War das der letzte Zinsschritt? EZB-Präsidentin Christine Lagarde lässt sich nicht in die Karten schauen. Foto: dpa/Boris Roessler

Nach neun Leitzinserhöhungen in Folge setzt die Europäische Zentralbank auf Flexibilität. Das ist angesichts der fragilen Wirtschaftslage und weiter hohen Inflation sinnvoll, meint unser Finanzkorrespondent Hannes Breustedt.

Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt sich nach ihrer jüngsten Zinserhöhung nicht in die Karten schauen. Klare Signale, ob der Zinsgipfel im Euroraum mit der inzwischen neunten Anhebung der Leitzinsen in Folge erreicht ist, gab die oberste Währungshüterin Christine Lagarde den Finanzmärkten am Donnerstag nicht – verständlicherweise.

 

Die Notenbankchefin betonte bei ihrer Pressekonferenz nach dem Zinsentscheid auf Nachfrage wiederholt, dass die EZB geldpolitisch zunächst auf Sicht fahren und ihr weiteres Vorgehen von der Entwicklung von Inflations-, Arbeitsmarkt- und weiteren Konjunkturdaten abhängig machen werde. Das ist sinnvoll. Denn die Gefahr, beim weiteren Kurs zu übersteuern, ist derzeit besonders groß.

Konjunkturschwäche – besonders in Deutschland

Einerseits besteht ein erhebliches Risiko einer zu straffen Geldpolitik: Wichtige wirtschaftliche Frühindikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes für die Eurozone signalisieren eine weitere konjunkturelle Abkühlung im zweiten Quartal.

Gerade für Deutschland, die größte Volkswirtschaft im Währungsraum, sieht die Lage kritisch aus. Diese Woche erst senkte der Internationale Währungsfonds seine Konjunkturprognose und geht nun davon aus, dass die Wirtschaftsleistung hierzulande in diesem Jahr leicht schrumpfen wird. Auch der ifo-Geschäftsklimaindex fiel im Juli weiter zurück und deutet auf einen anhaltenden wirtschaftlichen Abschwung hin.

Inflationsgefahr längst nicht gebannt

Andererseits ist auch das Risiko einer zu laschen Geldpolitik weiter gegeben– auch wenn die EZB ihre Leitzinsen seit der Zinswende vor einem Jahr im Rekordtempo erhöht hat. Denn der Kampf der Notenbank gegen die Inflation zeigt zwar Wirkung, doch gewonnen ist er noch längst nicht.

Im Juni sank die Inflationsrate im Euroraum von 6,1 Prozent im Vormonat auf 5,5 Prozent. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Doch die EZB peilt zwei Prozent an und ist davon immer noch weit entfernt. Besonders unangenehm: die Kerninflation – bei der besonders stark schwankende Preise etwa für Energie und Lebensmittel außen vor bleiben – stieg zuletzt wieder an. Die EZB muss also einen heiklen Balanceakt vollführen. Sie tut gut daran, sich ihre Optionen offenzuhalten.