Gruppenbild mit Klavier: Szene aus „Loriots dramatische Werke“ Foto: Sabine Haymann

Ein Wiedersehen mit dem Lottogewinner Erwin Lindemann: „Loriots dramatische Werke“ feiern Premiere im Theater der Altstadt in Stuttgart.

Stuttgart - Der aus der Froschperspektive geblitzlichtete Mops überblickt im Bilderrahmen an der blau-weiß gestreiften Wand das inszenierte Familienglück: Sohn Thomas (Lou Bertalan) stolpert über die Schwelle zum Wohnzimmer und überschlägt sich. Die Kamera in seinen Fingern hält er dabei aber fest aufs Geschehen gerichtet.

Der Vater (Joerg Adae) in ­Fliege und Anzug führt Familienregie, der Empfang der neuen Akquise muss gebührend abgefilmt werden: „Ein Klavier, ein Klavier!“, jubeln die Töchter (Lucia Schlör, Charis Hager), die laut väterlichem Drehbuch, freilich ganz authentisch, auf dem ­Sofa klönen und Kuchen mampfen sollten. Die Gattin (Susanne Heydenreich) hat zu stricken. Spießiges Heimglück par excellence. Doch die geschlauchten, das Instrument schleppenden Möbelpacker (Ambrogio Vinella, Dirk Helbig) verhaspeln sich immer wieder beim Aufsagen ihrer Zeilen. So repetiert man unentwegt.

Wer kennt’s? Jeder. Mit sieben Akteuren richtet Uwe Hoppe „Loriots ­dramatische Werke“ im Theater der Altstadt ein. Für die vom großen Humoristen gerne eingesetzten Nachrichtensprecher öffnet sich regelmäßig die einem Flachbildfernseher nachempfundene Wand. Dahinter grüßt meist Hager als Journalistin mit roboterhafter, auf Dauer nervenstrapazierender Diktion.

Hervorragend gelingt die scheiternde ­Reportage über den Lottogewinner und Rentner Erwin Lindemann, der vor Lampen­fieber und Hektik bald eine Reise nach Wuppertal samt Herrenboutique in Island plant. Als alter Kauz verschießt Joerg Adae Lachsalven.

Die mehrfache Wiederholung der von ­Loriot einzig aus Phrasen konstruierten Bundestagsrede hingegen schlägt nur erstmalig im Zwerchfell ein, fortan die Zeit tot – hätte man besser gestrichen. Zudem kann einfach niemand wie Evelyn Hamann als Frau Hoppenstedt, etwa bei der legendären Posse ums lamettafreie Weihnachtsfest, derartig ulkig aus der Wäsche kucken. Hier ­kichert der Kenner um des Kennens willen.

Als 15-Jähriger zog Loriot alias Vicco von Bülow nach Stuttgart. Wohl deshalb setzt die von ihm geschaffene Erfinderin des ­„Familienbenutzers“ gerne ein „gell“ an die Enden ihrer Werbesätze. Heydenreich macht diese Frau zur Vollschwäbin und verleiht ihr ein grandios krudes Siegerlachen, was diese weniger bekannte Nummer zu einer der stärksten formt.

Will man Menschen aufspüren, die sich rituell stets über die gleiche Pointe beömmeln, eignen sich die oft mit pingeligen Regieanweisungen versehenen Klassiker des Ausnahmealltagsparodisten Loriot als Lockvogel. Um zu zünden, müssen diese perfekt getimt sein, was im Theater der Altstadt meistens klappt. Zu bedenken bleibt, dass jene veralberte Alltäglichkeit gealtert, also einem angejahrten Fan bekannt, der jüngsten Generation tendenziös fremd ist.

„Loriots Dramatische Werke“: Nächste Vorstellungen: 3. bis 6. Juni (19.30 Uhr), 7.  Juni (18 Uhr); Tickets: 07 11 /  61 55 34 64

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