Vor 80 Jahren mangelt es in Stuttgart an Gas. Die Verwaltung schließt Schulen, verhängt autofreie Sonntage und Kochverbote. Es ist nicht der einzige Mangel im Jahr 1942.
„Auch am Gaszähler lässt sich heute ein Stück Volksmoral ablesen“: So steht es am 18. November 1942 im Stuttgarter Tagblatt. Es ist Krieg, und das damals aus Kohle gewonnene Gas ist knapp. Zwölf Millionen Haushalte nutzen es ebenso wie die Industrie. Weil es kaum direkt rationiert werden kann, appellieren die Naziherrscher an die Moral. Schon im Januar schaltet das Stuttgarter Wirtschaftsamt eine Anzeige mit der Überschrift „Achtung! Gasverbrauch einschränken!“
Das hört sich ähnlich an wie die Appelle des Jahres 2022. Damals befindet Deutschland sich nicht in einem Wirtschafts-, sondern einem Weltkrieg. Entsprechend ist die Anzeige der Stadtverwaltung im Januar 1942 formuliert: „Spart Gas, Ihr helft auch damit der Front!“
Das Leben: ein einziger Mangel
Wichtig ist an dieser Stelle das Wörtchen „auch“. Neben solche Sparzwänge treten im Winter 1942 Sammelaktionen aller Art, jeweils gedacht für die Ostfront. Skier und Pelze werden lastwagenweise Richtung Russland geschickt, Fotos in der Zeitung dokumentieren die Opferbereitschaft der „Heimatfront“. Ganz freiwillig ist das in der damaligen Überwachungsgesellschaft nicht. Das gilt auch für die ausgeschalteten Gasheizungen und -backöfen. Später im Jahr 1942 werden gar explizite „Kochzeiten“ festgelegt.
Im Spätwinter 1942 läuft die Kohle- und Gasversorgung Ende März normal. Dennoch ist das Leben ein einziger Mangel. Stadtbahnen und Busse fahren nur eingeschränkt, Schulferien werden wegen Kohlemangel verlängert. Die Reichsbahn bittet, „aufschiebbare Reisen ganz zu unterlassen und unaufschiebbare Reisen nur in besonders warmer Bekleidung“ anzutreten – offenbar sind die Eisenbahnwaggons nicht geheizt. Der Fettgehalt von Milch wird auf 2,5 Prozent heruntergesetzt.
250 Gramm Käse pro Monat
Überhaupt die Lebensmittel: Fische gibt es Mitte Januar 1942 nur für Verbraucher mit den Nachnahmen A bis D, danach geht es weiter im Alphabet. Die Käseration wird auf 250 Gramm pro Monat gesteigert, ein Achtel des Verbrauchs im Jahr 2022. Da wirkt der Bericht von Mitte Februar 1942 wie eine Erfolgsmeldung, dass Haushalte „je eine ganze Dose Gemüsekonserven“ erhalten – allerdings nur, wenn sie rechtzeitig Abschnitt N37 von der Nährmittelkarte 29 abgegeben und somit vorbestellt haben. Es ist kompliziert in dieser Zeit.
Die Ursache nennt das Tagblatt ganz deutlich, nämlich „die totale Umstellung der Produktion auf die Kriegswirtschaft“. Sie stürzt unter anderem den Einzelhandel in schwere Turbulenzen. Die „Kleinverteiler“ reservieren ihre knappen Waren meist für Stammkunden – weil es eher an Kaufbarem fehlt als an Geld. Gebrauchtwaren werden daher teuer. Das Naziregime reagiert mit einer Preisobergrenze von 75 Prozent des Neupreises. Das soll es „unmöglich machen, dass aus Gründen einer kriegsmäßig gesteigerten Kaufkraft beziehungsweise verminderten Angebots Fantasiepreise gefordert und bezahlt werden können“.
Zigaretten werden zur Ersatzwährung
Mit der Einführung der „Tabakkarte“ legen die Nazis im Februar 1942 selbst die Grundlage, dass Zigaretten zur Parallelwährung avancieren. Der Krieg schlägt auf die Nerven und die Wehrmacht wird zuerst beliefert. Das gilt auch für Theaterkarten. Zivilisten kommen kaum an Tickets, was zu teils tumultartigen Szenen führt: „Meine 66 Jahre alte Mutter wurde so gegen die Eingangstüre gequetscht, dass sie sich in ärztliche Behandlung begeben musste“ schildert ein Tagblatt-Leser die Zustände an der Theaterkasse.
Mitte Februar 1942 verbietet Adolf Hitler per Verordnung sämtliche Autofahrten, die nicht der „Erfüllung kriegswichtiger oder kriegsentscheidender und lebenswichtiger Aufgaben“ dienen. Das ist höchst schwammig formuliert, konkret werden aber Fahrten zwischen Wohnort und Arbeitsstätte sowie alle Fahrten über mehr als 75 Kilometer Distanz verboten. Sonn- und Feiertage sind grundsätzlich autofrei. Das alles soll freilich weniger die Umwelt schonen, sondern die Benzinvorräte. Im November berichtet die Zeitung über verschärfte Kontrollen, weil „die Einschränkung nicht überall in dem möglichen Umfang erfolgt ist“. Wer noch ein Auto hat, lässt sich das Fahren also offenbar nicht ganz nehmen.
Die Stimmung in der Bevölkerung droht zu kippen, Schuld sind neben der Lage an der Front „die mannigfachen wirtschaftlichen Versorgungsschwierigkeiten“, schreibt der Generalstaatsanwalt Otto Wagner in einem Bericht vom Januar 1942. Er notiert auch „die rasche Zunahme des Ausverkaufs von Haushaltungsgegenständen und Verbrauchsgütern aller Art oder die Überhandnahme des Tauschhandels mit Mangelwaren“. Kaum einer lässt sich damals freilich träumen, dass das erst der Anfang ist.
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