auf meine Karriere gewesen.“
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Es hatte nicht viel gefehlt und diese Laufbahn wäre in Heidenheim beendet worden, ehe sie richtig begonnen hatte. Zwei Wochen nach seinem Wechsel vom KSC auf die Ostalb plagten ihn große Zweifel. Ist die Profilaufbahn das Richtige? Soll er nicht doch lieber ein Studium beginnen und nur nebenbei Fußball spielen? Die Verantwortlichen des FCH und seine Eltern daheim im Bönnigheim mussten ihn an zwei freien Tagen überreden, sich durchzubeißen.
Bodenständig und zuverlässig
„Die goldrichtige Entscheidung“, sagt Schnatterer im Nachhinein, der in der C-Jugend des VfB einst als zu schmächtig aussortiert wurde. Über den TSV Bönnigheim, den SGV Freiberg, mit dem er in der A-Jugend an der Seite von Marco Grüttner 2004 im Finale gegen Hertha BSC Vize-DFB-Pokal-Sieger wurde, ging es 2006 zum KSC, ehe er zwei Jahre später begann, die Erfolgsstory des FCH so maßgeblich zu prägen wie kein anderer Spieler. „In unserer Historie gibt es keinen Spieler, der als Leistungsträger, mit seiner Persönlichkeit und als Kapitän mehr für den Verein geleistet hat als Marc“, betont der Vorstandsvorsitzende Holger Sanwald. „Schnatti“ hebt sich im schnelllebigen Profigeschäft vom Großteil der Branche ab. „Marc ist immer er selbst geblieben. Bodenständig, zuverlässig, vertrauenswürdig, auf und außerhalb des Platzes“, bestätigt Dirk Lips, seit U-19-Zeiten sein Berater.
SV Waldhof ein Thema
Trotz all dieser Qualitäten hat der FCH im März bekannt gegeben, seinen im Sommer auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern. „Wir haben es uns nicht leicht gemacht, aber solch schwere Entscheidungen gehören zum Profifußball dazu“, sagt Sanwald. Doch Typen wie Schnatterer sind auch mit 35 Jahren noch gefragt. Und deshalb liegen ihm auch zahlreiche Angebote von der zweiten Liga abwärts an vor. „Ich habe Holger Sanwald gesagt, dass es eine Option sein kann, dass Marc in der kommenden Saison gegen den FCH antritt“, erklärt Lips. Wahrscheinlicher dürfte ein Engagement in der dritten Liga sein, wo der SV Waldhof Mannheim ein Thema sein könnte. Prädestiniert wäre eine mit klarem Kopf und hoher sozialer Kompetenz ausgestattete Führungsfigur wie Schnatterer auch als Säule in der zweiten Mannschaft eines Profiteams, beim FC Bayern, VfB Stuttgart, SC Freiburg oder 1899 Hoffenheim. „Auch so etwas könnte reizvoll sein“, sagt Schnatterer, der sich nicht in die Karten blicken lässt: „Noch ist nichts entschieden. Das Gesamtpaket muss stimmen, ich bin noch immer hungrig auf Erfolg.“
Zurück zum FCH?
Wenn er seine aktive Karriere beendet hat, kann er immer noch zum FCH zurückkehren. „Ihm stehen alle Türen offen“, versichert Sanwald. Schnatterer wird darüber nachdenken. Vielleicht auch am Sonntagabend bei seinem knapp halbstündigen Fußmarsch von der Voith-Arena nach Hause.