Der Galgenberg bei Leonberg ist mittlerweile völlig überwuchert. Foto: Nathalie Mainka

Zwischen Leonberg und Renningen liegt der Längenbühl. Dort wurden zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert zahlreiche Menschen hingerichtet.

„Der Galgenweg, wovor dem Wandrer graut, seitlich sich abzweigt nach dem Längenbühle; und des Schafotts vermorschetes Gestühle Vergebung flehend, Gottesgnadenkraut.“ Die meisten kennen den Längenbühl zwischen Leonberg und Renningen eher von Staumeldungen auf der B 295 oder von den Vorstellungen des Naturtheaters. Doch der bewaldete Hügel birgt so manches dunkle Geheimnis. Auf dem Galgenberg von Leonberg, dem der Schriftsteller Christian Wagner das anfangs zitierte Gedicht gewidmet hat, wurden zahlreiche Menschen gefoltert und hingerichtet und dann in der Nähe begraben.

Der Längenbühl ist nicht arm an Mythen und Legenden: Von der verwunschenen Maisenburg wird erzählt, dass sie einst auf dem Hügel oberhalb des Wasserbachs bei Renningen stand. Doch es gibt keine Grundmauern mehr, die das belegen. Was bleibt, sind Sagen um ein umspuktes Gemäuer, dessen Existenz und genauer Standort bis heute Rätsel aufgeben. Der Galgenberg bei Eltingen dagegen ist eine traurige Tatsache.

„1590 ist der Galgenberg bereits eingezeichnet in der damaligen Forstkarte“, berichtet Anke Steck, Leiterin des Leonberger Stadtarchivs. Demnach befindet sich die einstige Richtstätte nahe der heutigen Bundesstraße B 295, wenige Hundert Meter westlich von der Ausfahrt nach Warmbronn. „Das ist ein sehr unscheinbares Hügelchen, das mittlerweile überwachsen ist“, erklärt Anke Steck.

Wie alt ist der Galgenberg?

Wie alt genau der Richtplatz ist, lässt sich nur schwer sagen. „Ursprünglich befand sich die Richtstätte von Leonberg am Oberen Tor“, erklärt die Stadtarchivarin. Das liegt beim heutigen Gasthaus Krone (Glemseckstraße 6). Laut Überlieferung wurde der Richtplatz im 16. Jahrhundert auf den Längenbühl verlegt. Genauere Daten liegen aber nicht vor.

Von der Abfahrt der Bundesstraße 295 nach Warmbronn liegt der Galgenberg in westlicher Richtung. Inzwischen ist er von hohen Bäumen verdeckt. Foto: Simon Granville

„Die erste Hinrichtung, von der wir wissen, war 1573“, berichtet Anke Steck. Sie betraf eine Magd mit Namen Magdalena Brodbeck aus Warmbronn. „Sie soll mit ihrem Brotherrn Jakob Müller ein Verhältnis gehabt haben, aber die Ehefrau war wohl im Weg.“ Jakob Müller, der den Mord gestand, wurde an anderer Stelle mit dem Rad hingerichtet. Magdalena Brodbeck fand den Tod auf dem Eltinger Galgenberg. „Sie hat nicht gestanden und wurde dafür lebendig eingegraben.“ Anschließend stieß man ihr einen Pfahl durchs Herz.

Was bedeutet eigentlich „Galgenberg“?

Daran zeigt sich bereits, dass der Titel „Galgenberg“ aus heutiger Sicht etwas irreführend ist. Die Begriffe Galgenberg oder Galgenhügel wurden allgemein für Hinrichtungsstätten im Mittelalter oder der frühen Neuzeit verwendet, selbst, wenn dort auch andere Hinrichtungsmethoden angewendet wurden. Im Volksmund hat sich der Begriff so etabliert.

„Einen Galgen gab es dort auf jeden Fall“, bestätigt Anke Steck. Dieser wurde später aber ersetzt, und man ging zum Köpfen der Verbrecher – oder angeblichen Verbrecher – über. Zu weiteren Hinrichtungsmethoden am Eltinger Galgenberg zählte beispielsweise das berüchtigte Rädern. Sicher habe es noch andere Gerätschaften gegeben, die alle einen festen Platz auf dem Hügel hatten. „Logistisch hätte das wenig Sinn ergeben, die schweren Geräte immer neu dort rauf zu schaffen.“

Wer wurde dort hingerichtet?

Wie viele Menschen über die Jahrhunderte hinweg auf dem Hügel hingerichtet wurden, lässt sich heute nicht mehr nachprüfen. Jedenfalls stammten die Opfer nicht nur aus Leonberg. „Das Oberamt Leonberg war damals für viele Dörfer zuständig“, erklärt die Stadtarchivarin. Die Zuständigkeit umfasste fast vollständig die Kommunen des einstigen Landkreises Leonberg: darunter die heutigen Leonberger Ortsteile, Rutesheim und Perouse, Renningen und Malmsheim, Weil der Stadt, Hausen und Merklingen sowie Ditzingen mit seinen heutigen Ortsteilen, Korntal, Münchingen und Heimsheim. Weissach beispielsweise zählte damals nicht dazu, dafür aber Wiernsheim. Die letzte Hinrichtung fand 1810 statt. Da traf es eine Gattenmörderin aus Merklingen/Höfingen.

Sagen und Mythen

Schauergeschichten rund um den Hügel ließen nicht lange auf sich warten – zumal sich unweit des Galgenbergs auch das Schindleswäldle befindet. So wurde der Platz genannt, an dem die Hingerichteten später vergraben wurden. „Von dort erzählte man sich bald, dass es dort spukt“, weiß Anke Steck. Eine bekannte Legende erzählt außerdem von einer Gruppe geisterhafter Reiter, von denen einer ohne Kopf unterwegs war, die einem Wanderer einst den Weg versperrt haben sollen.

Was viele nicht wissen: Die Narrenzunft Ditzingen hat ihren Ursprung in einer Hinrichtung am Galgenberg. „Kräuterweiber wurden oft für Katastrophen verantwortlich gemacht“, berichtet Anke Steck. „Auch Ditzingen war damals stark durch den Aberglauben geprägt.“ Zwei Kräuterweiber aus Ditzingen wurden einst vom Leonberger Vogt zur Schwert- und Feuerstrafe verurteilt und auf dem Galgenberg verbrannt. „Daraus entstanden später die ‚Glemshexen‘.“

Wo befindet sich der Galgenberg?

Zu finden ist der Galgenberg gar nicht so einfach, da die Erhebung eher unscheinbar ist und der Platz nicht ausgeschildert ist. Lediglich auf den Galgenweg weist ein Schild hin. Am ehesten findet man ihn, wenn man an der B 295 startet. Knapp unterhalb der Abfahrt nach Warmbronn führt ein Fußweg fast senkrecht zur Bundesstraße in den Wald hinein. Nach rund 250 Metern geht laut Karte ein kleiner Weg links ab, nach etwa 150 Metern erreicht man den Hügel.

Geheimnisvolle Orte in der Region

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Der Begriff beschreibt verlassene Orte, oftmals handelt es sich um aufgegebene, dem Verfall überlassene Gebäude. Nicht immer haben diese historische Bedeutung. Gemein ist ihnen ihre geheimnisvolle Aura. Lost Places ist ein Pseudoanglizismus, der sich im deutschsprachigen Raum etabliert hat.

Serie
In loser Folge stellen wir Lost Places in der Region Stuttgart vor und erzählen ihre Geschichte. Manche dieser Orte sind offen sichtbar, andere verfallen – teils seit Jahrzehnten – unbemerkt von der Öffentlichkeit. Heute geht es ausnahmsweise nicht um eine Ruine, sondern im Wortsinn um einen „vergessenen Ort“. Weitere Lost Places gibt es im Rahmen der Online-Serie „Geheimnisvolles Stuttgart“.