Vom potenziellen Straßenjungen zum Nobelpreisträger: Jon Fosse Foto: /Tom A. Kolstad

Der Norweger Jon Fosse ist ein moderner Mystiker. Seine Stücke sind auf den Bühnen der Welt präsent. Mit tagespolitisch verfasster Literatur hat er nicht viel am Hut – und ist vielleicht genau deshalb ein Autor der Stunde.

Es gab schon einmal eine Zeit, in der aus Norwegen Impulse kamen, die die Metropolen der Welt elektrisiert haben: Als die Theater Ibsen rauf und runter spielten, und die Bilder Edvard Munchs in ihrer existenziellen Kraft die Türen der Galerien aufgesprengten, um mit einem stummen Schrei die trüben Geister des Akademischen daraus zu vertreiben. Der diesjährige Literaturnobelpreis an Jon Fosse trägt dem Umstand Rechnung, dass etwa hundert Jahre später wieder Künstler aus dem von der Bevölkerungszahl her kleinen Land auf unterschiedlichstem literarischem Terrain den Ton angeben, Namen wie Tomas Espedal, Jo Nesbo, Maja Lunde, Karl Ove Knausgard – und vor allen anderen Jon Fosse.

 

Im Falle des 1959 im norwegischen Haugesund geborenen Autors ist dieser Ton einer von vielsagender Kargheit, die einen deliranten Schwebezustand zwischen innen und außen hervorruft. Und er war in den letzten Jahrzehnten auf den Bühnen, nicht nur in Deutschland, allpräsent, mit Stücken wie „Die Nacht singt ihre Lieder“, „Schatten“ oder „Winter“, die ihm den Ruf eines „Beckett des 21. Jahrhunderts“ eintrugen. Wie die Bilder Edvard Munchs verleihen sie menschlichen Daseinsernüchterungen einen Ausdruck, den man nicht unbedingt beredt nennen kann. Minimalismus ist Jon Fosses Markenzeichen. Und es unterscheidet ihn markant von den monumentalen Selbsterfahrungstrips seines Schülers Karl Ove Knausgard.

Abstürze in Schwermut und Alkohol

In dessen vielbändigem Romanprojekt „Min Kamp“ findet sich dafür ein sprechendes Porträt seines Lehrers – inklusive eines Begriffs, was hier mit sprechend gemeint ist: „Er sprach zögernd, voller Pausen, Einschnitte, Räuspern, Schnauben und mitunter von einem plötzlichen, tiefen Atemholen unterbrochen. (. . .) Er strahlte Nervosität und Unruhe aus, aber was Fosse sagte, war von großer Selbstsicherheit erfüllt. Als er seine Studenten im Laufe der Zeit besser kennenlernte, erzählte er ihnen von seiner Kindheit in Strandebarm, einer kleinen Gemeinde am Ufer des Hardangerfjords, und sagte, in einer bestimmten Phase hätte er unter Umständen zu einem Straßenjungen werden können.“

Nun ist aus dem potenziellen Straßenjungen ein Nobelpreisträger geworden. Jon Fosse wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Seine Eltern waren Obstbauern, das Milieu pietistisch geprägt. Die Abstürze seiner Figuren in Schwermut und Alkohol sind ihm bestens vertraut. Aber das Autofiktionale ist bei ihm nicht Ziel, sondern im Gegenteil der Ausgangspunkt, sich selbst zu entkommen. Auch darin spielt ein skandinavisches, norwegisches Moment: eine Suche nach Wahrhaftigkeit, Transzendenz, Sinn. Seine religiöse Entwicklung führte Fosse von der lutherischen Staatskirche über ein Intermezzo bei den Quäkern in die Konversion zum Katholizismus. „Nachdem Gott gestorben war, haben wir die absolute Perspektive verloren“, schrieb er schon früh. Sein Werk ist der Versuch, sie wiederzugewinnen, den er in den letzten Jahren nicht mehr von der Bühne, sondern der Prosa aus unternimmt.

Gegenentwurf zum allgemeinen Lebenschaos

Zurzeit erscheinen in Deutschland die Bände seiner „Heptalogie“. Äußerlich passiert darin nicht viel. Im tief verschneiten Südwesten Norwegens arbeitet der Maler Asle, dessen Erscheinungsbild dem des Autors auffällig entspricht, Tag für Tag an seinen Bildern. Seine Frau ist gestorben, seine Einsamkeit durchbricht allein der Fischer Asleik, der von Kunst nichts versteht und nicht aufhören kann, sich über das merkwürdige Tun seines Nachbarn zu wundern. Jeder Band beginnt mit den Worten: „Und ich sehe mich dastehen und das Bild anschauen.“ Dialoge klingen hier so: „Ja so ist das gegangen, sagt der Vater, ja so war das, sagt die Wirtin, und sie stehen da und sagen nichts.“ Nein, Jon Fosse schreibt keine Spannungsliteratur. Aber wer sich auf den Sog der Stille einlässt, glaubt etwas zu vernehmen, was der Maler Asle ins Visuelle übersetzt einmal so beschreibt: ein leuchtendes Dunkel, „je dunkler es ist, desto deutlicher wird das, was unsichtbar in einem Bild leuchtet“.

In den Spekulationen, wer in diesem von Krisen bebenden Jahr die bedeutendste Auszeichnung der literarischen Welt erhalten würde, war verschiedentlich zu lesen, das Nobelkomitee werde wohl ein Zeichen für Meinungsfreiheit, Menschenrechte, Toleranz setzen. Es lässt sich wohl kein engagierterer Einspruch gegen eine tagespolitisch verfasste Literatur denken als die konzentrierten Exerzitien Jon Fosses. Aber vielleicht war noch keine Zeit so reif für einen Gegenentwurf zu dem allgemeinen Lebenschaos. Das Negative, Abwesende, Langsame im Werk dieses modernen Mystikers ist ein Aggregatzustand der Sehnsucht, des Bedürfnisses nach Transzendenz.

Mit Jon Fosse ehrt die Schwedische Akademie einen großen Unzeitgemäßen – und zugleich einen der ewigen Kandidaten, bevor er im leuchtenden Dunkel der vielen Übergangenen verschwinden könnte.