Frustrierte HSV-Fans: Die Rettung ist für den Bundesliga-Dino in ganz weite Ferne gerückt. Foto: dpa

Als HSV-Fan hat man es in Süddeutschland nicht einfach – Sportredakteur Dominik Ignée weiß das. Zu allem Überfluss kann an diesem Samstag beim VfB Stuttgart der Abstieg so gut wie besiegelt werden.

Stuttgart - Wieso klebt am Heck deines Autos die Raute? Warum bist du für den HSV? Welche Synapsen sind da in deinem Gehirn falsch angeschlossen? Du lebst ja auch gar nicht Hamburg – wie also kann das sein? Und warum ist nicht der VfB dein Club?

Diese Fragen wurden mir oft gestellt. Am liebsten hätte ich jedes Mal geantwortet: „Das geht dich einen feuchten Kehricht an!“ Und überhaupt: Was wäre denn so anders, wenn der MSV Duisburg mein Club wäre? Oder Union Berlin?

Ein HSV-Fan muss sich in Süddeutschland immer dafür rechtfertigen, dass er HSV-Fan ist. Dabei ist es nicht eben Ausdruck von Weltoffenheit, in Stuttgart sein Leben unter Berücksichtigung des Dreiklangs Daimler, Kehrwoche und VfB zu bestreiten. Bevor etwas falsch verstanden wird: Ich bin alles andere als weltgewandt. Aber der HSV hat es mit in den Siebzigern angetan wie vielen Kindern in dieser Zeit die erfolgreiche Fohlenelf von Borussia Mönchengladbach. Auch hier im Süden.

Die Raute im Herzen

Ungeachtet des profanen, aber für einen HSV-Fan seit 30 Jahren gültigen Spruchs, wonach Leidenschaft etwas ist, das die Leiden schafft: Ja, es ist so! Ich trage diese verdammte Raute im Herzen. Und ich bekomme diese tiefe Verbundenheit bis an mein Lebensende nicht mehr aus den Kleidern. Wenn es am Samstagnachmittag in der Radio-Konferenzschaltung heißt „Tor in Hamburg!“ und die Bude dann auch noch ein HSV-Spieler macht, dann entfährt mir im Auto ein Urschrei, der meine Frau zweifeln lässt, im Hinblick auf den Bund des Lebens die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Neulich kommentierte sie nach dem 0:0 gegen Mainz meine Bemerkung „Oh Gott, der HSV steigt ab“ mit der Daumenhochgeste.

Keiner weiß, wie tief dieses Gefühl für den HSV sein kann. Wir wollen jetzt nicht wieder die Finalsieger im Europapokal der Landesmeister von 1983 herunterbeten. Diese ewige Kaltz-Hrubesch-Magath-Angeberei kann keiner mehr hören, auch wenn wir nochmal kurz darauf verweisen möchten, dass außer den Bayern, Dortmund und dem HSV kein andere deutscher Club den größten europäischen Pokal gewann. Auch die HSV-Uhr darf jetzt endlich mal anhalten. Wir wollen kein Dino sein, sondern endlich mal wieder Tabellenachter ohne Sorgen. Der bevorstehende Abstieg ist ganz eng verbunden mit der Hoffnung, dass sich der HSV in der zweiten Liga erholt für den fälligen Neuanfang.

Idol Manni Kaltz

Keiner weiß, was in einem 13-Jährigen vorgeht, der Rotz und Wasser heult, weil sein Club ein Finale verliert. 0:1 gegen Nottingham Forest am 28. Mai 1980, auch damals schon im Landesmeisterfinale, und dann der verzweifelte Blick auf das HSV-Poster im Jugendzimmer: Warum hast du es nicht verhindert, Manni Kaltz? Warum haben mein Idol und all die anderen kein Mittel gefunden gegen das Abwehrbollwerk, das aus elf feigen Engländern bestand, die sich alle in den eigenen Strafraum stellten nach dem Führungstreffer von John Robertson in der 20. Minute?

Die HSV-Truppe, die etwas später ausgestattet mit dem Happel’schen Pressing eine der besten Mannschaften der Welt war, hat die damals schon selbstbewussten Breitner-Rummenigge-Bayern weggefiedelt, wenn man ihnen mal wieder einen Denkzettel verpassen musste – und im Halbfinale des Landesmeistercups das königliche Real Madrid mit 5:1 in alle Einzelteile zerlegt. Es soll wirklich nicht wieder an alte Heldentaten erinnert werden. Doch nach diesem brutalen 0:1 gegen Nottingham stürzte eine Welt ein. Manni, wo warst du? Als Björn Borg, der wie Kaltz langes wehendes Haar trug, erstmals das Wimbledon-Finale gegen den US-Flegel John McEnroe verlor und als Kaltz kein Mittel gegen Nottingham fand, machte ich erstmals die furchtbare Erfahrung, dass Denkmäler bröckeln können. Ausgerechnet Kaltz. Ausgerechnet Borg. Die Helden meiner Jugend.

Nach dem Sieg gegen die Kickers beginnt die Leidenszeit

Nach dem letzten HSV-Erfolg 1987, als die Stuttgarter Kickers im Pokalfinale besiegt wurden, begann die Leidenszeit. Von wenigen lichten Momenten abgesehen, war der HSV nicht mehr der HSV. Ich hatte schon über Alternativen nachgedacht. Gladbach? Schalke? Was ist mit Köln? Doch als Fan den HSV möglicherweise auszutauschen, war nur Ausdruck purer Verzweiflung. Du kannst auf die geldgierigen Spieler schimpfen, auf das Unvermögen der Clubvorderen, die ihnen die Millionen auch noch in den Rachen werfen und im Misserfolgsfall die Trainer tauschen wie Taschentücher. Du kannst dich mal kurz vor Wut dem allgemeinen Trend anschließen, wonach der HSV tatsächlich mal den Abstieg verdient hat. Aber?

Ja, aber: Du trägst die Raute im Herzen. Schon immer. Für immer. Und wenn ihr runterkommt in die zweite Liga, wonach es nach einer weiteren Niederlage am Samstag in Stuttgart dann ja auch wirklich aussieht – dann vergesst die Uhr, Jungs! Ich werde in Sandhausen und Heidenheim auf der Tribüne stehen. Wir überleben das. Wir haben auch Nottingham überlebt!

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: