Training am lebenden Objekt – ein Azubi simuliert Herzrhythmusstörungen. Im Team werden die Ersthilfe-Maßnahmen eingeleitet. Die Kommunikation untereinander ist bei Rettungseinsätzen ganz wichtig. Foto: Hauptmann

Im Zentrum für Simulation und Patientensicherheit des Malteser Hilfsdienstes werden Lebensretter realitätsnah geschult, damit sie im Notfall die richtigen Entscheidungen treffen. Solche Trainings sollen helfen, Fehler zu verhindern.

Wangen - He rr Läpple liegt schwer atmend im Bett. „Meine linke Brust tut so weh“, wimmert er kraftlos. Kalter Schweiß steht auf seiner Stirn, er stöhnt schmerzerfüllt. „Können Sie mich hören“, fragt der Notfallsanitäter immer wieder nach, während er seine Kollegen „brieft“. Routiniert legen sie eine Sauerstoffmaske an, ziehen Spritzen auf, kleben Elektroden auf die Brust – jeder einzelne Schritt wird Herrn Läpple erklärt. Doch dessen Zustand verschlechtert sich zusehens. Auf dem tragbaren Monitor leuchten gelbe und grüne Kurven auf. Sie zeigen an, Herrn Läpples Herzfrequenz ist viel zu hoch, ein Kollaps droht. Jetzt muss jeder Handgriff sitzen, in Sekundenbruchteilen müssen Entscheidungen getroffen werden, um sein Leben zu retten.

Was in solchen Notfalleinsätzen zu tun ist, wissen die Rettungskräfte ziemlich genau. „Wichtig ist aber nicht nur, dass sie ihr medizinisches Fachwissen sicher umsetzen“, betont Maximilian Hauber. „Sie müssen auch als Team gut zusammenarbeiten.“ Es gelte für die Beteiligten, sich schnell in eine unübersichtliche Situation einzufinden und trotz Stress und Zeitdruck umsichtige Entscheidungen zu treffen. „Ganz wichtig dabei ist, dass die Kommunikation funktioniert.“

Trainingseinheiten auch für Klinken

Bei den Maltesern in Wangen können Sanitäter, Rettungsassistenten, Ärzte und Pflegefachkräfte den Umgang mit Notfallsituationen trainieren: Im fünften Stock eines unscheinbaren Bürohochhauses an der Ulmer Straße befindet sich das Zentrum für Simulation und Patientensicherheit Stuttgart (SIM). Es ist 2013 aus dem Bereich Fort- und Weiterbildung des Rettungsdienstes entstanden und Teil des Malteser Hilfsdienstes. Das Angebot richtet sich jedoch nicht nur an die eigenen Mitarbeiter. Die Malteser sind nach den Kriterien der American Heart Association (AHA) zertifiziert, umfangreiche Schulungen und Trainingsmaßnahmen für Kliniken, Praxen oder auch sonstige Unternehmen durchzuführen. Die Teilnehmer erhalten Zertifikate, die weltweit anerkannt sind.

Maximilian Hauber und Sebastian Spinnler, zwei von insgesamt acht haupt- und ehrenamtlichen Instruktoren des SIM, sitzen an diesem Tag vor den Bildschirmen und verfolgen aufmerksam, was die Kameras und Mikrofone im Nebenzimmer aufzeichnen. Sie steuern Herrn Läpple – einen mit Technik vollgestopften lebensgroßen Dummy. Sie können zum Beispiel den Blutdruck steigen lassen, die Atmung ausschalten, Lungengeräusche simulieren, Puls und Temperatur verändern. Auch Frauen-, Kinder- und Babypuppen stehen als Trainingsobjekte zur Verfügung. Diese lassen sich beatmen, an ihnen können Zugänge gelegt werden und sie reagieren in der PC-gesteuerten Simulation wie Menschen auf therapeutische Maßnahmen. „Das ist so realistisch, dass die Teams den Übungscharakter schnell vergessen“, sagt Hauber, der selbst einen technischen Defekt wie einen Stromausfall simulieren kann.

Selbst Notfall in der Disco lässt sich üben

Im SIM lassen sich verschiedene Notfallszenarien realitätsnah durchspielen. Ein häuslicher Unfall im eigens aufgebauten Wohnzimmer, ein Sturz von der Leiter im Garten, ein Zusammenbruch auf der Tanzfläche in der Disco beispielsweise. Selbst Großübungen unter freiem Himmel führen die Malteser an ihrem Stammsitz in Wangen durch. „Die Bedingungen sind bei jedem Einsatz anders“, weiß Hauber aus Erfahrung. Mal sei es stockdunkel, mal spiele laute Musik, mal sei der Platz sehr beschränkt. Das alles würde die Abläufe erschweren. „Trotzdem muss alles reibungslos funktionieren.“

Das SIM bereitet die Lebensretter darauf vor, die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt zu treffen – ohne Risiko und Gefahr für den Patienten. Hauber, der ausgebildete Rettungsassistent, vergleicht Simulationen in der Notfallmedizin mit dem Training von Piloten, die mehrmals im Jahr die Abläufe im Flugsimulator auffrischen müssen, um die Fehler- und Unfallwahrscheinlichkeit zu reduzieren. „Ohne Training kann gute Teamarbeit nicht funktionieren“, betont er. „Jedes Team muss aufeinander eingespielt sein, alle an einem Strang ziehen.“ Die Schulung im geschützten Raum soll helfen, Stress und damit Fehlentscheidungen zu vermeiden. „Der echte Notfall verliert seinen Schrecken, wenn man das Szenario schon mal durchlebt hat“, ist Hauber überzeugt.

Die Übung wird anschließend von den Teilnehmern und dem Instruktor analysiert. Dabei geht es nicht darum, Noten zu verteilen, sagt Spinnler. Sondern vielmehr darum, das eigene Tun zu hinterfragen, um daraus Verbesserungen abzuleiten.

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