Die Mezzosopranistin Maria Theresa Ullrich Foto: Matthias Baus

Die Sopranistin Maria Theresa Ullrich und der Schauspieler Walter Sittler begleiten die George-Grosz-Schau in der Stuttgarter Staatsgalerie mit einem musikalisch-literarischen Abend. Großartig!

„Glitzer und Gift der Zwanzigerjahre“ – so heißt die erfolgreiche Ausstellung der Staatsgalerie Stuttgart mit Bildern, die George Grosz in Berlin gemalt hat. Grosz blickt darin hinter die Fassade der sogenannten Goldenen Zwanziger, in denen zwar die Kunst Konjunktur hatte, aber auch Ausbeutung und Verbrechen blühten.

 

Musikalisch ist uns diese Zeit vor allem durch Lieder von Komponisten wie Kurt Weill oder Friedrich Hollaender präsent, und so lag es nahe, dass die Internationale Hugo-Wolf-Akademie den ersten Liederabend dieses Jahres im Kontext der Grosz-Ausstellung im ausverkauften Vortragssaal der Staatsgalerie veranstaltet hat.

Sittler liest aus Kästners „Fabian“

Dazu hatte sie neben der Sopranistin Maria Theresa Ullrich und dem Pianisten Nicholas Kok auch den Schauspieler Walter Sittler eingeladen, der Auszüge aus Erich Kästners Roman „Fabian“ las – unter anderem die apokalyptische Traumsequenz aus dem vierzehnten Kapitel, die in der Drastik, mit der hier menschliche Abgründe geschildert werden, wie eine literarische Entsprechung zu Grosz’ bildnerischem Schaffen wirkt. Ansonsten erscheint Kästners zeitdiagnostischer Scharfblick gemildert durch einen heiter-satirischen Tonfall – manchmal ist das Leben eben nur mit Humor auszuhalten, und wie Maria Theresa Ullrich dieser Ambivalenz, die sich auch in vielen Liedern der 20er Jahre findet, sängerisch Ausdruck verlieh, war schlichtweg grandios. Für eine Opernsängerin nämlich – Ullrich ist Ensemblemitglied an der Staatsoper Stuttgart – können Chansons und Couplets wie Edmund Nicks „Die Barfrau“ oder Kurt Weills „Der Abschiedsbrief“ Herausforderungen darstellen: Nicht jeder Opernstar ist eine Diseuse.

Hinreißender Unschuldsblick

Doch Ullrich kann es. Im langen grünen, mittels Accessoires mal dezent auf mondän, dann auf verrucht getrimmten Kleid changierte sie virtuos zwischen Deklamation und Gesang und ließ, wenn es passte, ihrem volltönenden Mezzo mal freien Lauf. Auch was Körpersprache und Gestik anbelangt, stimmte alles: hinreißend der Unschuldsblick, den sie Sittler zu den Worten „Ich bin doch zu schade für einen allein“ in Hollaenders berühmtem Chanson „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ zuwarf. In seiner dramaturgischen Stimmigkeit und Professionalität – auch Ullrichs Ehemann Nicholas Kok trug seinen Teil dazu bei – war das ein Auftritt, der, das kann man ohne Übertreibung sagen, auch größeren Bühnen zur Ehre gereichen würde. Vielleicht ja mal in der Staatsoper?