Die Bibel nach Martin Luther in einer Ausgabe der Deutschen Bibelgesellschaft. Foto: dpa

Sie war ein Jahrhundert-Ereignis und wirkt bis heute: Die Übersetzung der Bibel durch Martin Luther. Für Protestanten ist sie das Grundbuch des Glaubens, für die Deutschen ein Quell der Sprache.

Stuttgart - Die konfessionellen Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten kann man bei einem Werk wie der Lutherbibel getrost außer acht lassen. Keine andere Übersetzung des Originals in deutscher Sprache reicht an die Meisterleistung des Wittenberger Reformators heran.

Luther war als Sprachschöpfer der Größte

Auch wenn die Katholische Kirche auf ihre „Einheitsübersetzung“ baut, muss man als Katholik ohne falsche Scham zugeben: Martin Luther war als Sprachschöpfer der Größte. Er hat nicht nur Wort für Wort übersetzt, sondern den Geist der Bibel eingefangen und für das einfache Volk zugänglich gemacht.

Schon bevor Luther (1483-1546) seine „Biblia Deudsch“ 1534 erstmals veröffentlichte, gab es 18 verschiedene deutsche Ausgaben. Die Mentelin-Bibel von 1466 war die erste, die zehn Jahre nach der lateinischen Gutenberg-Bibel in Straßburg erschienen war. Da die meisten Gläubigen der lateinischen Sprache nicht kundig waren, benötigte man eine Bibel in der Volkssprache.

Die erste Übersetzung fand im unfreiwilligen Exil statt

Als Luthers 1521 auf dem Rückweg vom Wormser Reichstag nach Wittenberg von bewaffneten Reitern entführt wurde, brachte man ihn auf Geheiß des sächsischen Kurfürsten Friedrich den Weisen auf die Wartburg bei Eisenach. Hier im erzwungenen Exil hatte er genug Zeit und Muße, die 27 Schriften des Neuen Testaments in nur elf Wochen ins Deutsche zu übersetzen. Und zwar nicht in einen der vielen Dialekte, sondern in die sächsische Kanzleisprache (auch Meißner Kanzleideutsch), die ein Vorläufer des allgemeinen Standarddeutsch war und von vielen damals verstanden wurde.

Im September 1522 wurde die erste Auflage des Neuen Testaments mit 3000 Exemplaren in Wittenberg gedruckt. Im Dezember 1522 folgte bereits die zweite Auflage. Nachdem Luther auch das Alte Testament aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen hatte, erschien 1534 die erste Gesamt-Lutherbibel. Bis zu Luthers Tod 1546 seien einschließlich der Raubdrucke rund 430 Teil- und Gesamtausgaben seiner immer wieder überarbeiteten Bibelübersetzung erschienen, erklärt der Innsbrucker Germanist Jörg Meier.

Dem Volk aufs Maul schauen

Der ungeheure Erfolg war nicht nur der Tatsache zu verdanken, dass Luther die sächsische Kanzleisprache wählte, sondern vor allem seiner Maxime, allgemeinverständlich zu übersetzen: „Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen“, schrieb er 1530.

Der Reformator war zudem der erste, der als Vorlage neben der lateinischen „Vulgata“ – der lateinischen Bibelübersetzung des Hieronymus, entstanden Ende des vierten Jahrhunderts – die hebräischen und griechischen Urtexte nutzte, die erst wenige Jahre zuvor herausgegeben worden waren.

Die Bibel war für Luther die entscheidende Norm

Hinzu kam, dass Luthers Theologie der Bibel einen herausragenden Stellenwert verschaffte: „Als Heilsmittel und als Glaubensnorm nahm sie eine zentrale Rolle im kirchlichen und religiösen Leben der Reformation ein“, betont der Marburger Kirchengeschichtler Wolf-Friedrich Schäufele. Luthers theologische Erkenntnis: Gott offenbart sich in der Bibel selbst. Man braucht nicht die Kirche und ihre Hierarchie , um ein persönliches Verhältnis zu Gott zu bekommen. Jeder Gläubige hat durch die Bibel direkten Zugang zu Gott.

Zum Erfolg der Lutherbibel trug nicht zuletzt bei, dass sie in Massen gedruckt und dadurch im Preis erschwinglich wurde. Nach Angaben des Kirchengeschichtlers Albrecht Beutel wurde sie ganz oder in Teilen in den ersten 50 Jahren an die 100 000 Mal gedruckt. „Musste man vor Luther für einen Bibeldruck den heutigen Gegenwert eines Mercedes der S-Klasse bezahlen, so kostete eine Lutherbibel im 16. Jahrhundert so viel wie heute ein Kühlschrank“, sagt der Theologe Hartmut Hövelmann.

Die Lutherbibel wurde das Bildungsbuch der Schulen in den evangelischen Landesteilen und Städten bis 1800, erläutert Hövelmann. „Mit der Lutherbibel lernte man das Lesen und die deutsche Sprache.“

Sprüche, die Sprachgeschichte schrieben

Ihre Formulierungen wandelten sich zu Redewendungen, etwa „Hochmut kommt vor dem Fall“ (Sprüche 16,18), „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ (Prediger 10,8), „Ihr sollt eure Perlen nicht vor die Säue werfen“ (Matthäus 7,6), „ein Herz und eine Seele sein“ (Apostelgeschichte 4,32).

Luthers Wirkung auf die deutsche Sprache sei herausragend, urteilt Jörg Meier. Luther habe mit den anderen Reformatoren die Entwicklung einer überregionalen Schriftnorm beschleunigt.

Luther, Schiller, Goethe, Wieland

„Luther hat uns unsere Sprache gegeben, sie ist auch die Sprache Goethes, Schillers, Wielands“, sagt der frühere Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Anglist und Übersetzer Klaus Reichert. „Die Lutherbibel ist eines der großartigsten Zeugnisse für die deutsche Literatur der Renaissance.“ Ohne sie hätte es das evangelische Christentum und dessen Volksfrömmigkeit nie gegeben.

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