Für die Kunstakademie gesucht: neue Chefin oder neuer Chef Foto: Martin Lutz/Kunstakademie

Ministerpräsident Winfried Kretschmann rief – und Petra Olschowski sagte Ja. Stuttgarts Kunstakademie-Rektorin agiert nun als Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Die „Stuttgarter Nachrichten“ beleuchten die Diskussion um ihre Nachfolge.

Stuttgart - Es ist Hauptsaison auf dem Weißenhof. ­Gerade hat die Stuttgarter Kunstakademie die Aufnahmeverfahren für das Wintersemester hinter sich, stehen schon die Diplomprüfungen und – von 15. bis 17. Juli – der jährliche Rundgang samt Sommerfest auf dem Programm. Nervosität gehört zu dieser Zeit – in diesem Jahr verbindet sie sich mit einer gehörigen Portion Abschiedsschmerz.

Petra Olschowski, seit 2010 Rektorin der Kunstakademie, hat im Mai eine neue Aufgabe übernommen und agiert als Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Ein Wechsel inmitten des bereits laufenden Verfahrens für eine mögliche zweite Amtszeit – und ein Wechsel, der kurzzeitig für Erschütterungen in den Kunstakademie-Gremien sorgte.

Barbara Bader lenkt Findungskommission

Hartmut Weber, bekannt vor allem aus seiner Zeit als Präsident des Bundesarchivs (1999–2011) und seit Juli 2008 Mitglied und Vorsitzender des Hochschulrats der Kunstakademie, trat am 27. Mai zurück. Ein doppelter Schlag: Der Vorsitzende des Hochschulrats – dieser ist unter anderem damit beauftragt, die Geschäftsleitung des Rektorats zu beaufsichtigen – leitete das Bewerbungsverfahren, in dem über eine zweite Amtszeit Olschowskis hätte entschieden werden sollen und sollte auch die Findungskommission für die plötzlich notwendig ­gewordene Neubesetzung lenken.

Wie berichtet, ist die Kunstakademie mit ihren 900 Studierenden auch in diesen Tagen nicht ohne Führung. Kanzler Martin  Böhnke, Mitglied auch im Senat und im Hochschulrat, leitet die Amtsgeschäfte – in Abstimmung mit den Prorektoren Nils Büttner, Volker Lehnert und Tobias Walliser.

Und auch das Berufungsverfahren für die Nachfolge Olschowskis ist mittlerweile wieder im Zeitplan. Barbara Bader, Professorin für Kunstdidaktik und Bildungswissenschaft an der Akademie und zudem internes Mitglied des Hochschulrats, hält als vormalige Stellvertreterin Hartmut Webers das Verfahren in Gang. Und auch ein ­not­wendiges externes Mitglied für die Fin­dungs­kommission ist gefunden – Ulrike Groos, ­Direktorin des Kunstmuseums ­Stuttgart, komplettiert das aus acht Personen bestehende Gremium.

Damit ist der ursprüngliche Zeitplan wieder gültig, der für die Rektoren-Amtszeit 2016 bis 2022 eine Wahl am 24. Oktober vorsah. „Stand jetzt wird bei dieser gemeinsamen Sitzung von Hochschulrat und Senat die künftige Leitung bestimmt“, bestätigte Barbara Bader auf Anfrage.

Bewerbungen bis zum 29. Juli

Bis zum 29. Juli läuft die Bewerbungs­phase, im August und September sollen die Bewerbungen gesichtet und eine Shortlist erstellt werden. Aus dieser wiederum wird die Findungs­kommission dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst einen Wahlvorschlag mit bis zu drei Namen vorlegen. In der Regel akzeptiert das ­Ministerium die aus der Platzierung ab­lesbare Favorisierung.

Die Zeichen also stehen wieder auf ­Stabilität auf dem Weißenhof – und so laufen auch die aktuellen Vorbereitungen für den jährlichen Akademie-Höhepunkt, den dreitägigen Rundgang mit offenen Türen in allen ­Bereichen in überraschender Ruhe.

Offiziell eröffnet wird der Rundgang 2016 am Freitag kommender Woche – am 15. Juli um 18 Uhr. Für Spannung sorgt dann nicht nur die Präsentation an sich, die den Akademiecampus für drei Tage in ein weithin einzigartiges Ausstellungs­forum verwandelt, sondern auch die Vergabe der Akademiepreise und des Preises des Deutschen Akademischen Austauschdienstes bereits am ­Freitagabend.

Auch das Rundgang-Finale am Sonntag, 17. Juli, sieht noch einmal Preisfreuden vor: Vergeben werden dann um 12 Uhr – von den Freunden der Akademie – der ­­ Erwin-Heinle-Preis und der Herta-Maria-Witzemann-Preis sowie – von der Walter Stöhrer-Stiftung – der Walter-Stöhrer-Grafik-Preis.

Bis dahin dürfte auch manche Träne ­getrocknet sein, die am Dienstagabend kaum verstohlen aus manchen Augen­winkeln gewischt wurde. Neu-Staats­sekretärin Petra Olschowski war noch einmal in die Kunstakademie ­gekommen, um sich von möglichst vielen Lehrenden und Studierenden persönlich verabschieden zu können.

Kommentar: Drei sind eins

Stuttgart - Die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart ist ein Dreispartenhaus mit allen Vor- und Nachteilen. Die Fachbereiche Gestaltung, Architektur und Freie Kunst – mit all ihren jeweils widerstreitenden internen Positionen – zu verbinden, übergreifende Handlungsfelder zu finden ist eine gewaltige Herausforderung.

Petra Olschowski hat hier in den vergangenen sechs Jahren Maßstäbe gesetzt. Ein Geheimnis gab es dabei nicht: Die Neu-Staatssekretärin hat die Kunstakademie als Rektorin schlicht unter Dampf gesetzt, hat – neben der gebotenen Vermittlungsarbeit nach innen und der so wichtigen Einbindung aller Beteiligten – ein hochqualitatives Veranstaltungsangebot geschaffen, das Fragen nach einzelnen Fachbereichen überflüssig machte. Die Botschaft war unmissverständlich: Drei ist eins.

Wer sich aktuell auf dem Weißenhof bewegt, spürt dieses Selbstverständnis überall. Und so bietet sich vor der notwendigen Rektorenneuwahl eine erstaunliche Konstellation: Drei bleibt eins schallt es den Kandidatinnen und Kandidaten entgegen. Eine Schulterschluss-Position, die die Stuttgarter Kunstakademie gerade im immer wichtigeren fachübergreifenden Austausch zu einem interessanten, weil vielgestaltigen Partner macht.

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