Im Stuttgarter Rathaus protestierten die SWSG-Mieter gegen den Abriss von bezahlbarem Wohnraum, Mietpreisteigerungen und die Pläne der Allianz. Foto: privat

Für den Neubau der Allianz sollen Wohnhäuser der SWSG weichen. Die Mieter allerdings wollen ihre Wohnungen noch nicht aufgeben.

Vaihingen - Noch sehen die Mieter die Chance, dass die Gebäude Liebknechtstraße 39 bis 45 nicht abgerissen werden. „Wir haben noch Hoffnung, denn einen Bebauungsplan gibt es noch nicht“, sagt Petra Rauss-Nebes, Anwohnerin und Mitglied der Mieterinitiative Liebknechtstraße. Ein Bebauungsplan würde dem Versicherungskonzern Allianz erlauben, nicht nur auf seinem eigenen Gelände an der Heßbrühlstraße, sondern auch auf dem Nachbarareal zu bauen. Dort stehen Reihenhäuser und Wohnungen der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) und der Betriebshof der Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS). Die Stadt hat das Grundstück der Allianz quasi als Bonus dazu angeboten.

Mieter sollen in andere SWSG-Wohnungen umziehen

Neun Mietparteien wären von dem Abriss der Häuser an der Liebknechtstraße betroffen. Sie sollen in andere Wohnungen der SWSG umziehen. Die Anwohner wehren sich vehement dagegen, argumentieren unter anderem mit der gewachsenen, guten Nachbarschaft und mit dem Verlust von bezahlbarem Wohnraum. Einigen Mietern seien bereits Ersatzwohnungen angeboten worden, in anderen Fällen allerdings sei das schwieriger. In einem Fall braucht eine Anwohnerin eine behindertengerechte Wohnung, eine andere will als Tagesmutter arbeiten. „Für manche von uns fehlen noch geeignete Wohnungen, aber es ist Bewegung drin“, sagt Rauss-Nebes. Man sei in Gesprächen mit der SWSG und der Stadt und suche passende Lösungen. „Wir wohnen hier sehr preiswert“, sagt die Sprecherin der Mieterinitiative. Es sei schwer, für diesen Preis angemessenen Ersatz zu finden“.

Die Wohnungs- und Städtebaugesellschaft bestätigt die Gespräche mit den Mietern. „Nach aktuellem Stand hat die SWSG für fünf der neun Mietpartein an der Liebknechtstraße Lösungen gefunden, bei einer Mietpartei steht die SWSG kurz davor“, sagt der Pressesprecher Peter Schwab. Für drei Parteien sei man auf der Suche nach einer passenden Lösung. Das Unternehmen habe den Mietern aber bereits Angebote unterbreitet.

Mieter legen Bürgermeister 1227 Unterschriften vor

Die Mieterinitiative Liebknechtstraße macht ordentlich Wind für ihre Sache: Bei verschiedenen Anlässen, etwa bei einem Aktionstag gegen die Allianz in Vaihingen oder dem Stadtteilfest in Dürrlewang, haben die Mieter Unterschriften gesammelt. 1227 Menschen haben gegen den Abriss der Gebäude 39 bis 45 unterzeichnet. „Viele Menschen waren mit der Problematik vertraut und haben bereitwillig ihre Stimme gegeben. Wir freuen uns über so viel Solidarität“, sagt Rauss-Nebes.

Zusammen mit etwa 50 weiteren Bürgern hat sie am 22. Juni die Unterschriftenlisten im Stuttgarter Rathaus übergeben. Anlass war die Vorstellung des Geschäftsberichts der SWSG im Gemeinderat. Finanzbürgermeister Michael Föll, Aufsichtsratsvorsitzender der SWSG, hat die Listen aus Vaihingen und weitere aus Zuffenhausen, wo die Bürger gegen den Abriss der Häuser in der Keltersiedlungprotestieren, entgegengenommen. „Er hat sich bedankt und gesagt, dass er die Sache ernst nimmt“, berichtet Petra Rauss-Nebes.

Initiative wirft SWSG Vernichtung von günstigem Wohnraum vor

Gleichzeitig hat es eine Aktion gegeben, bei der die SWSG-Mieterinitiativen Stuttgart gegen die Geschäftspolitik der Gesellschaft protestierten. Es geht ihnen darum, den Abriss von bezahlbarem Wohnungen in ganz Stuttgart zu stoppen und sich gegen Mieterhöhungen zu wehren. Die Initiative spricht von einer bevorstehenden Mieterhöhung von bis zu zehn Prozent im Jahr 2019. Die SWSG will das nicht bestätigen. Über eventuelle Mietpreiserhöhungen würden zunächst die Mieter direkt informiert, erst dann die Öffentlichkeit, erklärt Peter Schwab.

Den Vorwurf, die Gesellschaft vernichte günstigen Wohnraum, weist die SWSG entschieden zurück. Sie schaffe preiswerten Wohnraum. „Dies geschieht in Stuttgart im Wege der Innenentwicklung, wozu für die SWSG auch Neubau nach Abriss gehört, und zwar stets mit einem hohen Anteil an geförderten Wohnraum, der noch preiswerter als der frei finanzierte ist“, sagt Schwab. Die Kritik der Mieterinitiative greife zu kurz. „Sie ignoriert alle Menschen, die in Stuttgart dringend eine Wohnung suchen. Die etwa 4300 Eintragungen in der Vormerkliste des Amts für Liegenschaften und Wohnen für eine Sozialwohnung sprechen Bände“, heißt es von der SWSG.

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