Ulrich Gennermann verkauft noch bis zum 31. August seine letzten Fahrräder. Foto: Alexandra Kratz

In Stuttgart-Vaihingen ist es eine Institution gewesen: das Fahrradfachgeschäft Speiche. Doch nach fast 40 Jahren macht der Inhaber Ulrich Gennermann nun Schluss. Er fand keinen Nachfolger.

Vaihingen - Wehmut schwingt bei Ulrich Gennermann mit, wenn er über das nahe Ende seines Fahrradgeschäfts spricht. Auch seine Kunden wollen sich damit lieber nicht abfinden. „Leute, ihr könnt doch nicht einfach zumachen, meinen viele, denen wir es erzählen“, sagt Gennermann. Im kommenden Jahr hätte er mit seiner „Speiche“ gegenüber dem Rathaus in Vaihingen 40-jähriges Bestehen gefeiert. Doch die Ladenmiete endet vertragsgemäß nach 20 Jahren zum 30. September 2019. Und damit auch die Geschichte des größten Fahrradgeschäfts in Vaihingen. Am 31. August ist Zapfenstreich.

Nach seinem Maschinenbau-Studium in den Siebzigern will der Technik-Narr lieber etwas Praktisches machen. Schon zu Schulzeiten schraubt Gennermann gerne an Autos, möbelt ein altes Feuerwehrauto auf. Er beginnt als Angestellter in einem Stuttgarter Fahrradgeschäft, der auch Autozubehör verkauft. Seine Frau Magdalena sagte damals: „So viel wie Du arbeitest, kannst Du Dich auch selbstständig machen.“ Im April 1980 wagt er das Risiko in Stuttgart-West – mit nur 35 Fahrrädern im Geschäft am Eröffnungstag.

Der Tüftler hat sogar mal ein eigenes Modell konstruiert

Gennermann: „Angefangen habe ich damals in dem Laden an der Ecke Gutenberg-/Hasenbergstraße. Dort werden heute immer noch Fahrräder verkauft. Als ich begonnen habe, war ich nur ein Ein-Mann-Betrieb.“ Er schuftet fast rund um die Uhr. Tagsüber bedient er die größer werdende Kundschaft, nach dem Abendessen mit der Familie stellt er sich noch mal bis spät in die Nacht in die Werkstatt. „Wenn man jung ist und noch was bewegen will, macht man das eben. Doch wenn abends die Pärchen, die gerade aus dem Kino kamen, vor dem Schaufenster vorbeiflaniert sind, habe ich die schon etwas beneidet“, sagt er.

1989 hört das Unternehmen „Auto und Zweirad“ in der Vaihinger Emilienstraße auf, Gennermann übernimmt das Geschäft, das fortan „Die Speiche – Auto und Zweirad“ heißt. Damit gewinnt er zwei feste Mitarbeiter hinzu. „Wir hatten zwei Lager und zwei Ladengeschäfte. Ich bin oft hin- und hergefahren“, erinnert er sich. Damals konstruiert der Tüftler sogar ein eigenes Modell namens „Outback“, das sich gut verkauft.

Mit modernen Mountain Bikes und E-Bikes wird der Beruf immer komplexer

Noch mal zehn Jahre später, damals schreibt man das Jahr 1999, legt er beide Geschäfte zusammen und zieht ins heutige Domizil an der Robert-Leicht-Straße 2. Endlich kann er sich auf 500 Quadratmetern ausbreiten und hat weitere 200 als Lagerfläche. Damit wird seine „Speiche“ zum größten Fahrradgeschäft in dem Stuttgarter Stadtbezirk. Gennermann: „In den Jahren hat sich das Sortiment enorm verbreitert. Zuerst kamen die Mountain Bikes, dann die E-Bikes. Und das in verschiedenen Größen, Farben, Ausstattungen.“ In guten Zeiten verkauft er an die 1000 Fahrräder in einem Jahr.

„Wir reparieren als einer der wenigen alles, egal von wo es kommt“, sagt der Inhaber. Die Vielfalt der Marken und Modelle gerade bei den E-Bikes ist für Händler eine Herausforderung, und Gennermann repariert nicht bloß Räder, die bei ihm gekauft wurden. Im benachbarten Böblingen etwa haben im vergangenen Jahr mit Fahrrad Jaiser und dem E-Bike-Spezialisten E-Zee gleich zwei Fahrradgeschäfte aufgegeben. Nicht mangels Kunden, sondern mangels Nachfolge.

Am 1. Juli beginnt der große Räumungsverkauf

Bevor es aber soweit ist, startet Gennermann noch einen groß angelegten Räumungsverkauf. Vom 1. Juli an gewährt er seinen Kunden bis zu 40 Prozent auf Fahrräder und Zubehörteile – auch E-Bikes. Einzelstücke sind sogar bis zu 70 Prozent reduziert. Nur Verschleißteile hat er vom Sonderverkauf ausgenommen.

Und dann? „Dann komme ich endlich mal selbst mehr dazu, Fahrrad zu fahren“, freut sich der 69-Jährige auf den wohlverdienten Ruhestand. Für ihn bedeutet das: Endlich mehr Zeit für die wachsende Familie. Und für Reisen, auf die er so lange verzichten musste.

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