Der Bunker unter der Villa Reitzenstein ist ein verlassener Ort mit einer ganz besonderen Geschichte. Den Stollen hat Württembergs oberster Nazi Wilhelm Murr 1943 bauen lassen.
Die Villa Reitzenstein thront in feinster Südosthalbhöhenlage erhaben über Stuttgart. Das majestätische Hauptgebäude, eingebettet in eine zweieinhalb Hektar große Parkanlage, wurde für Helene von Reitzenstein nach dreijähriger Bauzeit 1913 fertiggestellt. Doch glücklich schien die Stuttgarter Verlegertochter aus dem Hause Hallberger und Witwe eines fränkischen Barons auf dem Gänsheidehügel nicht zu werden. Nach neun Jahren zog sie schon wieder aus. Seit 1925 dient dieses Anwesen dem Regierungschef von Württemberg und später von Baden-Württembergs als Amtssitz.
Die abgeschottete Anlage für ein größeres Publikum öffnen
Dem aktuellen Hausherren Winfried Kretschmann ist es ein Anliegen, die über viele Jahre abgeschottete Anlage regelmäßig für ein größeres Publikum zu öffnen.
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Das größte Geheimnis liegt rund 15 Meter unter dem baden-württembergischen Staatsministerium. Dazu geht es vom Keller der Villa aus noch einmal 80 Treppenstufen in die Tiefe. Dort öffnet sich hinter einer schweren verrosteten Metalltür ein verlassener Ort, ein Stuttgarter Lost Place, der historisch nicht aufgeladener sein könnte. Zunächst einmal ist es aber nur dunkel hier unten, ohne Taschenlampe geht wenig. Im Lichtkegel lässt sich aber schnell ein Labyrinth aus Gängen ausmachen und eine Vielzahl von Räumen. „Der Stollen umfasst eine Fläche von 1500 Quadratmetern, insgesamt sind es 500 Laufmeter“, sagt Joachim Brüser aus dem Staatsministerium, der sich wie kein Zweiter in der Reitzenstein-Unterwelt auskennt. Diese steht in ihrer verlassenen Kargheit in einem besonders krassen Gegensatz zum darüber liegenden Villenglanz.
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Diese Bunkeranlage lässt einen förmlich spüren: Hier war auch die Angst am Bau beteiligt, der 1943 von Adolf Hitlers württembergischem Nazistatthalter Wilhelm Murr in Auftrag gegeben wurde. Murr folgte auf den Staatspräsidenten Eugen Bolz, den die Nazis im Januar 1945 hinrichten ließen. Der aus Esslingen stammende Gauleiter Murr ließ im Zuge der sich verschärfenden Fliegerangriffe unter seinem Amtssitz in sicherer Tiefe Notaufenthaltsräume bauen, wofür Zwangsarbeiter rekrutiert wurden.
Ein 1500 Quadratmeter großes Labyrinth
Seine Karriere im NS-Staat hat er seiner niederträchtigen Grobschlächtigkeit zu verdanken. Von der NSDAP als Mann des Volkes aufgebaut, war Murr organisatorischen Führungsaufgaben intellektuell nicht gewachsen. Er setzte auf Brutalität, wie in einer Rede von ihm auf dem Schlossplatz 1933 schon früh deutlich geworden ist: „Wir werden nicht nur Auge um Auge, Zahn um Zahn mit unseren Gegnern verfahren. Wer einem der Unseren einen Zahn einschlägt, dem werden wir den Kiefer zerschmettern, und dem, der einem der Unseren ein Auge einschlägt, dem werden wir den Kopf abschlagen.“ Dieser Wilhelm Murr brachte sich in der Endphase des Zweiten Weltkriegs immer wieder in den Katakomben unter der Villa in Sicherheit. Einen weiteren Zugang gab es am Pfortenbereich an der Richard-Wagner-Straße. Dieser Tunnel ist mittlerweile nach einem Einsturz nicht mehr begehbar. Außerdem war der Bunker über die Gröberstraße erreichbar.
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Neben Murr und seiner Entourage aus der Villa Reitzenstein fanden auch Nachbarn Schutz in der Bunkeranlage, die sich durch entsprechende Berechtigungsscheine ausweisen mussten. „Bis zu 1650 Personen durften sich kurzfristig hier aufhalten“, berichtet Historiker Brüser, „200 Personen war ein mehrtägiger Aufenthalt gestattet.“
Seismograf der Uni Stuttgart im Bunker
Immer wieder begegnet man im Stollen Wandbeschriftungen von damals mit den Hinweisen, wo es zum Ausgang geht. Wer diesen Weg nach einem Luftangriff ging, wusste nicht, was einen draußen erwartete. Heute kommt man einem Raum vorbei, in dem auf einem Betonsockel ein in Alu verpacktes Gerät steht. Es ist ein Seismograf der Uni Stuttgart, der die Stärke von Erdbeben bestimmt. In aller Abgeschiedenheit finden diese Aufzeichnungen statt. Einen kuriosen Anblick bietet in einem Nebenraum auch die Öffnung eines Steinrohres, das offenbar als Toilettenabfluss gedient hat.
Am 10. April 1945 ruft Wilhelm Murr die Stuttgarter unter Androhung von Exekutionen noch zur bedingungslosen Verteidigung der Stadt auf, um aus ihr nur neun Tage später mit falschen Papieren selbst zu flüchten. In Vorarlberg wird er fünf Tage nach Kriegsende von französischen Soldaten aufgegriffen, woraufhin Murr und seine Frau sich mit Giftampullen das Leben nehmen. Es ist das Ende einer Flucht, die unter der Villa Reitzenstein begann.
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Zeitzeugen gesucht
Projekt
Für ein Zeitzeugenprojekt sucht das Staatsministerium Personen, die im Zweiten Weltkrieg im Bunker unter der Villa Reitzenstein Schutz suchten. Diese können sich mit der Pressestelle des Staatsministeriums in Verbindung setzen unter Telefon: 07 11-21 53 21 3, Fax: 07 11-21 53 34 0, E-Mail: pressestelle@stm.bwl.de.