Eicke Rossow und sein Holz Foto: /Gottfried Stoppel

Eicke Rossow rettet Baumschnitt vorm Häcksler und haucht ihm neues Leben ein. Mit dem Rohstoff verbindet ihn mehr als eine Sammlerleidenschaft, wie ein Besuch in seinem Haus in Leonberg-Silberberg zeigt.

Das Zuhause ist ein Spiegel der Seele. Eicke Rossows Seele zeichnet sich schon im Vorgarten ab. Jeder im Leonberger Ortsteil Silberberg kennt sein kleines Anwesen an der Hauptstraße beim S-Bahnhof. Das mit dem vielen Holz vor der Hütte, sagen sie.

 

Um an die Eingangstür zu gelangen, läuft man durch ein Spalier aus naturbelassenen Baumstämmen, zersägt in handliche Stücke, mannshoch gestapelt. Da ist alles dabei, vom Ahorn bis zur Zwetschge: dicke und dünne Stämme, nackte und vermooste, geborstene, gebogene, pfeilgerade, knorrige, schuppige.

Aus der Haustür am Ende der kleinen Gasse tritt Eicke Rossow, der Wächter über das Holzimperium. Auch er hat was Urwüchsiges – weißbuschige Augenbrauen, einen Walrossschnauzer und einen Rauschebart, in dem sich hin und wieder Holzspäne verfangen. Ein Waldschrat. Bei der Begrüßung kommt Eicke Rossow gleich zum Wesentlichen: „Das ist Flieder, mein Lieblingsholz“, sagt er und zeigt auf ein Ungetüm am Eingang mit spiralförmigem Wuchs. „Das wächst ganz langsam. Ein ganz hartes Holz, wird aber kaum kommerziell verwendet, weil es doch recht eigen ist. Daraus habe ich schon Nähnadeln gemacht.“

Andere sammeln Wackelköpfe oder Spuckbeutel

Andere retten abgelaufene Lebensmittel vor der Abfalltonne. Eicke Rossow rettet Baumschnitt vorm Häcksler. Seit 40 Jahren kurvt er mit seiner Kettensäge im Umkreis von 20 Kilometern von einem Grünsammelplatz zum nächsten, phasenweise täglich. Dort lädt er auf seinen Anhänger, was andere loswerden wollen, um daraus noch etwas Wertiges zu drechseln. Obstschalen etwa, Lampenständer, Tischbeine oder Schreibgriffel. Was an Restholz und Späne übrig bleibt, wird im Kaminofen in Wärme verwandelt. Nichts kommt um.

Da ist nur ein Problem: Eicke Rossow sammelt mehr, als er zu verarbeiten vermag. „Ich komme nicht mehr hinterher.“ Seit Jahren. Dabei läuft seine Drechselmaschine im Keller auf Hochtouren, seit der 69-Jährige in Rente ist.

Es gibt Sammlerobjekte, deren Faszination schwerer zu begreifen ist als Holzreste. Manche sammeln Wackelköpfe oder Flugzeug-Spuckbeutel, Wasserpistolen oder „Bitte nicht stören“-Hoteltürschildchen. Oder Fliegerbomben. Das Museum für Gestaltung in Zürich hat darüber mal eine Ausstellung mit dem Titel „Collectomania“ gemacht. Holz aber hat viel Menschliches an sich: Rinde verhält sich wie Haut. Wird sie beschädigt, tritt Harz aus und verschließt die Wunde. Holz kann auch Krebs haben. Holz hat Zellen und Gefäße und ein Mark im Innersten. Rossow nennt es das Herz des Stamms. „Es hat oft Risse“, weiß er.

Man läuft weich wie auf Waldboden

Holz wirkt außerdem nachweislich beruhigend und verlangsamt den Herzschlag, wie jüngst eine Studie der österreichischen Forschungseinrichtung Joanneum Research belegt. Es scheint eine ähnliche Wirkung auf uns zu haben wie die Umarmung eines geliebten Menschen. Wer Holz besitzt, sauber geschlagen und aufeinandergestapelt unterm Vordach, der braucht eigentlich nichts mehr zu befürchten, keine kalten Winter, keine Energiekrise. So gesehen ist Rossow ein wohlhabender Mann.

Das Machtzentrum seines Reichs liegt im Keller, er nennt es „die heiligen Hallen“. Wie die Gebeine in den Katakomben von Paris stapeln sich bis hinauf zur Decke Feilen, Sägen, Hobel, Stemmeisen, Schraubstöcke und was noch so für die Holzverarbeitung dienlich sein könnte. Auch rund 5000 Beile und Äxte. Er habe letztens mal nachgezählt, sagt Rossow. Sein Tagesgeschäft verrichtet er vorwiegend an zwei Maschinen: An der Drechselbank führt er das gerettete Holz unter pausenloser SWR-3-Beschallung seiner neuen Bestimmung zu. Am Schleifband schärft er die dafür nötigen Instrumente. Die Holzspäne liegen zentimeterhoch. Man läuft weich wie auf Waldboden. Hier gerät Eicke Rossow in Flow.

Der erste Impuls kam von seinem Onkel Karl, ein Bauer in Hirschlanden. Als Rossow 20 Jahre alt wird, schenkt er ihm eine Drechselbank und dazu Unmengen von Holz – Reste eines abgerissenen Pferdestalls. Aus den alten Eichenbalken drechselt Rossow seine ersten Tischbeine. Der gelernte Werkzeugmacher wechselt mehrmals den Arbeitgeber und arbeitet in verschiedenen Positionen. Seinen Feierabend aber verbringt er immer gleich, immer mit Holz in Händen. Nur als er mal vom Walnussbaum fällt, bleibt die Drechselbank für einige Monate kalt. Für die Eltern sollte er Walnüsse abschütteln. Er fällt sechs Meter tief und landet mit dem Rücken neben einem Jägerzaun mit kreuzweise angeordneten Holzlatten. Seitdem fehlt ihm der Wirbelfortsatz. Doch das hat seiner Liebe zum Holz keinen Abbruch getan.

Unterschiedliche Visionen vom Eigenheim

Seine Leidenschaft hat ihn später vor ganz andere Herausforderungen gestellt. „Meine Frau hat mich vor sechs Jahren verlassen“, erzählt er. Als sie vor 20 Jahren gemeinsam in das renovierungsbedürftige Haus in Silberberg zogen, hatten sie wohl unterschiedliche Visionen vom neuen Eigenheim. „Sie wollte immer eine weiße Villa“, sagt er. „Ich wollte Gemütlichkeit.“ Darunter versteht er holzverkleidete Wände, Bauernschränke aus massivem Eichenholz mit Schnitzereien auf den Türen, schwere Kommoden aus Nussholz oder Tische mit aufwendig gedrechselten Beinen im Landhausstil. An Wochenenden spürt er ihnen auf Flohmärkten auf. „Sie fuhr ein Mal mit“, erinnert er sich. Aber sie sei dann am Eingang stehen geblieben und wollte nicht weiter.

Anfangs hatte er noch versucht, beide Stile nebeneinander gelten zu lassen. „Im Esszimmer standen zwei große Schränke, meiner und ihrer“, erzählt er. Aber wahrscheinlich setzten sich seine ästhetischen Vorlieben im Laufe der Zeit durch. Jedenfalls fuhr seine Frau immer häufiger über das Wochenende zur Mutter ins Rheinland, wo sie ursprünglich herkommt. „Sie hatte es auch nicht so mit den Schwaben“, sagt Rossow. „Ich glaube, irgendwas hat sie bedrückt.“

Als sich abzeichnete, dass die Liebe nachlässt, überkam Eicke Rossow eine tiefe Traurigkeit. Monatelang war er gelähmt und drechselte nur noch runde Formen, kistenweise, ohne sie weiter zu verarbeiten. Die Zeugnisse aus dieser Zeit liegen bis heute in einer der Regale auf der Terrasse hinterm Haus. „Die kann ich ja nicht einfach wegtun.“

Nach und nach kamen die Lebensgeister wieder zurück. Er gewöhnte sich an, abends vor dem Einschlafen in den Witzebüchern zu blättern, die er von seinen Flohmarktstreifzügen nach Hause brachte. „Ich lese immer drei Witze vor dem Einschlafen“ sagt er. Das helfe gegen Gegrübel im Dunkeln.

Nun darf der Ziehbock im Wohnzimmer stehen

Als seine Frau irgendwann nur noch ein Mal im Jahr nach Hause kam, nämlich für die Steuererklärung, tauschte er ihren Schrank gegen einen zweiten Bauernschrank aus und stellte seinen Ziehbock im Wohnzimmer auf, eine Schnitzbank, die er regelmäßig auf Mittelaltermärkten präsentiert. Die selteneren Beilexemplare dürfen nun im Waschraum stehen. In der Küche kann er zwischen zehn Messerblöcken wählen. Und die Wände hat er mit Intarsien geschmückt. Das sind Bilder aus bündig zusammengesetzten Hölzern. Auch ihnen gilt seine Sammelleidenschaft. Rossow zeigt auf eines mit Kirchturm und Fachwerkhäusern. „Mein erstes Bild“, sagt er, „hat ein Euro gekostet.“ Er habe über hundert davon und nie mehr ausgegeben als jeweils 25 Euro, darunter eine Nachahmung des berühmten Bücherwurms von Carl Spitzweg. „Das ist ein Saugeschäft“, sagt Rossow mit Hochachtung. „Ich verstehe nicht, warum das keiner haben will.“

Nun trägt die Inneneinrichtung zwar seine Handschrift, aber trotzdem ist vieles in seinem Heim unfertig. Seit dem Auszug seiner Frau hat er alle Renovierungsarbeiten eingestellt. Die Wände im Flur sind noch im Rohbau, die Fensterrahmen bräuchten dringend einen Anstrich, das Bad ist eine Baustelle. „Meine Frau und ich konnten uns damals nicht auf die Fliesen einigen.“

Er wartet noch auf etwas, wofür es sich lohnt, das Haus zu vollenden. Schon länger suche er Gemeinschaft, beim Renninger Ritterbund oder bei den Bulldog- und Schlepperfreunden, „obwohl ich weder einen Bulldog noch einen Schlepper besitze“. Da finde er zwar viele Gleichgesinnte, nicht aber ein passendes Gegenstück. Deshalb nimmt er neuerdings an Aktionen einer Stuttgarter Singlebörse teil und hat auch bereits Damenbesuch in Silberberg empfangen. Als er ihr sein Haus zeigt, sagt sie mit Bedauern, dass seine Art zu leben nicht ihrer entspreche. Rossow sagt, das verstehe er. „Typen wie ich sind halt eigen.“ So wie der Flieder.

Wer Interesse hat und die nötigen Räume, um Eicke Rossows Intarsienbilder auszustellen, kann sich bei ihm direkt melden unter der folgenden E-Mail-Adresse: eicke.rossow@gmx.de.