Der Prototyp des ersten flugfähigen „Flugtaxis“, der eVTOL von Lilium. Foto: dpa/Daniel Karmann

Das deutsche Lufttaxi-Start-up verhandelt mit Frankreich über Kreditbürgschaften. Das würde dortige Serienfertigung im großen Stil nach sich ziehen. Deutschland hadert noch.

Für die Luft- und Raumfahrtindustrie hat Frankreich schon immer ein offenes Ohr gehabt. So kam die Initialzündung für den europäischen Boeing-Rivalen Airbus von dort. Nach Jahren strikter Balance mit Deutschland ist Airbus heute ein vom französischen Toulouse aus gesteuerter Konzern. Jetzt ist das Nachbarland in kleinerem Maßstab dabei, erneut den Geldbeutel für innovative Luftfahrt in Form senkrecht startender und landender Elektroflieger zu öffnen. Mit dem deutschen Lufttaxi-Startup Lilium verhandle man über Staatsgarantien und eine Werksansiedelung im großen Stil, wurde beim Wirtschaftsgipfel „Choose France“ im Schloss Versailles bei Paris bekannt. Für Lilium könnte das viele Finanzierungsprobleme lösen.

 

Lilium würde sich auf einen Schlag verdoppeln

Man stehe in fortgeschrittenen Gesprächen mit der französischen Regierung über mögliche staatliche Subventionen und Kreditbürgschaften sowie eine neue Fabrik zur Massenproduktion in Frankreich, erklärte das bayerische Startup. Als Standort ist der Südwesten Frankreichs um die Großstadt Bordeaux im Gespräch, die als Zentrum für Batteriefertigung gilt. Für Elektroflieger ist das eine entscheidende Zulieferindustrie. Das gesamte dortige Investitionsvolumen wird auf bis zu 400 Millionen Euro taxiert. 850 Arbeitsplätze würden vor Ort entstehen. Dazu kämen Folgeeffekte bei Zulieferern.

Lilium würde sich damit auf einen Schlag fast verdoppeln. Das von Oberpfaffenhofen bei München aus gelenkte Unternehmen beschäftigt heute rund 1000 Mitarbeiter. Dort hat vor kurzem auch die Produktion begonnen mit einem jährlichen Kapazitätsziel von 200 bis 300 Elektrofliegern. Eine zweite Fabrik in Frankreich könnte noch größere Dimensionen erreichen. Weitere Werke in Asien und den USA sind möglich. Insgesamt kalkuliert Lilium in zehn Jahren global mit einem branchenweiten Bedarf von jährlich gut 4000 Flugtaxis. Die Bayern wollen marktführend dabei sein.

Lilium braucht zudem Geld

Dafür benötigt Lilium noch zweierlei. Zum einen finale Flugzulassungen durch die europäische Flugsicherheitsbehörde Easa und ihr US-Pendant FAA. Als einziger Flugtaxi-Hersteller weltweit verfügt das Startup bereits über Zertifizierungsgrundlagen auf beiden Seiten des Atlantiks. Was Lilium zudem braucht, ist Geld. Dafür könnte nun Frankreich sorgen, falls die laufenden Gespräche wie vorgesehen in den nächsten Wochen erfolgreich abgeschlossen werden.

Das verbindet Lilium mit dem zweiten deutschen Flugtaxi-Startup Volocopter aus Bruchsal in Baden-Württemberg. Wie dieses hat Lilium auch in Deutschland eine Staatsbürgschaft beantragt. Im Fall von Volocopter haben erst Baden-Württemberg und dann auch Bayern in Person von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) abgelehnt. Der Bund in Form des Bundesverkehrsministeriums wäre offen, aber nur wenn ein Bundesland mitzieht.

Für Volocopter stehen die Chancen gut

In beiden Fällen – Lilium wie Volocopter – geht es um je 50 Millionen Euro für Bund und Land, die jeweils Folgeinvestitionen privater Geldgeber auslösen würden. Den Lilium-Antrag hat Aiwanger noch nicht abgelehnt. Aber nach dem Nein für Volocopter stehen die Chancen schlecht. Der Minister hat die Absage an Volocopter mit risikobehafteter Technologie begründet und führt dazu ein Gutachten ins Feld. Aus dem zitiert auch das Bundesverkehrsministerium, allerdings ganz anders als der bayerische Wirtschaftsminister Aiwanger. Volocopter sind realistische Chancen zuzuschreiben, heißt es in der Variante. Die Finanzierung, die der Bund mittragen würde, sei ein sinnvolles Instrument und wirtschaftlich vorteilhaft.

Wenn Frankreich Luft- und Raumfahrt fördert, zieht Deutschland nach

Eine französische Karte wie Lilium kann Volocopter nicht spielen. Bei den Bayern sitzt nicht nur der frühere Airbus-Chef Tom Enders dem Aufsichtsrat vor. Das dortige Spitzenpersonal ist zudem durchsetzt von früherem Airbus-Managern mit engen politischen Kontakten nach Frankreich. Ein Lilium-Sprecher beruhigt. „Auswirkungen auf die Wachstumsperspektiven in Bayern hat das nicht“, sagt er mit Blick auf das französische Engagement. Einen zweiten Standort hätte man ohnehin benötigt, um den Bedarf an Flugtaxis zu befriedigen. Knapp 800 Bestellungen hat Lilium in den Büchern.

Den sich anbahnenden Schritt ins Nachbarland haben die Bayern aber auch mit dem dortigen staatlichen Förderumfeld begründet. Zudem kann der französische Standort schnell zum dominierenden werden, falls die deutsche Politik weiter die kalte Schulter zeigt. Das könnte sich nun ändern. „Wenn Frankreich die Luft- und Raumfahrt erst einmal fördert, tut sich Deutschland oft leichter nachzuziehen“, beschreibt ein Branchenexperte historische Erfahrungen. Zumindest für Lilium könnte das gelten.

Volocopter hat die Hoffnung auf staatliche Bürgschaften aus Deutschland mehr oder weniger begraben. Um Finanzierung verhandelt wird dem Vernehmen nach aktuell nur mit bestehenden und neuen Privatinvestoren, die aus Europa und anderen Teilen der Welt kommen. Was das für Standorte bedeuten kann, zeigt das Beispiel Lilium und Frankreich.

Lilium
Lilium wurde 2015 von vier Studenten gegründet und ist an der US-Börse Nasdaq gelistet. Mittlerweile haben vor allem Ex-Luftfahrtmanager von Airbus das Steuer übernommen. So hat Lilium-Chef Klaus Roewe einmal die Entwicklung des Airbus A 320 neo geleitet. Der siebensitzige Lilium Jet, der dieses Jahr erstmals bemannt fliegen soll ist ein elektrisches Miniflugzeug mit Flügeln und 175 Kilometern Reichweite, das senkrecht starten wie landen kann. Es ist für kurze Regionalflüge gedacht.

Volocopter
Volocopter aus Bruchsal in Baden-Württemberg dagegen ähnelt einem Minihubschrauber, der innerstädtisch auf Strecken von rund 20 Kilometern fliegen soll. Das Start-up wurde vom Softwareentwickler Stephan Wolf, seinem Jugendfreund Alexander Zosel und dem Physiker Thomas Senkel 2011 gegründet. Rund 600 Millionen Euro und damit etwa die Hälfte dessen, was in Lilium steckt, haben private Geldgeber in die Firma investiert. Darunter sind Mercedes Benz und der chinesische Autobauer Geely.