Protest bei Daimler in Stuttgart 70 Ulmer Forscher demonstrieren vor Zetsches Büro

Von Rüdiger Bäßler 

Mitarbeiter protestieren am Konzernsitz in Stuttgart-Untertürkheim gegen die Schließung des Daimler-Forschungsstandorts Ulm. Foto: Daimler-Betriebsrat/Petra Boeger
Mitarbeiter protestieren am Konzernsitz in Stuttgart-Untertürkheim gegen die Schließung des Daimler-Forschungsstandorts Ulm. Foto: Daimler-Betriebsrat/Petra Boeger

Daimler will den Forschungsstandort Ulm schließen und die Mitarbeiter auf andere Standorte verteilen. Ulmer Beschäftigte demonstrieren im Motorenwerk Untertürkheim gegen die Schließung ihrer Labors. Dies ist nicht die letzte Aktion der Beschäftigten.

Stuttgart - Mit 50 Kolleginnen und Kollegen aus dem Daimler-Forschungszentrum in Ulm hatte die Gewerkschaft IG Metall im Vorfeld gerechnet, 70 sind es am Donnerstagmorgen geworden. Sie demonstrierten vor dem Vorstandsgebäude im Daimler-Werk Untertürkheim für den Erhalt ihres Standorts. Zu Händen des Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche übergaben die Kundgebungsteilnehmer eine symbolische Einladung, den Standort in Ulm zu besuchen und mit der Belegschaft, Managern und Ortspolitikern ins Gespräch zu kommen.

Seit im November vergangenen Jahres bekannt wurde, dass der Autokonzern den seit 1993 am Ulmer Eselsberg existierenden Forschungsstandort Ende 2018 schließen will, hat sich der Widerstand formiert. Am Standort Ulm arbeiten rund 250 fest angestellte Wissenschaftler und Techniker sowie nochmals so viele Doktoranden und Studenten verschiedener Hochschulen und Universitäten. Erstmals haben die Gewerkschafter ihren Protest nun vor die Bürotüren des Daimler-Vorstandes getragen. Die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Ulm, Petra Wassermann, freute sich anschließend über eine „mutige, kräftige Veranstaltung“. Unterstützt wurden die Ulmer von Ergum Lümali, dem Betriebsratsvorsitzenden des Mercedes-Benz Werks Sindelfingen sowie von Uwe Meinhardt, dem Ersten Bevollmächtigten der IG Metall Stuttgart. Der Glaube der Beschäftigten, die Schließung noch abwenden zu können, sei intakt, so Petra Wassermann, Beschlüsse könnten zurückgenommen werden. „Papier ist schnell beschrieben“, sagte sie.

Betriebsrätin: „Es macht einfach keinen Sinn.“

„Wir sind alle motiviert, weiter zu kämpfen“, bestätigte die Ulmer Daimler-Betriebsrätin Petra Boeger. Die Verhandlungen mit dem Management liefen zwar „zweigleisig“ – es werde auch über einen Sozialplan für die Beschäftigten geredet, der Härten abfedert. Doch Priorität bei allen Gesprächen habe weiterhin der Erhalt des Forschungsstandorts Ulm. „Es macht einfach keinen Sinn“, so Boeger über die Schließungspläne. Der Konzern beabsichtigt, die Ulmer Werksbestandteile auf andere Forschungsstandorte zu verteilen.

In Ulm wird zum Beispiel an der Weiterentwicklung von Fahrassistenzsystemen sowie der Verminderung von Reibungsverlusten in Motor- und Getriebeteilen zum Zweck der Spritersparnis geforscht. Immer wieder weist der Betriebsrat mit Frank Niebling an der Spitze öffentlich darauf hin, dass das Forschungszentrum für Daimler allein in den vergangenen drei Jahren 25 nationale und internationale Preise für herausragende Innovationsleistungen eingeheimst hat. Als Beispiele werden der zweite Platz beim Deutschen Zukunftspreis 2017 zum Thema Nanoslide (halbierte Energieverluste durch eine reibungslose Antrieb-Beschichtung) sowie die JEC Asia Awards 2016 in Singapur und 2017 in Seoul genannt. Ausgezeichnet wurden jeweils Lösungen beim Thema Leichtbau von Karosserieteilen.

Zehntausende sollen Protest in Ulm sehen können

Die nächste Protestveranstaltung ist bereits geplant, sie wird dann wieder in Ulm zu sehen sein. Am 23. Juli feiern die Ulm ihren traditionellen Schwörmontag, er wird stets vom „Nabada“ begleitet, einem Wasserumzug auf der Donau mit Zehntausenden Teilnehmern. Laut Petra Boeger ist geplant, dass Daimler-Forscher mit mehreren Booten teilnehmen. Das wären dann tiefernste Tupfer im üblicherweise so ausgelassenen und fröhlichen Treiben.

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