Wolf-Dieter Roetzer führt mit Taschenlampe durch den Hochbunker am Zuckerberg. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Schicke Wohnungen im Bunker mit grandioser Aussicht auf das Neckartal – das war der Plan von Hans Klement und Wolf-Dieter Roetzer. Sie kauften den Bunker am Zuckerberg und einen Teil des Weinbergs gleich dazu. Jetzt steht beides wieder zum Verkauf.

Hans Klement radelt durch die Cannstatter Weinberge als er das Schild sieht: Bunker zu verkaufen. Wenige Monate später, es ist März 2011, gehört der Hochbunker am Zuckerberg ihm und seinem Geschäftspartner Wolf-Dieter Roetzer.

 

Roetzer und Klement haben eine Idee und mit ihrem Bauträger- und Projektentwicklungsbüro PlanQuadrat-Stuttgart die Expertise dafür: Aus dem vierstöckigen Bunker, 1941 unter dem NS-Regime erbaut, soll ein außergewöhnliches Wohnhaus werden.

Die Architekten haben ihren eigenen Bunker-Wein

Seit dem Kauf hat Wolf-Dieter Roetzer eine gewisse Faszination für Bunker-Dokus entwickelt, sagt er. Bei einem lokalen Bunker-Verein haben sie zur Geschichte ihres Bunkers geforscht. Irgendwann haben Klement und Roetzer noch einen Teil des angrenzenden Weinbergs dazugekauft, nur um rechtliche Vorgaben einhalten zu können. Von Weinbau hatte Architekt Roetzer damals wenig Ahnung.

Einige Jahre lang bestand dann der Büro-Ausflug darin, an einem Samstag mit Eimer in der Hand und Rebschere unter Anleitung des Pächters die prallen Trauben von den Reben zu lesen. Bunker-Wein haben sie ihren Trollinger-Rosé vom Cannstatter Zuckerle genannt.

Nur Wohnen kann man in dem Bunkerklotz auf dem Zuckerberg noch immer nicht. Denn am Gebäude selbst ist seit zwölf Jahren kaum etwas passiert.

Unmittelbar hinter dem Hochbunker beginnen die Weinreben. Die an den Bunker angrenzenden Flurstücke haben Hans Klement und Wolf-Dieter Roetzer gekauft und verpachtet. Foto: Max Kovalenko/LICHTGUT

In der ruhigen Wohnstraße reiht sich Einfamilienhaus an Einfamilienhaus. Der Baucontainer steht auf dem Grundstück an deren Ende, dahinter wachsen die Weinreben. Wolf-Dieter Roetzer schließt die Tür zum Bunker auf. Zementsäcke, Tuben mit Silikon und Leim lagern dahinter. Kabel hängen von der Decke. Bevor Roetzer zwei Betontreppen hinabsteigt, schaltet er die Taschenlampe seines Handys an. Licht brennt bisher nur im Treppenhaus. Wo der kleine Lichtkegel nicht hinfällt, liegt das Untergeschoss im Finsteren.

Knapp zwei Meter sind die Betonwände dick, die es umhüllen – Schutzwall vor den Bomben der Alliierten. Bis zu 1300 Steinhaldenfelder sollten sich hier verstecken können, heißt es beim Verein Stuttgarter Schutzbauten. Weil in den Häusern der Siedlung auch Privilegierte des NS-Regimes wohnten, aber die meisten von ihnen keinen Keller besaßen, stehe in der Kolpingstraße noch ein weiterer Bunker für Steinhaldenfeld.

Flüchtlinge lebten nach dem Krieg in den meist fensterlosen Bunkerräumen

Der Lichtkegel fällt auf ein blassblaues Blümchenmuster, das jemand auf die nackten Betonwände gemalt, vielleicht auch gedruckt hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten hier Flüchtlinge und Gastarbeiter, sagt Roetzer. 1998 richtete der Künstler Georg Mühleck sein Atelier ein. Als er auszog, wurde der Bunker zum Aktenlager.

Weiter wandert der Kegel über die schwere Tür zum Maschinenraum, der Belüftungskompressor ist inzwischen verschwunden. Daneben der Heizraum, der Kohlenraum, an den Wänden Reste schwarzen Rußes.

Im Untergeschoss findet sich ein Großteil der Versorgungsräume des Bunkers, darunter der Heizraum mit angrenzendem Kohlenraum. Foto: Max Kovalenko/LICHTUGT

Der Gang ist schmal. Auf die abgehenden Metalltüren sind Nummern gemalt, die „Appartements“ dahinter – einzelne Räume – stehen leer und fühlen sich doch beengt an. „Hier unten haben wir Räume gefunden, in denen auch Kriegsverletzte untergebracht wurden“, sagt Roetzer. Mit seiner langen Geschichte habe der Bunker eine besondere Aura. „Mich hat das ergriffen. Welche Dramen haben sich hier abgespielt? Wem hat der Bunker das Leben gerettet, wer ist hier vielleicht ums Leben gekommen?“

Wolf-Dieter Roetzer in dem schmalen und dunklen Gang, von dem aus die Türen zu den einstigen „Appartements“ abgehen. Foto: Max Kovalenko/LICHTGUT

Die Wände der Zimmer sind bunt bemalt oder tapeziert, verblasste Farben, verblasste Muster hinter Staub und dicken Spinnweben. Toilette und Waschrinne auf den Gängen gibt es nur in den oberen Geschossen. Sie wurden geteilt, eine Waschzeile pro Stockwerk war es einst. Inzwischen haben Klement und Roetzer sie abreißen lassen.

Zwei Poster hängen an einer Zimmerwand: Ein Kletterer am Fels, zwei Jungen mit Kätzchen. Irgendjemand hat versucht, den dunklen Klotz heimelig zu machen. An anderer Stelle hat Roetzer kleine Zeichnungen und Malereien auf den Wänden gefunden. In einigen Zimmern gibt es einen Durchbruch zum Gang – Illusion eines Fensters nach draußen.

Die Wände des Bunkers sind Zeugen seiner langen Vergangenheit. An ihnen finden sich Graffiti, Poster, kleine Malereien und alte Tapeten. Foto: Max Kovalenko

In den Räumen in den Obergeschossen lässt es sich freier atmen. Roetzer und Klement haben Zwischenwände einreißen lassen. Auch ein wenig mattes Tageslicht fällt hinein. Ein Fenster pro Etage gestattet immerhin ein Halbdunkel. Die kleinen Fenster seien nachträglich in die Betonwände gesägt worden, vermutlich als Flüchtlinge in den 1960ern einzogen.

„Die Öffnungen für mehr und größere Fenster herzustellen, wird der größte Aufwand beim Umbau sein“, sagt Roetzer. Um die 1,10 Meter dicken Wände der Obergeschosse zu durchsägen, müssen ein Kernlochbohrer und eine Seilsäge her. Außerdem eine Hydraulikpresse, die die ausgesägten Betonblöcke aus der Wand drückt. Mit drei bis vier Monaten Arbeit rechnet Roetzer: „Aufwändig, aber das geht schon.“

Eine Leiter führt durch die 1,50 Meter dicke Decke auf den Dachboden

Roetzer klettert die zwei Leitern hinauf, die durch eine Öffnung in der 1,50 Meter dicken Betondecke auf den Dachboden führen. Auch diese Decke des obersten Geschosses wollen die Architekten großflächig aussägen, Platz für eine Treppe schaffen. Momentan verschmiert noch Taubenkot den Boden, der Überrest einer Sendeanlage des damaligen Süddeutschen Rundfunks aus den 70ern steht verlassen am Kaminschacht unter den Holzbalken.

In den Plänen Roetzers und Klements entsteht auf dem Dachboden ein weiteres, viertes Geschoss mit Penthouse-Wohnung, Galerie und Dachterrasse.

Einige Ziegel fehlen, eine tote Taube liegt auf dem Boden: Auf dem Dachboden soll eine Penthouse-Wohnung mit Galerie und Terrasse entstehen. Foto: Max Kovalenko/LICHTGUT

Wer eine der kleinen Dachluken aufdrückt, versteht, warum dieses Gebäude selbst für einen Bunker ein außergewöhnlicher Ort zum Wohnen ist. Allein Hochbunker führt der Verein für Stuttgarter Schutzbauten immerhin 19 Stück auf seiner Webseite. In Untertürkheim gibt es sogar einen vom baugleichen Typ wie der am Zuckerberg.

Auch dort wurden Wohnungen hineingebaut – wie so viele Bunker zu Museen, Wohnhäusern und Lagerstätten umgenutzt wurden, seitdem spätestens 2007 das Bundesinnenministerium die Zivilschutzbindung vieler Bunker aufgehoben hat.

Vom Bunker lässt sich kilometerweit in den Kessel blicken

Vom Dachboden aber blickt Roetzer kilometerweit ins Neckartal, blickt auf Hänge voller Weinreben, blickt auf den Fluss, der sich in der Ferne windet. Dafür, dass ein Luftschutzbunker optisch möglichst in seiner Umgebung verschwinden sollte, steht der Bunker am Zuckerberg exponiert da wie eine Landmarke – inklusive Aussicht.

Ein besonderer Blick aus der Dachbodenluke: Vom Bunker ist die Sicht frei auf Weinreben und Kessel. Foto: Max Kovalenko/LICHTGUT

„Das Zeltdach sollte den Bunker als Wohnhaus tarnen“, sagt Roetzer. Der eigentliche Schutz von oben war aber die Betondecke. Was mit Blick auf den historischen Zweck nicht nur vorteilhaft anmuten mag, macht für Architekten Roetzer heute das Potenzial des Bunkers aus: „Wir haben eine gut angebundene Lage am Rande eines Wohngebiets. Wir haben ein großes Grundstück mit Weinberg. Und wir haben diese einzigartige Aussicht, die nie verbaut werden wird – einen Traditionsweinberg würde die Stadt doch nicht zubauen lassen. Die Lage ist das Besondere, der Bunker das i-Tüpfelchen.“

Die Lage ist besonders, aber sie ist auch ein Grund, warum in den vergangenen Jahren so wenig am Bunker umgebaut wurde. Den Architekten fehlte dafür die Baugenehmigung – und weil der Bunker weithin sichtbar und damit stadtbildprägend ist, war die mit besonders vielen Auflagen verbunden. Möglichst behutsam sollten die Eingriffe in die Bunkeroptik sein, möglichst alle Kernelemente erhalten bleiben.

Zwei Jahre lang prüfte die Stadt die Umnutzung. Dann musste ein Bebauungsplan her, denn baurechtlich existierte der Bunker nicht. Vier Jahre lang dauerte das – auch, weil ein Nachbar Widerspruch einlegte. Das Verwaltungsgericht klärte.

Immer neue Probleme verzögerten den Umbau

Auf immer neue Probleme mussten Klement und Roetzer reagieren: Die Stadt wollte das charakteristische Zeltdach des Bunkers erhalten und verbot lichtspendende Öffnungen darin. Um dennoch vier Geschosse für Wohnungen nutzen zu können, planten die Architekten ein, das Dach beim künftigen Umbau abzunehmen, ein Geschoss aufzubauen. Darauf soll das Zeltdach wieder aufgesetzt werden.

Die Stadt forderte, dass der öffentliche Weinlehrpfad weiterhin zugänglich bleibt, also vereinbarten die Architekten einen Fuß- und Radweg am Rande des Grundstücks.

Das Umweltamt verwies auf die notwendige Schutzzone zwischen Wohnraum und Weinanbau. Spritzen Winzer die Reben, könnte der Wind das Mittel zu den Bewohnern wehen. Also verhandelten die Architekten zwei Jahre lang mit den umliegenden Weinbauern, um ihnen Flurstücke abzukaufen und die Zone einhalten zu können.

Wird der Bunker als Wohnraum genutzt, muss es eine Schutzzone zwischen Weinbaufläche und Haus geben. Foto: PlanQuadrat-Stuttgart

Gebaut, um hunderte Jahre zu überdauern, hat eine Dekade Stillstand dem Bunker nichts anhaben können. Seit mehr als 80 Jahren steht er nun auf dem Zuckerberg. An einigen Stellen ist der Beton an der Oberfläche abgeplatzt – aber was macht das schon bei meterdicken Wänden.

Doch Roetzer? Würde er den Bunker im Wissen wieder kaufen, wie sehr sich die Baugenehmigung gezogen hat? „Ich glaube nicht. Das Projekt finde ich sensationell. Aber das Verfahren mit all den Ämtern dauerte einfach zu lang.“

Visualisierungen zeigen luxuriöse und helle Wohnungen

Seit Kurzem aber ist alles da. Der Bebauungsplan, die rechtswirksame Baugenehmigung, die Gutachten, der Durchführungsvertrag mit der Stadt, die Werkplanung, Pläne für Heizung, Lüftung, Sanitär – und die Visualisierungen, wie die Wohnungen einmal aussehen könnten:

Fünf luxuriöse Appartements auf 657 Quadratmetern und vier Stockwerken sollen es sein. Seine Aura unzerstörbarer Wuchtigkeit hat auch der Umbau dem Bunkerklotz nicht genommen. Streng strukturiert ist die Fassade auf den Bildern. Ein Carport vor dem Haus, die Dachterrasse unter dem Zeltdach ist voller Pflanzen.

Eine begrünte Dachterrasse, viele Fenster und Balkons: So soll der Bunker laut den Plänen von Hans Klement und Wolf-Dieter Roetzer einmal aussehen. Foto: PlanQuadrat-Stuttgart

Vom Balkon blicken die künftigen Eigentümer auf Reben und Neckar

Auf den Visualisierungen des Innenraums erinnert dagegen wenig an die jetzige Bunkerhöhle. Tageslicht fällt großzügig durch Balkon- und Dachterrassentür. Vom Balkon blicken die Besitzer auf den Neckar und die hauseigenen Reben. Die Fenster dagegen erinnern, wo sie sich befinden. So tief liegen sie in den meterdicken Betonwänden, dass man in den Öffnungen liegen könnte. Den „Bunker-Flair“ will Roetzer auch an anderer Stelle erhalten – vielleicht könnten einige der alten Stahltüren bleiben oder kleinere Malereien an den Wänden, sagt er.

Visualisierung, wie die Wohnungen aussehen könnten: In den meterdicken Wänden sind die Fenster so tief, dass man darin liegen könnte. Foto: PlanQuadrat-Stuttgart

Doch statt diese Ideen nun Wirklichkeit werden zu lassen und mit dem Umbau zu beginnen, haben Roetzer und Klement nach zwölf Jahren entschieden, den Bunker wie er ist mitsamt Planung und Weinberg-Stück zu verkaufen. „Verliebt sind wir noch immer in unseren Bunker. Aber wir haben uns vom Projektentwickler und Bauträgerbüro dahingehend verändert, dass wir Objekte nur noch projektentwickelt verkaufen. Wir haben nicht mehr die Leute für den Umbau.“ Eine Anzeige ist bereits auf einem Online-Immobilien-Portal geschalten. Verkaufspreis: 1,85 Millionen Euro.

Sie könnten aber auch das Schild wieder in die Weinberge stellen.