Die Orgel ist im näher als das Klavier, aber die hat zu Hause keinen Platz. Foto: Eva Funke

Die Reihe „Sonntagsmusik“ geht in die letzte Runde. „Ich bin ein Vorbild im Aufhören“, sagt Initiator Helmut Wolf.

S-Nord - Er ist so was wie ein musikalischer Archäologe. Denn mit seinen Programmen gräbt Helmut Wolf immer wieder Überraschendes aus: nämlich selten gespielte Musikstücke oder Werke von in Vergessenheit geratenen Komponisten. 14 Jahre hat er die Reihe „Sonntagsmusik“ in der Erlöserkirche und im Gemeindehaus der Erlöserkirche im Stuttgarter Norden organisiert, inhaltlich gestaltet und moderiert. Nach rund 90 Abenden geht die Reihe jetzt in ihre letzte Runde. Sechs Konzertabende sind noch geplant. Die Ouvertüre ist an diesem Sonntag, 7. Oktober, um 18 Uhr im Gemeindehaus. Unter dem Motto „Alterssünden“ gibt es zum 150. Todestag von Rossini Lieder, Arien und Klavierstücke, „die fröhlich machen“. Das Finale am 3. März in der Erlöserkirche erinnert an die Zerstörung Stuttgarts vor 75 Jahren.

Dass Musik in seinem Leben eine große Rolle spielen, er sogar zum Professor an der Musikhochschule Stuttgart berufen wird, ist für Wolf selbst erstaunlich. Geboren wurde er 1939 in Schwäbisch Hall. „Im Haus meiner Eltern gab es nur eine Bibel und ein Gesangbuch “, sagt er. Doch im Ort gab es eine Kirche, und in der Kirche eine Orgel. Seine Eltern, Kolonialwarenhändler, erlaubten dem Sohn mit 15 Jahren Orgelunterricht zu nehmen. Nach dem Abitur war für ihn klar, dass er in Tübingen Musik studieren wird: Schulmusik mit dem Hauptfach Orgel und dem Nebenfach Germanistik. Wolf: „Vermutlich kommt von der Kombination im Studium mein Freude daran, Musik wie in der Sonntagsmusik mit Texten zu verbinden.“

Dass die Musik ihm mehr als Schulmusik zu bieten hat, wurde ihm bewusst, als er die Leitung eines Studentenchors übernahm. Deshalb hat er an sein Referendariat ein Kapellmeisterstudium gehängt und in Berlin das Dirigieren von der Pike auf gelernt. „Das braucht man bei der Arbeit an der Oper, denn dort muss man den Chor auf der Bühne und das Orchester im Graben zusammenhalten“, sagt Wolf – und sagt’s so elegant mit den Armen gestikulierend, dass man ihn sich gut als Dirigent vorstellen kann. Dirigieren, das hat er dann auch gemacht: Operetten, Musicals Opern – sein Repertoire war umfangreich, bis er nach sechs Jahren feststellte. Die Musik hat noch viel mehr zu bieten.

Dafür ist Wolf allerdings wieder zurück – zurück zu seinen Wurzeln als Kirchenmusiker und nach Württemberg. Er bewarb sich als Bezirkskantor in Böblingen und bekam die Stelle. Auf Grund der Nähe zu Stuttgart konnte er für Konzerte hochkarätige Musiker engagieren, so dass seine Veranstaltungen bald über die Stadtgrenzen hinaus wahrgenommen wurden. Und auch Wolf wurde wahrgenommen und als Lehrbeauftragter an die Musikhochschule in Stuttgart geholt. Dort unterrichtete er 25 Jahre Orchesterleitung.

Der Eintritt ist frei

Die Idee für die Reihe „Sonntagsmusik“ hatte Wolf, als sein Ruhestand in Sicht war. Die damalige Gemeindepfarrerin Monika Renninger bot ihm mit der Erlöserkirche und dem Gemeindesaal einmal im Monat den Raum für seine Idee. Den Kontakt zu Musikern hat Wolf durch seine Tätigkeit als Hochschullehrer. „Für die Konzerte kann ich ehemalige Studenten und Kollegen gewinnen.“ Stolz ist der 79-Jährige darauf, dass die Konzertreihe ohne Zuschüsse der Kirche auskommt, der Eintritt frei ist und nur das Spendenkörbchen nach den Veranstaltungen rum geht. Bei 100 bis 120 Besuchern ist die Gage für die Musiker zwar bescheiden. „Trotzdem hat noch niemand abgesagt“, freut sich Wolf.

Doch warum erteilt er selbst jetzt seiner Reihe ein Absage? „Ich bin ein Vorbild im Aufhören“, stellt er fest und zeigt auf seine Bücherwand: „Das Organisatorische wird mir zuviel. Es gibt noch so vieles, was ich lesen möchte. Und ich habe noch einige Interessen, denen ich mich widmen will.“

Die Konzerttermine in diesem Jahr

„Alterssünden“
Sonntag, 7. Oktober, 18 Uhr, Gemeindehaus: Lieder und Klavierstücke zu Rossinis 150. Todestag.

„Schatten und Licht“
Sonntag, 4. November, 18 Uhr , Gemeindehaus: Lieder von Franz Schubert, Gustav Mahler, Lili Boulanger und George Crumb.

„Vom Kommen des Herrn“
Sonntag, 2. Dezember, 18 Uhr, Erlöserkirche: gregorianische Gesänge , geistliche Konzerte, Arien und Orgelwerk von Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Hugo Distler und Texte aus den Tagebüchern Jochen Kleppers.

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