Mit 64 Jahren entdeckte Editha Humburg ihr Talent zur Schriftstellerin, mit knapp 80 ist sie auf dem Jakobsweg bis nach Spanien gewandert. Das Vagabundendasein liegt ihr im Blut.
Weinstadt - Ich wollte immer weg“, sagt Editha Humburg rückblickend auf ihr langes Leben, das geprägt war von gesellschaftlichen Zwängen, aus denen sie immer das Gefühl hatte, ausbrechen zu müssen. In ihrem 80. Lebensjahr hat sie dann ihre Stiefel geschnürt und einen Rucksack gepackt, um von der französisch-spanischen Grenze auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela zu pilgern – allen Widerreden zum Trotz. „Alle haben zu mir gesagt: Du bist verrückt. Auf den Jakobsweg zu gehen in deinem Alter.“
Von ihrer Pilgerreise gibt es viel zu berichten
Doch Editha Humburg gab nur auf die Meinung von Aba Adonai etwas, wie sie Gott nennt. Mit ihm habe sie Rücksprache gehalten. „Wenn du das nicht willst, dann schiebe einen Riegel vor“, habe sie zu ihm gesagt. Jetzt ist Editha Humburg ist 98 Jahre alt.
Und sie weiß eine Menge von ihrer Pilgerreise zu berichten: Von einem Brasilianer, der seine Pilgerreise zur Brautschau nutzen wollte und dennoch ihre Gesellschaft oftmals den Bekanntschaften mit jungen Damen vorzog. Von einem arroganten Herbergsvater, der sie zur nächsten 25 Kilometer entfernten Pilgerunterkunft weiterschickte, weil sie in seinen Augen mit nur zehn Kilometern Tagespensum noch zu wenig gelaufen war. Von der Äbtissin, der es ebenso erging, und mit der sie dann gemeinsam bei Privatleuten unterkam, wo sie ein Ehebett teilten und „hochinteressante Gespräche“ führten. In ihrem Buch „Mit achtzig auf dem Jakobsweg“ hat sie ihre Erlebnisse aufgeschrieben. Am Mittwoch, 21. Juli, liest sie daraus in der Stadtbücherei Weinstadt vor.
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Dabei weiß sie sicherlich noch eine ganze Menge mehr zu erzählen, etwa wie sich ihr Gottesbild im Laufe ihres Lebens gewandelt hat. Das ist auch das Thema des Buches, an dem sie aktuell schreibt unter dem Arbeitstitel „Vom Zerrbild zum Ursprung“. Als „Pfarrerstochter strengster Prägung“ habe sie als junge Frau nicht viel Selbstwertgefühl gehabt, so Humburg, die dadurch erst spät mit 64 Jahren zu ihrer eigentlichen Berufung fand: der Schriftstellerei.
Direkt nach ihrer Ausbildung als Gärtnerin heiratete die gebürtige Memmingerin 1943 Werner Humburg, der bei der Oberpostdirektion Stuttgart arbeitete. Mit ihm und ihren drei gemeinsamen Kindern führte sie ein gutbürgerliches Leben in der Landeshauptstadt. Viel herumgekommen seien sie nicht, da ihr Mann als Kriegsgeschädigter aus Russland heimgekehrt nicht die Kräfte dafür gehabt habe. „Aber die geprägte Bürgerlichkeit lag mir nicht. Ich hatte immer ein Vagabundendasein in mir“, sagt Humburg. Das Hausfrauendasein sei für sie nicht erfüllend gewesen, und sie habe stets das Gefühl gehabt, von der Gesellschaft mit ihren Gesetzen und Pflichten festgehalten zu werden.
Wie Dynamit haben die Worte auf sie gewirkt
Im Seniorenalter begann sie sich davon zu befreien, ausgelöst durch folgendes Zitat, auf das sie stieß: „Ein jeder Mensch ist ein Schöpfungsgedanke von Gott.“ Wie Dynamit in einem Steinbruch hätten diese Worte auf sie gewirkt. Diese für sie plötzliche Wertschätzung von sich selbst habe ihr eine Lebensfreude gegeben, die sie in Worte habe fassen müssen. Entstanden sind daraus symbolische Geschichten, Märchen, Hörspiele und mehrere Theaterstücke, die alle auch zur Aufführung kamen. Nach dem Tod ihres Mannes betrieb Humburg 17 Jahre lang in einem angemieteten Haus in Stuttgart-Degerloch ihr eigenes Theater – bis sie um das Jahr 2000 herum den Entschluss fasste, nach mehr als sieben Jahrzehnten, die sie in Stuttgart lebte, die Landeshauptstadt zu verlassen. In Ochsenwang auf der Schwäbischen Alb, einem kleinen Ortsteil von Bissingen an der Teck (Kreis Esslingen), wo sie ein Zimmer in der Gaststätte Krone bezog, findet sie seither Ruhe und Raum zum Schreiben - und Spazierengehen.
Denn nach wie vor zieht es die zehnfache Großmutter und baldige sechsfache Urgroßmutter hinaus in die Natur. „Ich gehe soviel ich kann spazieren.“ Zwar seit einem Sturz im Januar nur noch mit Rollator, wodurch sie nun nicht mehr alle Wege laufen könne. Aber Humburg als eine Optimistin durch und durch sieht vor allem die Vorteile der Gehhilfe, die sich auch als Ruhebank eignet. „Dadurch kann ich nun sitzen, wo ich will.“
Lesung in der Stadtbücherei Weinstadt
Am Mittwoch, 21. Juli, liest Editha Humburg aus ihrem Buch „Mit achtzig auf dem Jakobsweg“ in der Stadtbücherei Weinstadt. Beginn ist um 19 Uhr. Eine Anmeldung ist notwendig unter der Nummer 0 71 51/69 33 22 oder per Mail an stadtbuecherei@weinstadt.de. Der Eintritt ist frei. Es besteht Maskenpflicht.