Diese Jungs stehen für das neue Fanprojekt in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

In Stuttgart im Leonhardsviertel gibt es jetzt ein neues Fanprojekt. Wir haben uns in den Räumen zwischen dem Jazzclub Kiste und dem Immer Beer Herzen umgesehen.

Stuttgart - Manchmal kommen auch gute Nachrichten aus der Altstadt, sogar im kalten Januar. Hilfreich für das Quartier zwischen ­Wilhelms- und Charlottenplatz könnte sein, dass sich am 2. Februar engagierte Bürger mit Carolin von Brügge vom Stadt­planungsamt zur nächsten Gesprächsrunde über die langfristig geplante Neugestaltung der historischen Leonhardsvorstadt treffen. Und gut ist ganz sicher, dass sich im Leonhardsviertel die Mitarbeiter des neuen Stuttgarter Fanprojekts eingenistet haben.

Eher zufällig stolpere ich in ihren Laden – fürs Publikum hat er noch geschlossen. Die Vorbereitungen werden noch dauern. Ende Februar oder Anfang März soll die Eröffnungsparty steigen. Der neue Treffpunkt liegt an der bunten Piste zwischen dem ­originellen Jazzclub Kiste und der schönen Kneipe namens Immer Beer Herzen.

Anlaufstelle für Fußballfans

Viele Jahre hat es gedauert, bis sich die Mehrheit des verstockten Gemeinderats zur Mitfinanzierung dieser wichtigen, sozial­pädagogisch betreuten Anlaufstelle für Fußballfans durchringen konnte. Seit Jahrzehnten gibt es in ganz Deutschland solche Projekte, zurzeit etwa 60.

Hauptstätter Straße 41, das Haus, in dem der Fotograf Jim Zimmermann sein Atelier betreibt und immer wieder zu kleinen ­Theaterabenden einlädt. Bis Ende 2011 war in diesem Gebäude die Bäckerei Schmälzle mit ihrem legendären Frühcafé. Nach dem ­Abschied des Ehepaars Helga und Hans-Georg Schmälzle zog das DGB-Beratungszentrum für Arbeit und soziale Gerechtigkeit (Basis) ein. Basis und Fanprojekt ­werden die Räume gemeinsam nutzen; ­zuletzt war die Freikirche der Adventisten mit ihrer Suppenküche Untermieter.

Für Fans von VfB und Kickers

Träger des Fanprojekts sind die Sportkreisjugend und der Stadtjugendring, ­finanziert wird es, wie überall in der ­Republik, von DFB, Stadt und Land. ­Michael ­Bulach von der Sportkreisjugend­Geschäftsleitung ist froh über diesen Ort in der Altstadt. Lange haben die Macher ­Räume gesucht, „irgendwo zwischen ­Mercedes-Benz-Arena und Degerloch“. Das Haus für junge Fans von VfB und Kickers im Leonhardsviertel ist gut mit dem öffent­lichen Nahverkehr erreichbar, und die ­üblichen Vorurteile gegenüber den Verhältnissen im Rotlichtbezirk stören ­Bulach nicht: „Das Viertel hat sich in den vergangenen Jahren positiv verändert, wir haben keine Berührungsängste.“

In den Basis-Räumen im Erdgeschoss stehen neuerdings Sofa und Sessel. Die Fanprojekt-Sozialarbeiter Daniel Metz, 35, Jörg Reinhardt, 29, und Andreas Kirchner, 25, testen zurzeit gewissermaßen die Platzverhältnisse. Sie bewegen sich in jeder ­Hinsicht auf Neuland. Keiner weiß, wie die bevorstehenden Begegnungen aussehen werden. Ihre Arbeit starten sie in der Rückrunde der Fußballsaison, ent­sprechend sind sie mit Prognosen zurück­haltend. „Wir müssen uns erst mal kennenlernen“, sagt Reinhardt, der mit seinem Kollegen ­Kirchner die VfB-Fans betreuen wird; die ­Kickers-Fans übernimmt Metz. Und so geht das Spiel: nicht Rot gegen Blau, sondern Rot mit Blau. Es gibt viel zu tun.

Probleme junger Menschen im Mittelpunkt

Die Annäherung an die Fans, sagt ­Michael Bulach, wird dauern: Vertrauen schaffen bedeutet oft lange, hart­näckige Arbeit. Wo die Schwerpunkte des Sozialprojekts liegen werden, lässt sich nicht ­genau sagen, bevor es losgeht – in den ­Städten gibt es große Unterschiede. In München laufen die Dinge anders als in Dortmund, in Heidenheim anders als in St. Pauli.

Ein Fanprojekt ist die Anlaufstelle zur Lösung von Problemen junger Menschen zwischen etwa 14 und 27 Jahren, die eines gemeinsam haben: Sie gehen zum Fußball und unterstützen ihren Verein. Das Stadion, egal wie groß oder klein, ist vielleicht der ­wichtigste Orte ihres Lebens, der Fußball, dieses einzigartige globale Spiel, ihre ­Gemeinsamkeit. Sehr wichtig, sagen die Sozialpädagogen, wird ihre Einzelfall-Arbeit sein: Wer Probleme hat – mit den Eltern, in der Schule, bei der Arbeit – findet künftig ebenso Rat und Hilfe wie bei Schwierigkeiten, die das Leben als Fußballfan mit sich bringen kann. In den Programmen der Koordi­nationsstelle Fanprojekte (KOS) finden sich Themen wie: Konflikte mit der Polizei und Behörden, Wahr­nehmung seiner Rechte, Aggression, ­Drogen, Verletzung unserer demokra­tischen Regeln (Rassismus, ­Extremismus).

Fanprojekte von Vereinen abhängig

Pädagogische Konzepte sind oft nicht identisch mit den Strategien der Polizei. Fanprojekt-Mitarbeiter treten deshalb als Vermittler, Mediatoren, Helfer auf. Die ­Sozialarbeiter des Stuttgarter Projekts sind selbst Fußballanhänger, unterstützen VfB oder Kickers. In Zukunft mischen sie sich mehr als bisher unter die Fans bei ­Heim- und Auswärtsspielen, um sich zu informieren und Kontakte herzustellen. Fanprojekte sind von den Vereinen unabhängig: Zu ihren Aufgaben gehört die Zusammenarbeit mit den Fan­beauftragten der Vereine, den Mitgliedern der Fanclubs und den Behörden.

Selbstverständlich wird das Fanprojekt auch auf Ablehnung stoßen. Neuankömmlinge haben es immer schwer. Es ist wie beim Fußball: Die Sozialarbeiter ­müssen ihr Spiel in einer noch relativ unbekannten Liga eher defensiv, abwartend und mit scharfem Blick eröffnen. Kontrollierte ­Offensive. Viele Fans, etwa die Ultras, leben in eigenen Welten, pflegen eigene Rituale, die Außenstehende nur schwer nach­­voll­ziehen können. Will man harte Fans ver­stehen und mit ihnen zusammen etwas auf die ­Beine stellen, darf man sie nicht nach den gängigen Kriterien bürgerlicher Moral beurteilen. Und es wäre anmaßend, würde ich an dieser Stelle als Fußballliebhaber mit gelegentlichen Stadionverirrungen etwas über das Klima in der Stuttgarter Fanszene sagen. Ich habe mich nur in die Räume des Fanprojekts verlaufen.

Das Spiel beginnt

Klar ist für mich aber, dass das Fan­projekt nicht nur dem Fußball, sondern auch dem Leonhardsviertel guttun wird. Ähnlich wie Musik und Tanz eröffnet Fußball großartige Chancen, Grenzen aller Art zu überwinden. „Jugendhaus-Atmosphäre“ soll in den Räumen herrschen. Tischkicker und Playstation wird es geben – und das Tor auch neugierigen ­Altsäcken wie unsereins offenstehen.

Das Spiel beginnt, ich bin gespannt.

Stuttgarter Kickers - Regionalliga

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