Ein Wahrzeichen, trotzdem wird das Kunstgebäude Stuttgart vorerst Ausweichquartier bleiben. Foto: dpa

Das Stuttgarter Kunstgebäude ist ein Wahrzeichen der Stadt. Von Donnerstag an findet dort das Festival „New Narratives 2“ statt, das den Weg für eine neue kulturelle Nutzung des Hauses weist. Doch im Herbst zieht erst einmal das Staatsministerium ein.

Stuttgart - Wenn die Wirtschaft wächst und der Handel blüht, heißt das noch lange nicht, dass alle Menschen davon profitieren – im Gegenteil. Aber wie geht man mit diesem Wissen um, das ist eine Frage, der Gayatri Chakravorty Spivak nachgeht. Die Literaturwissenschaftlerin ist eine der namhaftesten Theoretikerinnen postkolonialer Reflexion und hat sich dabei immer wieder mit Machtstrukturen und Sprache befasst sowie mit dem Zusammenspiel von Wirtschaft und sozialer Gerechtigkeit. Es ist eine kleine Sensation, dass man die 76-jährige, einflussreiche New Yorker Professorin nach Stuttgart locken konnte. Am diesem Donnerstagabend hält Spivak den Eröffnungsvortrag bei „New Narratives 2“. Ihr Thema: „Wirtschaftswachstum und soziale Inklusion“.

Zum zweiten Mal findet im Kunstgebäude nun das Festival „New Narratives“ statt, bei dem es bis Sonntag in Vorträgen, Diskussionen und Workshops um die Frage geht, ob Wachstum immer nur wirtschaftlichen Interessen folgen muss oder auch soziale und kulturelle Kriterien berücksichtigen kann. „New Narratives“ versucht dabei, die klassischen Formate aufzubrechen und Wissenschaft und Kunst zu vermischen. Das Konzept haben gleich mehrere Stuttgarter Kulturinstitutionen gemeinsam entwickelt, die Akademie Schloss Solitude und das Schauspiel Stuttgart sind mit im Team, das Theater Rampe, die Kunstakademie oder auch der Württembergische Kunstverein. Zwei Jahre lang nutzen sie gemeinsam das Kunstgebäude – weil sich der ehemalige Staatssekretär Jürgen Walter erhoffte, dass die verschiedenen kreativen Geister ungewöhnliche Formate jenseits klassischer Theatervorstellungen, Konzerte und Ausstellungen entwickeln, aus denen sich ein Konzept für die künftige Nutzung des Kunstgebäudes ableiten ließe.

Das Staatsministerium wird das Kunstgebäude übergangsweise nutzen

Im Herbst endet diese Experimentierphase, trotzdem wird es vorerst keinen Neustart am Schlossplatz geben, sondern er rückt sogar in noch weitere Ferne. Nachdem während des Umbaus des Landtagsgebäudes im Kunstgebäude das Parlament tagte, wird es erneut als Ausweichquartierdienen, diesmal dem Staatsministerium. Bis die Bauarbeiten am Neuen Schloss abgeschlossen sind, wird das Staatsministerium die Räume zum Schlossplatz hin für Veranstaltungen nutzen.

Die Ausstellungsräume des Württembergischen Kunstvereins hinter dem Glastrakt sind davon nicht betroffen. Aber auch im vorderen Bereich könnte es vereinzelt kulturelle Veranstaltungen geben, immer dann, wenn das Staatsministerium ihn nicht benötigt. „Wir teilen uns mit dem Staatsministerium für eine absehbare Zeit die Räume und entwickeln in der Zeit die Konzeption“, sagt die Staatssekretärin ­Petra Olschowski. Im Gegenzug würden die Räume saniert werden, außerdem gebe es die Zusage, dass das Kunstgebäude später künftig wieder ausschließlich der Kultur zur Verfügung stehe. Entsprechend würden die Sanierungsmaßnahmen „nach unseren Bedarfen ausgerichtet“, so Olschowski. Wie diese Maßnahmen ausschauen werden, ist noch offen.

Denn leicht macht es das Kunstgebäude seinen Nutzern nicht. Die Lage mag perfekt sein und das Haus ein Wahrzeichen der Stadt, aber der Kuppelsaal mit seinen 500 Quadratmetern und die engen, umlaufenden Kabinette sind nicht leicht zu bespielen. Dass seit dem Auszug der Städtischen Galerie vor mehr als zehn Jahren kein überzeugendes Konzept zur Nutzung gefunden wurde, lag aber auch daran, dass die Mittel fehlen. Ob für einen Ausstellungsbetrieb oder eine gemischte Nutzung – eine neue Institution bräuchte eine verlässliche Finanzierung, die „nicht ganz gering ausfallen“ würde, wie Petra Olschowksi sagt. Für die derzeitige Übergangsphase und auch das Festival „New Narratives“ hat das Land Mittel zur Verfügung gestellt; diese Projekt- und Sondermittel können allerdings nicht für eine dauerhafte Finanzierung genutzt werden.

Noch ist offen, wie die Räume künftig genutzt werden

Der Umbau des Kunstgebäudes soll 2019 beginnen. Der erste Stock wird grundlegend saniert und ertüchtigt. „Welche Funktion die Räume langfristig haben werden, ist noch offen“, so Olschowski. Auch ab wann das Kunstgebäude wieder komplett der Kunst zur Verfügung stehen wird, sei gegenwärtig noch nicht klar. „Das hängt davon ab, wann der Mitteltrakt im Neuen Schloss zur Nutzung wieder zur Verfügung stehen wird.“

Olschowski führt bereits Gespräche, wie das Kunstgebäude danach genutzt werden könnte. Ob dabei die Formate, die mit „New Narratives“ erprobt wurden, eine Rolle spielen werden, ist fraglich. „Es gibt Themen in der Stadt, die noch nicht besetzt sind“, meint die Staatssekretärin und denkt etwa an die Architektur. Eine Nutzung des gesamten Gebäudes durch den Württembergischen Kunstverein kann sie sich dagegen nicht vorstellen. Da es sich um eine sehr große Gesamtausstellungsfläche handelt, sei dies eine zu große Verantwortung für einen Verein.

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