Beim Gladiatorenkampf kann man das Leben des Kämpfers retten. Foto: REM/Rebecca Kind

Wie haben die alten Römer gelebt? In einer Mannheimer Ausstellung kann man an Selfie-Stationen zum Legionär werden oder auf Latrine hocken. Bringt das mehr als Spaß?

Säßen sie selbst beim Zahnarzt, wäre das Geschrei vermutlich groß. Man muss sich nur mal vorstellen, dass einem der schmerzende Backenzahn ohne Narkose mit der bloßen Eisenzange herausgerissen würde. Das Blut rinnt, trotzdem herrscht freudiges Hallo an der Selfie-Station. Vor einem großen Gemälde kann man selbst zum alten Römer beim Zahnarzt werden. Ein Junge reißt den Mund dramatisch auf, der große Bruder spielt den Doktor. Tut so, als halte er die Zange, zerrt, reißt und ächzt. Mutti macht ein lustiges Foto – und weiter geht es zum nächsten Motiv.

 

Dass es ums Gebiss der alten Römer nicht gut bestellt war und mancher sogar mit Prothesen aus Tierzähnen sein tägliches Brot nagen musste, das haben die beiden Jungen zwar nicht mitbekommen, dafür aber schon zum Auftakt von „Rom lebt!“ etwas wirklich Ungewöhnliches gelernt: Museum kann Spaß machen. In Ausstellungen muss man nicht immer brav und leise sein, sondern darf manchmal auch spielen, rennen und toben, hüpfen, lachen und sogar quer durch die Säle „Oma, komm mal her“ rufen.

Fürs Foto kann man zum Legionär werden

Es ist ein besonderes Experiment, das die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim derzeit erproben, um vielleicht auch jene ins Haus zu locken, die ihre Freizeit nicht mit Kultur, sondern lieber mit dem Smartphone verbringen. In „Rom lebt!“ ist es nun sogar erwünscht, es griffbereit zu haben. Denn das Motto der Ausstellung lautet „Mit dem Handy in die Römerzeit“.

In der Hoffnung, das Interesse an alten Münzen oder einem rund 2000 Jahre alten Kamm zu wecken, wurden große Gemälde angefertigt, die direkt in den Alltag im alten Rom entführen: Hier ein Marktstand, dort eine Arena – und für das Foto können die Besucher so tun, als würden sie als Legionär in den Krieg ziehen oder beim Gladiatorenkampf gegen einen Tiger antreten.

Genau 19 Stationen stehen bereit, weshalb der arme Opa schon ganz außer Atem ist. Aufgedreht rennt sein Enkel von einem Gemälde zum nächsten und nutzt aus, dass sich der Opa im Dienste der Kultur so willig scheuchen lässt. „Jetzt mach hier mal ein Foto“, kommandiert er und kontrolliert umgehend jedes Bild, damit er auch gut zur Geltung kommt als Legionär oder Diener beim römischen Gelage.

Es herrscht viel Betrieb in dem Mannheimer Museum – selbst an einem gewöhnlichen Dienstagnachmittag, wo Eltern, aber auch viele Großeltern mit den Kindern unterwegs sind. Es ist schön anzuschauen, wie Jung und Alt hier beisammensitzen und Memory oder das „Rundmühlenspiel“ ausprobieren. Beim römischen Soldatenspiel ist Strategie gefragt, angestrengt denken zwei Brüder nach, während Mama dem jüngeren Tipps gibt: „Du darfst dich nicht einkasteln lassen, du musst ganz stark überlegen.“

Es sind die Erwachsenen, die immer wieder versuchen, ihre Kinder zu motivieren, sich doch auch ein wenig mit den Inhalten zu beschäftigen, schließlich geht man ja nicht nur in eine Römer-Ausstellung, um ständig nur Fotos von sich selbst zu machen. Auch Wilfried Rosendahl ist es wichtig, dass die Römerzeit zwar spielerisch, aber „dennoch inhaltlich reichhaltig und fundiert“ vermittelt wird. Der Direktor der Reiss-Engelhorn-Museen hat die Ausstellung persönlich mit Kuratoren und Pädagogen aus dem Haus konzipiert – und dabei versucht, Texte und Originalobjekte mit Spielstationen und „mit modernen Medien interaktiv zu kombinieren“, wie Wilfried Rosendahl es nennt.

Dass die spielerischen Elemente bestens angenommen werden, ist unübersehbar. Emsig werden bunte Quadrate wie ein Mosaik gelegt. Auf den Fußböden römischer Villen sollen auf den Mosaiken mitunter Essensreste abgebildet gewesen sein, damit Gäste sehen, welche Delikatessen sich die Hausbesitzer leisten können.

Rezept gegen Zahnschmerzen

Das allerdings erfährt nur, wer die Texttafeln liest, auf denen man auch Informationen zur römischen Republik, gewählten Volksvertretern und dem Kaiserreich erhält – oder erfährt, dass Karies weit verbreitet war. Gegen die Zahnschmerzen verordneten die Ärzte eine kuriose Füllung aus Salz, Myrrhe, Kümmel, Pfeffer und Essig. Wenn die nicht half, kamen Zahnzangen zum Einsatz. Eine, die im Hochtaunuskreis gefunden wurde, ist ausgestellt.

„Hier kann man, glaub ich, was erfahren“, sagt eine Mutter und lotst das Töchterchen vor einen Fernseher, auf dem ein Kurator allerhand Hintergründe erläutert. „Sieben fünf drei, Rom kommt aus dem Ei“, plappert das Mädchen fast automatisch nach – und kichert, weil die historischen Ausführungen auf dem Monitor auch in Gebärdensprache übersetzt werden. „Der Mann ist lustig, der das so macht“, meint sie – und fängt doch schon an, auf dem Sofa zu zappeln und ostentativ zu gähnen. Die Mutter will Vorbild sein und tut so, als würden sie die Ausführungen brennend interessieren, aber das Kind quengelt: „Ich verstehe gar nichts.“ Man kann es ihm nicht verübeln, Begriffe wie „Herrschaftsstrukturen“ sind alles andere als kindgerecht.

So klafft auch in dieser engagierten Ausstellung eine Kluft, die Museumsleute trotz aller Bemühungen offenbar nicht überwinden können: Sie ködern die Kinder mit niederschwelligen Angeboten – und verprellen sie im nächsten Schritt schon wieder mit sperrigen Texten und unnützem Spezialwissen. So erschweren auch hier unsinnige Details und Daten die Lektüre unnötig – und sind doch ohnehin sofort wieder vergessen. Kinder können es vielleicht nachplappern, vorstellen können sie sich ein Zeitfenster zwischen 509 vor und 395 nach Christus nicht annähernd. Selbst Erwachsene haben nicht zwangsläufig die weltgeschichtliche Zeitachse im Kopf.

„Hörst du zu?“, ermahnt ein Vater seinen Sohn an der Fühlstation. Hier können allerhand Objekte ertasten werden: eine kleine römische Ledersandale, ein Kamm oder Terra sigillata. Das, liest der Vater vor, „ist eine edle Art der Keramik“, die in einem „speziellen Töpferofen bei circa 950 Grad gebrannt“ wurde. Auch wenn der Junge zuhört, kann man seinem Gesicht ablesen, dass die „circa 950 Grad“ ins eine Ohr rein- und aus dem anderen wieder rausgehen. Warum soll er sein kleines Köpfchen auch überfrachten mit solch abseitigen Informationen, die zum Verständnis der Römer nicht mal etwas beitragen.

Im alten Rom hätte man kein Schüler sein wollen

Da probiert man doch lieber die römischen Gewänder an – Tunika, Stola und Toga. Eine Großmutter studiert die Anleitung und versucht, die diversen Stoffe richtig um den kleinen David zu wickeln. Fröhlich ruft er: „Ich bin ein edler Mann“, hüpft und rennt durch die Ausstellung – und steht doch schon wieder bei der Kleiderkiste: „Ich schwitz wie Sau.“

Spielerisch lernen – ein Konzept, dass sich Kinder im alten Rom vermutlich auch gewünscht hätten. Wer dort überhaupt etwas lernen durfte, hatte es nicht allzu gut, wurde oftmals angebrüllt oder geschlagen. Die Kindern lernten schreiben und rechnen auf kleinen Wachstäfelchen, in die man hineinritzen konnte. „Wärst du gern Schüler im alten Rom gewesen?“, fragt eine Mutter. „Nein“, antwortet die Tochter, soll jetzt aber auch einmal versuchen zu rechnen – und zwar mit römischen Zahlen. Auf einer Tafel muss eine falsche Rechnungen korrigiert werden, der Opa weiß, wie es geht und ergänzt neunmalklug: „D ist 500 und M tausend.“

Dann ist Muskelkraft gefragt, um einen wahrlich schweren Mühlstein in Bewegung zu versetzen. „Julia, tu mal so mahlen“, sagt eine Mutter, die sich vor allem für die Fotos des Töchterchens interessiert. Und schon steht das Mädchen artig neben dem schweren Mahlstein, lächelt hübsch – und weiter geht’s im Programm.

Die Römer hatten schon Klobürsten

Viele der Themen in der Ausstellung sind nah am Alltag, schließlich ist das Mannheimer Museum ein Haus für Kulturgeschichte. So führt der Rundgang auch auf die Toilette, die in römischen Mietshäusern aus schlichten Kübeln bestand. Öffentliche Latrinen waren komfortabler. Man setzte sich auf eine Steinplatte und erledigte das Geschäft durch ein Loch hinein in einen Abwasserkanal. Sogar Klobürsten gab es bereits – Stöcke, an denen ein Schwamm befestigt wurde.

Vor dem großen Latrinengemälde steigen zwei Brüder auf die Schemel und tun so, als würden sie sich in römischer Manier mit einem lautstarken „pffffff“ entleeren. „Da gab es keine Privacy“, sagt die Oma, aber mit einem „Wir müssen weiter“ rennen die Enkel schon wieder weg zu Ziegeln aus Kunststoff, die man auf ein kleines Dach legen kann. Ein paar Handgriffe, schon sagt der Große: „Wir haben es!“ „Aber ich“, schiebt der Kleine nach, „hab es als Erster hingekriegt.“

Am Schluss des Rundgangs wird an einem Automaten Wissen abgefragt. Vermutlich ist es das, was man aus Sicht der Kuratoren wenigstens mitnehmen sollte aus der Ausstellung. Ein Siebenjähriger steht mit der Oma davor, die offenbar so wenig wie er die Texte gelesen hat. Beiden können nur raten, ob Garum, die beliebte Würzsoße der Römer, aus Fisch, Tofu oder Gemüse bestand. Obwohl es der Junge war, die unbedingt ins Museum wollte, weiß er auch nicht, wie die Grenze zwischen dem Römischen Reich und den Germanen hieß. „Die Mauer“, rät er – und liegt leider auch bei dieser Frage falsch. Einen schönen Nachmittag hatten die beiden trotzdem.