Lange Schlangen vor der Postfiliale an der Böblinger Straße. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

In der Innenstadt werden immer mehr Traditionsgeschäfte in die Knie gezwungen, weil ihnen der Dreisatz aus Billigkonkurrenz, Online-Abwanderung und Mietwucher den Garaus macht, kritisiert Lolakredakteurin Kathrin Wesely.

Stuttgart - Wenn man von Weitem schon sieht, dass die Schlange vor dem Postschalter sich die Treppe bis vors Gebäude herunterzieht, steigt Groll auf. Der schöne Samstagvormittag ist dahin! Zu Hause liegt die Zeitung gefaltet auf dem Frühstückstisch, das Ei fällt aus, die Brezeln werden altbacken. Um 12 Uhr macht die Post zu, bis dahin muss man sein Päckchen, dessen Zustellung man wieder verpasst hat, bei seiner Filiale abgeholt haben. Denn wer ist unter der Woche schon zu Hause, wenn der Bote klingelt? Die vielen Leute in der Schlange jedenfalls nicht. Die kostbaren und ohnehin vollgestopften Samstage werden durch die Ansteherei zusätzlich verkürzt. Das ist enervierend, kraftraubend, familienfeindlich, nervtötend, böse – und gut so.

Übrig bleiben große Ketten

Während er nämlich behaglich im Sessel zwischen „Tagesschau“ und „Tatort“ bei Amazon seine Einkäufe erledigt, vergisst der Mensch gern, welche Lawine er lostritt. Allein der Transport der Sendungen vom Verteilerzentrum vor der Stadt zur Haustür des Bestellers, brockt den Kommunen dicke Suppen ein. Er verstopft die Straßen, bringt den Verkehr noch in die entlegensten Gassen, wo Kinder spielen, und verschmutzt die Luft. Gleichzeitig werden in der Innenstadt immer mehr Traditionsgeschäfte in die Knie gezwungen, weil ihnen der Dreisatz aus Billigkonkurrenz, Online-Abwanderung und Mietwucher den Garaus macht. Übrig bleiben große Ketten mit ihren immer gleichen Filialen.

Das Schöne an der Postschlange ist, dass man endlich mal die Zeit findet, über diese Zusammenhänge in aller Ruhe nachzudenken und sein eigenes Kaufverhalten grundsätzlich zu reflektieren.

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