Lindenmuseum arbeitet seine Geschichte auf Das Ausleuchten der dunklen Ecken

Von Frank Rothfuss 

In fremde Welten eintauchen kann man im Lindenmuseum. Doch wie kam die Bibel aus Namibia nach Stuttgart? Die Maske aus Kamerun? Der Speer aus Neuguinea? Gekauft? Gefunden? Gestohlen? Das versucht Gesa Grimme zu ergründen. Ein bundesweit einmaliges Projekt.

Stuttgart - Die Orte hören sich exotisch an. Neuguinea, Mikronesien, Namibia, Kamerun. Eine Reise um die Welt unternimmt Gesa Grimme. Leider nur in Gedanken. Sie fliegt nicht nach Afrika und in die Südsee, nein, sie wühlt sich durch Bücher und Archive, durchforstet die Weiten des Internets. Sie untersucht das „Schwierige Erbe“ des Lindenmuseums. So lautet der Titel des Projekts. Als erstes Völkerkundemuseum in Deutschland will das Lindenmuseum mit der Karls-Universität in Tübingen seine Geschichte aufarbeiten, finanziert im Rahmen der Exzellenzinititaive der Hochschule.

Das Lindenmuseum nennt über 160 000 Sammlungsstücke sein Eigen. Nur ein Bruchteil wird gezeigt. Es entstand in der Kolonialzeit, wurde 1911 eingeweiht. 60 000 Objekte hatte Gründer Graf von Linden da bereits gesammelt gehabt. Viele kamen aus den deutschen Kolonien Südwest, Ostafrika, Kamerun, Neuguinea, Samoa. Denen spürt nun Gesa Grimme nach.

Die Witbooi-Bibel geht zurück nach Namibia

Dabei geht es anders als bei der Forschung nach Raubgut aus der Nazizeit nicht darum, die ehemaligen Eigentümer zu finden. Es wird kaum jemand geben, der sagt, diese Pfeilspitze gehört meinem Uropa und dieser Deutsche hat sie geklaut: Gib das zurück! Eine Ausnahme gibt es allerdings: Die Witbooi-Bibel. Diese Bibel gehört Hendrik Witbooi, Anführer des Volkes der Nama und Nationalheld Namibias. 1893 schlachteten die deutschen Schutztruppen dutzende Frauen und Kinder ab und stahlen die Bibel. Auf verschlungenen Wegen landete sie im Lindenmuseum. Namibia möchte die Bibel zurückhaben, das Land möchte sie zurückgeben, doch seit zwei Jahren wartet man laut Kunstministerium auf Antwort aus Namibia. Da geht es auch darum, wer „der rechtmäßige Besitzer ist“. Die Familie Witbooi? Das Volk der Nama? Das Land Namibia?

Doch wie gesagt, die Witbooi-Bibel ist eine Ausnahme. Bei vielen Stücken gibt es niemanden, der sie haben möchte. Da geht es eher darum, die eigene Geschichte zu erforschen, die dunklen Ecken auszuleuchten. Das Licht soll die Wissenschaftlerin Gesa Grimme halten. Allerdings hat sie noch gar keine Lampe, die muss sie erst bauen. Wo anfangen, mit etwas, das bisher keiner in Deutschland versucht hat?

Die Suche in den Inventarbüchern

„Von vielen Objekten wissen wir nicht, wie sie ins Museum gekommen sind“, sagt sie. Alltagsgegenstände sind das meist wie Körbe, Kalebassen, haufenweise Pfeile und Speere. Die Europäer haben alles eingesackt, was zu finden, zu kaufen, zu rauben war. Glaubte man doch, „die Naturvölker verschwänden durch den Kontakt mit den Europäern“. Also musste alles ins Museum, um deren Kulturen zu bewahren. Eine Art Zoo für Dinge sollte das werden, man meinte, „die Kultur ließe sich abbilden anhand ihrer materiellen Erzeugnisse“. In den Inventarbüchern sind sie aufgelistet. Im allerersten findet man die Einträge: „Große Kriegstrommel mit zwei Schlägeln, erworben im Jahr 1881. Dr. Wilhelm Arning.“ Oder: 4 Häusermodelle aus Sumatra, Holl, Eugensplatz.“ Aber „es gibt natürlich keine Quittungen“, sagt Grimme, „man kann sich also nur an das annähern, was geschah.“

Das versucht sie nun über die Menschen. Wenn schon die Dinge wenig preisgeben, dann bieten vielleicht die Biographien der Objektgeber Aufschlüsse. Wann waren sie vor Ort? Was haben sie dort gemacht? Waren sie Missionare, Soldaten oder Kaufleute? Folgt sie den Spuren der Menschen, hofft sie Hinweise zu erhalten, woher die Stücke genau stammen und wie sie erworben wurden. Da die Deutschen seit jeher ein akkurates Volk sind, gibt es allerhand Quellen aus denen sie schöpfen kann. So beispielsweise das Deutsche Kolonial-Handbuch. Dort erfährt man unter Überschrift „Deutsch-Südwestafrika“, dass die Regierungs-Tierärzte Hänsgen und Skerlo hießen, der Obergärtner Bohr und der Finanzreferent Pahl.

Gustav Pahl aus Aalen war ein Objektgeber

Da wird es spannend. Denn Gustav Pahl war gut bekannt mit Graf von Linden und er lieferte unablässig Nachschub aus den Kolonien. So hat Grimme einen Brief von Graf von Linden an Pahl entdeckt. Darin heißt es: „In ihrem letzten Brief haben Sie mir den Mund mit den schönsten Hoffnungen lecker gemacht“, nun hoffe er „bald den Riesenbraten verzehren“ zu können. Allerdings könne er nur die Frachtkosten bezahlen, da das „Museum leider keine Mittel besitzt“.

Eigentlich hätten die Stücke gar nicht in Stuttgart landen dürfen, denn im Kaiserreich sollten alle Kolonialsammlungen nach Berlin gebracht werden. Doch von Linden war ein außergewöhnlicher Netzwerker, wie man heute sagen würde. Ein Menschenfänger, ein Charmeur, der Menschen begeistern und um den Finger wickeln konnte. So wie Gustav Pahl. Der Aalener war Zollverwalter in Kamerun und Finanzdirektor in Deutsch-Südwestafrika. Von ihm hat Grimme die Geschichte ausgegraben, dass er 1891 bei einem Urlaub in Deutschland von Rudolf Manga Bell und Tube Meetom begleitet wurde. Die beiden Jugendlichen aus Duala sollten in Aalen ihre Ausbildung beginnen. Rudolf Manga Bell wurde König der Duala, führte später den Widerstand gegen die Deutschen an und wurde 1914 wegen angeblichen Hochverrats zum Tode verurteilt.

Auch Anton Lübbert zählte zu von Lindens Bekannten. Er war Chefarzt in Windhoek und erhielt 1903 für seine Tätigkeiten als Objektgeber für das Lindenmuseum einen Orden Württembergs verliehen. Viele der Lieferungen via Schiff und Eisenbahn organisierte ein Oberleutnant Kuhn, der mehrmals in Stuttgart war.

Zunächst hat Gesa Grimme zwei Jahre Zeit für ihre Reise in die Vergangenheit. Ihre Erkenntnisse sollen dazu führen, dass man nicht nur die Historie fremder Völker begreift, sondern auch die eigene Geschichte.

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