Alexis Block führt Huggiebots Kernkompetenz vor. Foto: Lachenmann

Eine Doktorandin hat eine Maschine entwickelt, die jeden bedingungslos in die Arme nimmt: Huggiebot beherrscht zwölf Varianten des Körpergrußes, die er auf sein Gegenüber abstimmt. Könnte er eines Tages einsamen Menschen das Leben versüßen?

Zürich - Alexis Block macht keinen Hehl daraus: Sie liebt Umarmungen. „Ich komme aus einer Familie, in der man sich bei jeder Gelegenheit in die Arme nimmt“, erklärt die Amerikanerin ihre Vorliebe. Als ihr Vater vor sechs Jahren überraschend starb, sehnte sich die damals 19-Jährige entsprechend nach Nähe. Sie war gerade von Milwaukee nach Philadelphia gezogen, um das College zu besuchen, und kannte noch niemanden, der ihr hätte Trost spenden können. Als die Maschinenbau- und Robotikstudentin später mit ihrer wissenschaftlichen Betreuerin Katherine Kuchenbecker über das Thema ihrer Abschlussarbeit nachdachte, kam ihr die Idee, einen Roboter zum Umarmen (englisch: to hug) zu entwickeln. So entstand Huggiebot 1.

 

Mittlerweile lebt Block noch weiter weg von ihrer Familie, nämlich in einer Studentenwohnung in Esslingen am Neckar. Sie ist ihrer Betreuerin gefolgt – Katherine Kuchenbecker ist seit Juni 2016 Direktorin am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, das in Stuttgart und Tübingen beheimatet ist. Bei ihr promoviert sie nun über Huggiebot 2. Denn Huggiebot 1 ist in vieler Hinsicht etwas tollpatschig. Er erkennt nicht, wann sich sein Gegenüber nähert, wirkt etwas bullig und beherrscht nur eine Standardumarmung. Aber er half Block dabei, etwas über die Umarmungsvorlieben der Menschen zu lernen. Mehr als 30 Probanden drückten Huggiebot 1 jeweils in zwölf unterschiedlichen Szenarien. „Bevorzugt wird eine eher feste Umarmung bei Körpertemperatur, die nicht kürzer als zwei Sekunden dauern sollte – sonst wirkt sie unaufrichtig“, sagt Block. Außerdem berichteten viele Teilnehmer, dass sie sich nach dem Experiment in Gegenwart des Roboters wohler fühlten als vorher. Die Suche nach Probanden stellte keine Schwierigkeit dar. „Viele Studenten kamen unaufgefordert vorbei, um sich vor ihrer Klausur eine Umarmung von Huggiebot abzuholen“, erzählt Block.

Umarmungen senken den Blutdruck und stabilisieren das Immunsystem

Tatsächlich ist wissenschaftlich längst erwiesen, dass Umarmungen Ängste und Schmerzen nehmen können, dass sie den Blutdruck senken und das Immunsystem stabilisieren können. Schon die bedeutende Familientherapeutin Virginia Satir sagte zu Lebzeiten: „Du brauchst täglich vier Umarmungen zum Überleben, acht zur Instandhaltung und zwölf zum Wachsen.“

Aber gilt das auch, wenn einem bewusst ist, dass Huggiebot keine Seele besitzt? Block ist davon überzeugt. Schließlich sei auch die Wirksamkeit von sogenannten Gewichtsdecken belegt. Hüllt man sich in so eine Decke, die zehn Prozent des Körpergewichts wiegt, schüttet der Körper das Glückshormon Serotonin und das Schlafhormon Melatonin aus. Gewichtsdecken kommen vor allem bei Kindern mit ADHS und Autismus zum Einsatz. „Auch ich besitze so eine Decke“, verrät Block. Mancher Teilnehmer scheint den gleichmütigen Roboter einem Menschen aus Fleisch und Blut sogar vorzuziehen. „Einige haben Huggiebot ungewöhnlich lang umarmt. Das würde bei einem Menschen wohl eher Unbehagen auslösen“, glaubt Alexis Block.

Der Roboter beherrscht ein Dutzend Umarmungsarten

Huggiebot 2, der noch am Werden ist, schlägt schon jetzt seinen Vorgänger in vieler Hinsicht. Er steht derzeit in einem Labor der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH), wo Alexis Block vorübergehend forscht. Der Roboter trägt einen ETH-Kapuzenpulli und blickt freundlich aus einem Monitorkopf. Untenrum wirkt Huggiebot 2 noch etwas unfertig, aber im Gegensatz zum bulligen Vorgänger hat er einen V-förmigen Stand, damit man sich richtig an ihn schmiegen kann. Er beherrscht zwölf Umarmungsformen, die er auf die Armhaltung des sich Nähernden abstimmt. Er wartet, bis der andere so weit ist, und gibt bei inniger Umarmung den Druck zurück durch einen selbstaufblasenden Torso. Seine mit Schaumstoff ausgekleideten Metallarme fühlen sich angenehm an, aber nicht zu weich. „Arme sollten nun mal muskulös sein, das ist wichtig“, betont Block.

Obwohl die letzten Programmiercodes noch ausstehen, macht Huggiebot 2 schon jetzt international Schlagzeilen. Die britische Zeitung „Times“ hat über ihn berichtet, ebenso der US-Fernsehsender NBC News und der US-Radiosender NPR. Alexis Block hat Huggiebot 2 bereits auf Konferenzen in New York und im chinesischen Macau vorgestellt. Ihre Erfindung scheint einen Nerv getroffen zu haben. Nach Veranstaltungsende standen die Zuhörer bei der jungen Frau Schlange, um ihr Fragen zu stellen, wie sie erzählt.

In Pflegeheimen sind bereits die ersten Roboter im Einsatz

Kritische Stimmen vernahm sie bisher selten. Schließlich betont sie bei jedem Anlass, dass die Technologie nicht physische Interaktionen zwischen Menschen ersetzen könne. Sie sei aber da nützlich, wo physischer Kontakt entweder nicht erwünscht ist – wie bei autistisch veranlagten Menschen – oder wo er nicht möglich ist. „Ist die Familie in alle Winde verstreut, oder brauchen Menschen aus anderen Gründen Trost, könnte Huggiebot Abhilfe schaffen“, sagt Block. Für Forscher wie sie ist es sowieso nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Roboter im Haushalt helfen. „Warum sollen sie dann nicht auch eine seelische Stütze sein?“

In einigen deutschen Pflege- und Altenheimen wird bereits getestet, ob Roboter gegen Einsamkeit helfen können. In einem Pflegeheim in Siegen unterhält zum Beispiel Roboter Paula die Bewohner mit Rätseln, Märchen und Witzen. Die Akzeptanz ist hoch, wie der Projektleiter Rainer Wieching vom Lehrstuhl für Sozioinformatik der Universität Siegen berichtet. „Das liegt vor allem am Design des Roboters: Er ist nach dem Kindchen-Schema gestaltet und lädt zur Interaktion ein.“

Schaffte es Huggiebot irgendwann zur Marktreife, wären für Block auch Altenheime die erste Adresse. Denn solange Roboter nicht in Serie produziert werden, wäre Huggiebot – eine 70 000-Euro-Produktion – für Privatpersonen unerschwinglich. Bis dahin empfiehlt sich für Einsame eine günstige Alternative, die laut dem Magazin „Psychologie heute“ auch guttun soll: sich selbst zu umarmen.