Betriebsrat und Geschäftsleitung sehen sich häufig vor Gericht. Foto: factum/Granville

Beim DRK-Kreisverband Ludwigsburg herrscht Kleinkrieg: Geschäftsleitung und Betriebsrat streiten sich vor Gericht, die Gewerbeaufsicht ermittelt. Nun muss das Rote Kreuz zwei wichtige Rettungswagen aufgeben.

Ludwigsburg - Konflikte zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat gibt es in vielen Unternehmen. Dass aber alle Betriebsratsmitglieder mit Androhung einer Geldstrafe verklagt werden, kommt selten vor. Genau das ist beim DRK-Kreisverband Ludwigsburg geschehen. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs: Die Mitarbeiter und ihr Chef streiten sich auf vielen Ebenen – oft vor Gericht.

Das Rote Kreuz im Kreis Ludwigsburg kommt nicht aus den Schlagzeilen. Zwar ist die vor drei Jahren drohende Insolvenz abgewendet. Doch im Kreisverband mit seinen 200 Mitarbeitern tobt ein Machtkampf zwischen dem Geschäftsführer Manfred Hormann und dem Betriebsrat. Mindestens zehn Mal wurde das ein Fall für Arbeitsrichter, die Kommunikation findet fast nur über Anwälte statt. In den meisten Fällen scheiterte die Geschäftsleitung vor Gericht mit dem Versuch, auf juristischem Weg ihre Ziele durchzusetzen.

Häufiger Gang vor Gericht

Oft geht es nur um Petitessen wie den Kauf von Fachliteratur oder eine Betriebsvereinbarung zur Videoüberwachung. Im November wurde nun eine Unterlassungsklage der DRK-Leitung verhandelt. Es ging es um einige Tausend Euro ausstehende Gehaltszahlungen, die ein Mitarbeiter einklagen wollte. Hormann weigerte sich, das Geld auszuzahlen. Die Betriebsräte schrieben in einer E-Mail im Januar an den Vorstand deswegen von „Unterschlagung“, der Geschäftsführer verklagte sie auf Unterlassung: Sie sollten diese Behauptung zurücknehmen. Der Ludwigsburger Arbeitsrichter Falk Meinhardt vermittelte einen Vergleich: Beide Seiten entschuldigten sich.

Doch befriedet ist der Konflikt noch längst nicht. In einer Betriebsversammlung warfen Betriebsratsmitglieder laut Zeugen Manfred Hormann vor, nicht zu den im Betriebsverfassungsgesetz vorgeschriebenen monatlichen Gesprächen mit ihnen zu erscheinen. Der DRK-Justiziar Achim Lacher wiederum schrieb in einem Brief von einer „Fundamentalopposition des Betriebsrates“.

Verlust von Aufträgen

Der nächste Konflikt steht vor der Tür: Das Rote Kreuz muss zwei prestigeträchtige Aufgaben abgeben – den sogenannten Intensiv-Transportwagen ITW und das Notarzt-Einsatzfahrzeug am Ludwigsburger Krankenhaus. Was bei den Mitarbeitern zu großer Frustration führt, denn in diesen Fahrzeugen finden herausfordernde Fahrten mit intensiver Betreuung statt.

So bleiben nur die meist langweiligen Routinefahrten übrig. Einige sollen, wie aus Mitarbeiterkreisen zu hören ist, bereits gekündigt haben, andere denken darüber nach. Die Fahrten übernimmt übrigens der Arbeiter-Samariterbund (ASB), der ohnehin bereits viele der vom DRK gelassenen Lücken füllt: Nur noch 55 Prozent der Rettungsdienstfahrten im Kreis erledigt das Rote Kreuz, Tendenz fallend, der ASB bereits 35 Prozent.

Die Gewerbeaufsicht ermittelt

Die dünne Personaldecke führt zu Personalengpässen, manchmal sogar zu Doppelschichten bis zu 14 Stunden. Das Gewerbeaufsichtsamt untersucht seit 2017, ob es Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz gibt, wie Markus Klohr, der Sprecher des Landratsamts bestätigt. In einem Brief, der unserer Zeitung vorliegt, wird erklärt, die Kreisbehörde prüfe die Dienstpläne und bitte um Begründungen für massive Dienstausfälle. So kam es im September zu 33 Ausfällen, 95 Stunden lang konnte das DRK keinen Wagen vorhalten.

Exodus bei Führungskräften

Das angespannte Arbeitsklima beim DRK hat auch Führungskräfte vergrault. Der Rettungsdienstleiter Ernst Baldauf etwa schied 2016 im Streit mit der Geschäftsleitung aus, sein Nachfolger Holger Dirschedl hat wieder gekündigt, aus privaten Gründen, wie es heißt. Der Finanz-Controller Helmut Becker trat eine Stelle beim DRK-Landesverband an. Er will sich dazu nicht äußern. Mitarbeiter berichten aber von zahlreichen Konflikten mit dem Geschäftsführer Manfred Hormann.

Dieser hat im Mai den seit 41 Jahren angestellten Pressesprecher Arnim Bauer fristlos entlassen, weil er in der DRK-Mitgliederzeitschrift Kritik an fehlender Kommunikation der Geschäftsleitung geübt hat. Das Ludwigsburger Arbeitsgericht erklärte die Kündigung für unzulässig.

Der Richter Falk Meinhardt, der inzwischen dicke Aktenstapel zu DRK-Prozessen hat, sagte bei der Verhandlung im November: „Man muss nicht mit immer dem Holzhammer vorgehen, der Instrumentenkasten kennt andere Werkzeuge.“

Was die Geschäftsführung zu den Vorwürfen sagt

Der 62-jährige Manfred Hormann, der auf eine lange Management-Karriere im Gesundheitswesen zurückblickt, sieht die Lage völlig anders. „Ich bin vor drei Jahren als Sanierer angetreten, und da macht man sich keine Freunde“, erklärt er auf Anfrage.

Das Klima sei mitnichten vergiftet, im Gegenteil: „In der Abteilung Sozialarbeit herrscht eine Bombenstimmung.“ Der Umzug der Verwaltung in die Reuteallee sei ohne Knirschen und Quietschen über die Bühne gegangen: „Da sind alle happy.“ In der Rettungsdienst-Abteilung gebe es zwar einige Kritiker, sagt Hormann: „Manche haben immer was zu meckern.“

Doch auch hier werde die Stimmung besser. Dass es Konflikte mit dem Betriebsrat gegeben habe, räumt Geschäftsführer Hormann ein: „Seit der Neuwahl in diesem Jahr ist es aber ruhiger geworden.“ Dass er nicht zu den sogenannten Monatsgesprächen mit den Betriebsräten geht, begründet Hormann so: „Ich schicke zu den Gesprächen einen kompetenten Stellvertreter, dazu ist mir die Zeit zu schade.“

Schwarze Zahlen?

Für den Abgang der Führungskräftehat Hormann ebenfalls Erklärungen: Einer wechsle aus privaten Gründen, der andere habe bessere Angebote bekommen. „Ich habe noch keine Führungskraft erlebt, die von Frustration gesprochen hat“, betont der 62-Jährige. Er sieht den Kreisverband sogar auf Erfolgskurs: Nach zwölf Jahren mit Verlusten und drohender Insolvenz sei man im Kreis seit 2016 wieder in schwarzen Zahlen, und für dieses Jahr rechnet Hörmann nach eigenen Angaben mit bis zu 150 000 Euro Gewinn.

Diese Zahlen werden allerdings intern bezweifelt – Kenner des DRK verweisen darauf, dass die Verschuldung ansteige. Zudem habe sich der Kreisverband Geld von den Ortsvereinen geliehen, wie der DRK-Vorstand bestätigt. Überprüfen lassen sich die Zahlen nicht: Die Jahresberichte sind nicht zugänglich und stehen seit Neustem auch nicht mehr auf der Homepage.

Strukturelle Probleme

Kenner der Rettungsdienstszene im Landkreis wundern sich über die Vorgänge beim Roten Kreuz. Die vielen Prozesse, häufige Kündigungen und jetzt die Aufgabe der zwei wichtigsten Rettungsfahrzeuge: „Das Rote Kreuz kann immer weniger Dienste abdecken, während ASB, Johanniter oder Malteser das schaffen“, sagt ein Insider, der seinen Namen nicht genannt wissen will.

Ein Teil der Probleme liegt auch in der Struktur des DRK: Während etwa der ASB landesweit organisiert ist, ist das Rote Kreuz kleinteiliger. Der hauptamtliche Apparat wird von einem ehrenamtlichen Vorstand kontrolliert. Früher waren das meist Kommunalpolitiker wie der Vize-Landrat Utz Remlinger. Seit 2017 steht der 77-jährige Ruheständler Walter Adler aus Ingersheim an der Spitze des Verbandes.

Der ist zwar ein Rotkreuzler durch und durch, war 29 Jahre Kreisbereitschaftsleiter und saß im Betriebsrat einer RWE-Tochter. Doch das Tagesgeschäft kann der Rentner nicht kontrollieren. „Wir haben volles Vertrauen in Herrn Hormann, der Vorstand seht vollständig hinter ihm“, sagt Adler. Das Klima werde wieder besser.

Vergiftete Atmosphäre

Bei einer Betriebsversammlung war davon, so berichten es Teilnehmer, wenig zu merken. Manfred Hormann soll vorgerechnet haben, wie viel Geld die Arbeit der Arbeitnehmervertreter das DRK jedes Jahr koste. Ein Betriebsrat soll erklärt haben: „Eine Kommunikation mit der Geschäftsleitung findet derzeit nicht mehr statt.“

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