1,09 Euro täglich kostet eine statistisch gemittelte Ziege – zu viel. Foto: factum/Granville

Zwei Schäfer rechnen vor, warum ihrem Berufsstand hierzulande das Aussterben droht.

Magstadt - Nicht einmal Schafe und Ziegen lassen sich über einen Kamm scheren. Eine statistisch gemittelte Ziege zu halten, kostet 1,09 Euro täglich. Ein Schaf kommt 29 Cent billiger. Der Unterschied ist, dass Schafe wetterfest sind. Nasse Ziegen müssen in den Stall. Derlei Zahlen listet Karlheinz Krüger auf einer Bank in seiner Scheune auf, während Fliegenschwärme versuchen, den Tisch zu erobern. 200 Schafe und 50 Ziegen halten Sabine Krüger und ihr Mann – im Nebenerwerb, gezwungenermaßen. Denn das Ergebnis all ihrer Rechnungen ist: Sie zahlen drauf. Wenn unter dem Strich ein paar tausend Euro Plus stehen, war es schon ein gutes Jahr.

Die Kleinigkeiten amüsieren sie noch. Dazu zählt die Geschichte von den Ziegen, die eine Wiese in Grafenau gewissenhaft abweideten. Spaziergänger klagten über Kahlfraß. Die Krügers trieben Schafe auf die Weide, die das Grün sparsamer zupfen. Spaziergänger klagten über Wildwuchs.

Das Große und Ganze hingegen zerfrisst ihre Nerven. „Ich bin ein Subventionsbetrüger“, sagt Karlheinz Krüger. Damit endet eine lange Geschichte um Förderrichtlinien, erlassen von EU, Bundes- und Landesregierung, verfeinert von Regierungspräsidien, Landkreisen und Gemeinden, durchgesetzt von einer vergleichsweise jungen Institution namens Landschaftserhaltungsverband. Dessen Erfindung feiern die Grünen im Land als Durchbruch. Die Krügers sehen das etwas anders.

Schon der Ansatz ist aberwitzig

Schon der Ansatz am oberen Ende der Kaskade ist aberwitzig: Weil Landwirte ohne Subvention nicht überleben, wird jede Art Landwirtschaft gefördert, pauschal nach Fläche. Der Schäfer auf der Alm, der 1000 Tiere 50 zusammenhängende Hektar abgrasen lässt, wird über denselben Kamm geschoren wie die Krügers. Deren 50 Hektar Weideland verteilen sich über mehrere Gemeinden. Die größte Wiese misst 13, die kleinste einen Hektar. Steinbrüche zählen zu ihrem Weideland und Naturdenkmäler.

Schäfer sind zwar Landwirte, die Fläche, die sie bewirtschaften, gilt aber nicht unbedingt als landwirtschaftliche Fläche. Stehen auf einem Hektar mehr als 100 Bäume, wird die Weide zum Wald. Wachsen auf ihm mehr als 51 Prozent Gras, gilt die Weide als Wiese. Vor Jahren hatte Karlheinz Krüger den Förderantrag ausgefüllt. Bis 2015 fragte niemand, „dann bin ich voll auf die Nase gefallen“, sagt er. Ein Prüfer stellte fest, dass elf Hektar zu Unrecht gefördert werden. Nun droht eine Strafzahlung zwischen 15 000 und 20 000 Euro. „Das wäre die Pleite“, sagt Karlheinz Krüger.

Die Pleite wäre ein Paukenschlag

Es wäre auch ein Paukenschlag zum Ende eines Lobliedes, das jüngst der Staatssekretär Andre Baumann auf die Arbeit der Krügers gesungen hat. Ohne sie, so klingt der bisherige Schlussakkord, wäre der Erhalt der Kulturlandschaft unmöglich. Allerdings wird die so gelobte Arbeit nicht mehr angemessen bezahlt. Eben dies zählt zu den Errungenschaften des Landschaftserhaltungsverbands im Kreis Böblingen. Der erste Satz des Verbandsvertreters, so erzählt es Sabine Krüger, war: „Einzelverträge schließen wir nicht ab.“

Seither bekommen die Schäfer pro Hektar und Jahr pauschal 410 Euro dafür, dass sie unwegsames Gelände natürlich pflegen. Früher wurden sie nach Aufwand bezahlt. Sabine Krüger tippt auf dem Taschenrechner: 30 mal 1,09 Euro mal 14, macht 457,80 Euro. 30 Ziegen stehen 14 Tage lang auf einer Weide, bis sie vorschriftsgemäß abgefressen ist, allerdings nicht einmal, sondern zweimal jährlich; ergibt ein Minus von 505,60 Euro. Das ist mit dem Verkauf von Fleisch und Wolle nicht auszugleichen.

Die Schäfer müssen Elektrozäune kaufen, aufbauen und regelmäßig freischneiden, um das Vieh vom Ausbüxen abzuhalten. In der Kalkulation fehlen Fahrtzeiten, Kilometergeld und der 50 000 Euro teure Traktor, der in der Scheune steht. Ihn hat Karlheinz Krüger von seinem Gehalt bezahlt. Nicht enthalten sind auch Nachforderungen. Das störrische Vieh frisst nur, was ihm schmeckt. Ist das gemäß amtlicher Feststellung zu wenig, müssen die Krügers von Hand nachschneiden.

Vor 15 Jahren hat das Ehepaar die ersten Tiere gekauft, eben um zu helfen, dass eine vielfältige Kulturlandschaft erhalten bleibt. Die Krügers sind BUND-Mitglieder aus Überzeugung. Sie halten das Vieh nach wie vor, „weil es Freude macht“, sagt Sabine Krüger. Sie hat damals ihren Beruf aufgegeben. Die Kinder waren aus dem Haus, aber „wir hätten auch gern Nachfolger“. Diese Sorge teilt sie mit all ihren Kollegen. Der Bundesverband der Berufsschäfer registriert in einem Spitzenjahr 20 Lehrlinge. Der Durchschnittsschäfer ist 56 Jahre alt.

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