Ein Traum war in der Relegation geplatzt, die besten Spieler gingen – und dennoch hat der 1. FC Heidenheim nach dem verpassten Sprung in die Bundesliga die Kurve gekratzt. Jetzt schnuppert das Team wieder an den Aufstiegsplätzen. Wie ist das möglich?
Heidenheim - Im November schienen sich die Befürchtungen der Skeptiker zu bewahrheiten. Nach sechs Spieltagen stand der 1. FC Heidenheim in der Zweiten Fußball-Bundesliga mit gerade mal fünf Punkten auf dem drittletzten Platz. Aus dem DFB-Pokal hatte sich das Team von Trainer Frank Schmidt beim Drittligisten SV Wehen Wiesbaden auch schon in Runde eins verabschiedet. War doch klar, meinten die Chefkritiker: In den Relegationsspielen gegen Werder Bremen war der große Traum von der Bundesliga geplatzt, so eine Enttäuschung nimmt man mit in die neue Saison. Zumal die Tristesse gepaart war mit den Abgängen der besten und wichtigsten Spieler wie Niklas Dorsch, Sebastian Griesbeck und Tim Kleindienst.
Schlüsselsieg gegen Würzburg
Doch was passiert? Der FCH gewinnt am siebten Spieltag das Schlüsselspiel gegen die Würzburger Kickers mit 4:1 und kam in die Spur. Zuletzt gewannen die Stehaufmännchen von der Ostalb vier der vergangenen fünf Spiele, auch die Auswärtsschwäche scheint behoben (sieben Punkte aus den letzten drei Partien). Jetzt schnuppern sie plötzlich wieder an den Aufstiegsplätzen. Vor dem Duell an diesem Freitag (18.30 Uhr/Voith-Arena) gegen den Tabellenzweiten Holstein Kiel beträgt der Rückstand auf Relegationsplatz drei nur noch vier Punkte. „Vor uns liegen richtige Bretter“, sagt der Vorstandsvorsitzende Holger Sanwald und denkt dabei auch schon an die folgenden Partien beim Hamburger SV (20. März, 13 Uhr) und daheim gegen die SpVgg Greuther Fürth (4. April, 13.30 Uhr).
Eine Liga als Achterbahn
Ist der FCH plötzlich wieder ein Tipp für die Bundesliga? „Wir haben zehn Spieltage vor Schluss 39 Punkte, den Klassenverbleib und damit unsere Existenz gesichert. Das war nach dem massiven Umbruch im Sommer nicht zu erwarten. Und das ist, was für uns zählt“, lässt sich Sanwald nicht aus der Reserve locken. Und auch Frank Schmidt (47) sieht keinerlei Veranlassung für eine Kursänderung: „Wir beschränken uns nie vom Kopf her, wollen immer das Maximale, doch wir sind lange genug dabei, um zu wissen, dass es in dieser Liga ständig auf und ab geht.“
Dietterle lobt den Coach
Der Trainer – seit 2007 im Amt – ist der Hauptgarant dafür, dass sein Team bei dieser Achterbahnfahrt immer wieder die Kurve nach oben kratzt. „Frank ist mit Leib und Seele dabei. Unerbittlich und zäh, er lässt auch nach Rückschlägen nie nach. Abgänge von einzelnen Spielern kompensiert er über das Team, über die Einstellung“, beschreibt Schmidts früherer Coach, der Ex-VfB-Profi Helmut Dietterle, den „Mister 100 Prozent“.
Bleibt Kleindienst?
Zu solch einem Vollbluttrainer gehört auch zur Taktik, auf dem Spielermarkt zuzuschlagen, wenn sich eine Chance bietet. So war das bei Tim Kleindienst. Der Torjäger war im Sommer für eine Ablösesumme von 3,5 Millionen Euro zum belgischen Erstligisten KAA Gent gewechselt, im Winter nun holte ihn der FCH auf Leihbasis wieder zurück. Mit durchschlagendem Erfolg: In fünf Spielen traf der Stürmer siebenmal, zuletzt fiel der 25-Jährige wegen einer Sprunggelenksverletzung aus, auch gegen Holstein Kiel steht hinter seinem Einsatz in Fragezeichen. Liebend gerne würde ihn Heidenheim über die Saison hinaus an sich binden. „Die wirtschaftliche Lage in Corona-Zeiten ist herausfordernd schwierig, aber wir kämpfen mit allem, was wir haben“, betont Sanwald.
So wie man es von den Stehaufmännchen von der Ostalb eben gewohnt ist.