Das Erzählen von Märchen – hier eine Illustration mit verschiedenen Märchenfiguren im Wald – gehört zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. Foto:  

Der Märchenkreis Stuttgart wurde vor 30 Jahren aus der Taufe gehoben. Die Mitglieder wissen: Männlichen Erzählern hängen die Zuhörer mehr an den Lippen als Frauen. Außerdem erläutern sie, warum Kinder unbedingt Märchen brauchen.

Sillenbuch - Heute vor 30 Jahren wurde die mit aktuell 80 Mitgliedern größte ehrenamtlich organisierte Vereinigung von Märchenfreunden im Südwesten gegründet. Und der Verein, an dessen Spitze seit März 2018 die Riedenbergerin Monika Ley steht, hat zu seinem 30-jährigen Bestehen ein Programm auf die Beine gestellt, das laut der Vorsitzenden das größte seit Jahren ist und vor allem durch die finanzielle Unterstützung durch die Märchen-Stiftung Walter-Kahn realisiert werden konnte.

Zusätzliche Plattform für Märchenfreunde

Mit Monika Ley hat der 1989 gegründete Märchenkreis eine Vorsitzende, die die Entwicklung des Vereins von der ersten Stunde an miterlebt hat. Ende der 1980er Jahre hatten sich unter anderem Arnica Esterl, Sigrid Früh und Christoph Bloss überlegt, wie man einen Verein etablieren kann, der sich ergänzend zur seit 1956 bestehenden Europäischen Märchengesellschaft im nordrhein-westfälischen Rheine mit Märchen in ihrer ganzen Vielfalt beschäftigt. „Bis zur Gründung des Märchenkreises sind die Drei – wie andere Märchenbegeisterte aus dem Südwesten – zum Austausch mit ihresgleichen oft nach Rheine gefahren“, weiß Ley. „Der neue Verein sollte keine Konkurrenz zu dem in Rheine sein“, so Ley. Man wollte aber eine zusätzliche Plattform für Märchenfreunde „südlich der Mainlinie etablieren“, wie es Markus Herzig formuliert. Er kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins und ist vielerorts als Märchenerzähler zu erleben.

Hat der Verein in den Anfangsjahren noch Tagungen mit bis zu 400 Teilnehmern ausgerichtet, so hat er zuletzt kaum mehr Großveranstaltungen organisiert. Vor allem personelle und finanzielle Gründe waren dafür verantwortlich, dass diese auf Eis gelegt wurden. Die Mitglieder des Märchenkreises begegnen sich indes übers Jahr hinweg „im Schnitt rund einmal pro Monat“, sagt Herzig: Unter anderem bei sogenannten Wohnzimmertreffen oder Abenden in der Heidebuchhandlung. Außerdem gibt es regelmäßig Aus- und Fortbildungen für Erzähler. Schließlich gehört das Märchenerzählen inzwischen zum Immateriellen Kulturerbe der Unesco.

Männliche Erzähler sind begehrt

Das Gros der aktiven Mitglieder ist weiblich, Markus Herzig als Erzähler die Ausnahme. „Wenn Männer aber Märchen erzählen, hängen ihnen die Zuhörer meist mehr an den Lippen, als wenn Frauen die Vortragenden sind“, sagt Ley. Die Mitglieder des Märchenkreises kommen nicht nur aus der Region Stuttgart. „Sie sind zwischen Hohenlohe, dem Schwarzwald und dem Bodensee zu finden“, sagt Herzig, der sich auf Märchen der Gebrüder Grimm spezialisiert hat. Andere Mitglieder begeisterten sich eher für nordische Märchen oder solche, die ihren Ursprung in Asien oder Australien haben. „Gerade diese große Vielfalt macht den Verein aus“, so Herzig.

Märchen, so betonen Ley und Herzig, seien längst nicht nur was für Kinder. Gerade Senioren würden die frei erzählten Geschichten oft goutieren – und so auch an ihre Kindheit und Jugend erinnert. Daher seien Märchenerzähler heute auch öfter in Senioreneinrichtungen anzutreffen. Aber auch Kranke und deren Angehörige schätzen es, Erzählern zu lauschen. So werden schon seit zehn Jahren im Diakonieklinikum immer mittwochs Märchen vorgetragen. Und auch in Museen tragen Mitglieder des Vereins häufig Märchen vor und erreichen dort regelmäßig ein großes Publikum – so in Waldenbuch oder Beuren.

Sorge um Verlust um das Wissen von Märchen

Märchen sind Superdoping fürs Kinderhirn“, ist Ley überzeugt, und Herzig ergänzt: „Sie sind für das Reifen der Kinder ganz wichtig.“ Dies gelte auch für die in den Märchen enthaltenen Grausamkeiten, denn: „Kinder gehen anders als Erwachsene mit den Inhalten um.“ Sorge bereitet den beiden, dass klassische Märchen in jüngeren Familien immer seltener eine Rolle spielten. Wenn aber nicht mehr alle die gängigen Märchen kennen würden, verändere das auch die Gesellschaft.

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