Landwirte demonstrieren in Berlin für höhere Lebensmittelpreise. Foto: dpa

Viele Menschen greifen zu billigem Fleisch – doch sie werden vorschnell an den Pranger gestellt, meint StN-Autor Klaus Köster.

Stuttgart - Das ist für Edeka gerade nochmal gutgegangen: „Essen hat einen Preis verdient – den niedrigsten“, plakatierte die Genossenschaft Minden-Hannover und erntete dafür einen Sturm der Entrüstung. Mit 250 Traktoren blockierten Bauern ein Zentrallager von Edeka, umgehend stellten sich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner und der Deutsche Bauernverband hinter die Proteste. Auch Otto Waalkes, der auf den Plakaten als Blickfang diente, ging auf Distanz. Edeka blieb da nur noch der geordnete Rückzug.

Ist teuer gleich gut?

Die Plakat-Posse war die richtige Einstimmung auf das Spitzentreffen bei Bundeskanzlerin Angela Merkel, bei dem über die Preise für Lebensmittel gesprochen wurde. Lebensmittel sind so ziemlich das einzige Produkt, bei dem die Politik das Problem nicht in zu hohen, sondern in zu niedrigen Preisen sieht. „Tierwohl kostet Geld, das kann nicht die Bauernfamilie allein stemmen“, sagt Klöckner. „Wenn der Verbraucher einmal Hähnchenflügel für zwei Euro pro Kilo gekauft hat, dann hält er das für normal.“

Natürlich lässt sich zu diesem Preis kaum kostendeckend Fleisch produzieren, dessen Herstellung eine auch nur halbwegs artgerechte Tierhaltung vorausgegangen ist. Viele Menschen legen in Umfragen größten Wert auf das Tierwohl, müssen sich aber vorhalten lassen, an der Theke dann doch zielstrebig zur Billigware zu greifen.

Billiger Vorwurf der Doppelmoral

Ein Teil der Verbraucher würde maximalen Tierschutz in der Tat am liebsten zum Nulltarif haben. Gleichwohl ist manch ein Vorwurf der Doppelmoral fast so billig wie das Fleisch, um das es geht. Denn auch wenn Billigfleisch wohl nur selten hohen Tierschutz-Standards genügt, muss der Umkehrschluss noch lange nicht richtig sein: dass teure Ware höherwertig ist. Auch Wein wird nicht dadurch besser, dass die Flasche für zehn statt für zwei Euro verkauft wird. Würden, wie von Grünen gefordert, Lebensmittel-Mindestpreise festgelegt, käme das auch und gerade dem Massenzüchtern entgegen, die aufgrund der von ihnen produzierten Mengen mit besonders hohen Mehrumsätzen rechnen dürften.

Dem Verbraucher fehlen oft nachvollziehbare Informationen über Haltung und Herkunft der Tiere. Der Wust an Tierwohl-Abzeichen ist kaum zu überblicken. Die Qualität lässt sich schwer vergleichen, der Preis dagegen schon. Solange das so bleibt, ist der Griff ins Billigregal leider alles andere als abwegig.

Flächen werden knapper

Ohnehin steht das Ziel einer maximal naturnahen Landwirtschaft in Konkurrenz zu anderen Zielen, die vielen Menschen ebenfalls wichtig sind. Nicht jeder macht sich diesen Widerspruch bewusst. Je geringer der Ertrag pro Fläche, desto mehr Fläche wird benötigt – nicht nur in Deutschland, sondern auch im globalen Maßstab.

Zu einer globalen Sichtweise gehört auch der Umstand, dass die Menschheit stark wächst und somit mehr Lebensmittel benötigt. So wünschenswert eine rein nach ökologischen Maßstäben ausgerichtete Landwirtschaft mit ausgedehnten Weideflächen und geringeren Turbo-Ernteerträgen pro Hektar auch ist- sie erhöht den Bedarf an Land noch weiter, das aber auch für Wohnraum und Infrastruktur gebraucht wird - und möglichst auch für Wälder, die der Atmosphäre klimaschädliches CO2 entnehmen können. All diese Ideen für mehr Einklang mit der Natur ändern nichts daran, dass die Fläche der Erde endlich ist. Letztlich werden sich daher nicht alle Ziele gleichzeitig verwirklichen lassen. Ohne vernünftige und schwierige Abwägungen zwischen Tier-, Umwelt- und Klimaschutz wird es nicht gehen.

klaus.koester@stuttgarter-nachrichten.de

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