Künstliche Intelligenz Schon gehört? Wir wissen, wer Sie sind!

Von Daniel Gräfe 

Eine Sprachprobe genügt – und schon stellt eine Sprachsoftware ein Psychogramm zusammen – und urteilt zum Beispiel, ob man als Führungskraft taugt Foto: ptnphotof/fotolia
Eine Sprachprobe genügt – und schon stellt eine Sprachsoftware ein Psychogramm zusammen – und urteilt zum Beispiel, ob man als Führungskraft taugt Foto: ptnphotof/fotolia

Sie haben gerade Stress; als Führungskraft taugen Sie nicht: Bewertungen wie diese macht eine Sprachsoftware. 15 Minuten Redezeit genügen. Firmen vergeben mit ihrer Hilfe bereits Stellen.

Aachen/Stuttgart - Der Seelenstriptease beginnt mit einigen harmlosen Fragen: „Was war zuletzt ein besonders schönes Erlebnis?“„Beschreiben Sie den Ablauf eines typischen Sonntags!“ „Was mögen Sie an Ihrer Arbeit?“ Frage um Frage stellt die Computerstimme am Telefon, nach 15 Minuten hat sie Antworten mit 2033 Wörter gesammelt, fünf Buchstaben haben sie im Schnitt. Das zeigt eine sechsseitige Analyse, die 48 Stunden später via Mail den Verfasser dieses Artikels erreicht. Sie präsentiert Dutzende Grafiken, Tabellen und am Ende ein erstaunlich zutreffendes Resümee: Es zeigt unter anderem, wie wissbegierig, selbstbestimmt oder gesellig man ist, wie belastbar, sensibel oder dominant. All das hat das Computerprogramm von Psyware erstellt, eine IT-Firma aus Aachen.

Psychologen, Sprachwissenschaftler und Experten von Künstlicher Intelligenz haben es entwickelt und vor zwei Jahren zur Reife gebracht. Es ist jene Art intelligenter Software, die unseren Alltag verändern wird. Denn sie beschreibt die Persönlichkeit eines Menschen und analysiert sein Verhalten oder sagt es sogar voraus. Software wie diese steckt erst in den Anfängen – in den kommenden Jahren wird sie Teil unserer Arbeit, unserer Freizeit und unseres Konsum seins.

Sprachprobe in 500 000 Einzelteile zerlegt

Psywares Software heißt Precire: Nicht was gesagt wurde, ist hier relevant, sondern wie Wörter aneinandergereiht, in welcher Geschwindigkeit sie gesprochen oder welche Wortarten benutzt werden. Dafür zerlegt Precire die Sprachprobe in 500 000 Einzelteile und fügt sie mit Hilfe von Algorithmen, Statistiken und Wahrscheinlichkeiten wieder zusammen. „Wir haben die deutsche Sprache psychologisch komplett inventarisiert“, sagt Geschäftsführer Dirk Gratzel (47). „Der Computer hat eine Art Wörterbuch der Psychologie gelernt, er kann nun zum Beispiel Neugierde und Stress messen.“

5500 Menschen in Deutschland haben Gratzel und sein 35-köpfiges Team dazu repräsentativ ausgewählt. Sie wurden mit wissenschaftlichen psychologischen Tests untersucht und ihre Schreib- und Sprechproben mit den Ergebnissen abgeglichen. „Millionen von Euro“ habe dies gekostet, betont Gratzel. „Der Datensatz ist zumindest in Europa einmalig und unsere Technologie weltweit.“ Seitdem bilden die 5500 Probanden den Durchschnitt, mit dem jeder verglichen wird, der die Sprachsoftware in Deutschland nutzt.

Der Test braucht nur ein Achtel der Zeit

Dass Forscher dabei von der Sprache auf die Persönlichkeit eines Menschen schließen, ist nicht neu. Revolutionär sind jedoch die technischen Möglichkeiten, die sich durch immer leistungsfähigere Rechner und Software ergeben. „Vor einigen Jahrzehnten konnte sich keiner vorstellen, dass eine Haarwurzel genügt, um die DNA eines Menschen genau zu identifizieren. Mit Sprachsoftware können wir in der Psychologie vielleicht bald Ähnliches leisten“, sagt Gratzel. „Das Potenzial ist enorm.“

Tatsächlich wird der Lauschangriff auf die Sprache der Seele bereits praktiziert, auf freiwilliger Basis. Der Personaldienstleister Randstad setzt den Sprachtest als zusätzliches Mittel in der Rekrutierung ein. 250 Mitarbeiter wurden mit dieser Methode bisher intern eingestellt, sagt Andreas Bolder, Direktor der Hauptabteilung Personal. Dazu ließ Randstad den Test auf die Anforderungen eines idealtypischen Mitarbeiters zuschneiden, als Vergleich galten eigene „Top-Performer“ im Haus, wie Bolder sie nennt. Sein Fazit: Im Vergleich zum bisherigen Online-Verfahren brauche der Test rund ein Achtel der Zeit, die Auswertung erfolge schneller und die Kosten seien geringer. „In der mobilen Welt gelten andere Anforderungen an die Geschwindigkeit. Das passt in die neue Web-Welt hinein.“

Profil in Bereichen wie Teamgeist oder Führung

Bolder betont, dass dem Test zusätzlich Interviews und eine Analyse der intellektuellen Fähigkeiten folgten. „Aber Precire bietet bereits ein gutes Bild eines potenziellen Mitarbeiters.“ Die Testergebnisse zeigen in Balken, Kurven und Pyramiden zum Beispiel, wie ausgeprägt das Profil eines Bewerbers in den Bereichen Teamgeist, Führung, Vertrieb oder Service ist. Auch Kontaktfreude, Selbstorganisation, Zielorientierung oder Belastbarkeit werden eingeordnet.

Bedenken gebe es praktisch keine, sagt Bolder. „Die Bewerber sind eher neugierig.“ Außerdem hätten jetzt auch diejenigen Bewerber größere Chancen, die nicht den persönlichen Vorlieben der künftigen Chefs entsprächen. „Die Testergebnisse kann man nur schwer ignorieren.“ Ab November werden neu eingestellte Mitarbeiter einen persönlichen Lernplan erhalten, um Stärken zu fördern und Defizite auszugleichen. Nachtesten werde man aber nicht: „Zu starke Kontrollmechanismen entheben jeden Mitarbeiter von der eigenen Verantwortung.“

Computer Teil der Vorstellungsrunde

Werden Bewerber in Zukunft von einem Computer eingestellt? Branchenexperten halten das für unwahrscheinlich. Und schränken ein, dass Sprachtests oder ähnliche Programme als Standard-Ergänzung das Bewerberverfahren weitreichend verändern könnten – insbesondere bei großen Unternehmen. Damit würde der Computer Teil der Vorstellungsrunde.

In Pilotversuchen warnen Programme bereits vor zu viel Stress. Die DAK testet derzeit die Sprachsoftware bei Mitarbeitern des Automobilzulieferers Saint-Gobain Sekurit Deutschland. Sie misst – auf freiwilliger Basis und anonymisiert – die aktuelle Belastung der Mitarbeiter und ihren Umgang damit. Die Auswertung erfolgt in Form eines Baums: Je weniger Blätter er zeigt, desto dringender sollten Mitarbeiter Hilfsangebote annehmen. Ein ähnliches Projekt erprobt Personaldienstleister Randstad für Führungskräfte. Auch bei den Betriebskrankenkassen einiger Konzerne laufen derzeit ähnliche Versuche. Das Hauptmotiv ist dasselbe: Kosten für kranke Mitarbeiter begrenzen. Ein Burnout-Syndrom oder psychische Erkrankungen wie Depressionen sind besonders langwierig und teuer.

Was ist, wenn jemand die Technologie missbraucht?

 

Der Faktor Geld könnte auch andere Unternehmen dazu bringen, die Sprache und damit die Persönlichkeit von Mitarbeitern oder Kunden zu analysieren, glaubt Gratzel. Deshalb hat er bereits die Welt der Call Center und Kundenberater ins Visier genommen. Seine Sprachsoftware kann auch E-Mails analysieren, zum Beispiel die Beschwerden der Kunden. Sie erkenne mit hoher Wahrscheinlichkeit, was der Kunde tatsächlich erwarte: Wünscht er eine ausführliche Erklärung? Reicht ihm eine Entschuldigung? Soll es eine Gutschrift sein? Die Software empfiehlt den Kundenberatern nicht nur eine Variante, sondern schlägt auch geeignete Sprachbausteine vor – um hinterher zu messen, wie effektiv die Antwort tatsächlich war. Derzeit baue man für ein großes Schweizer Versicherungsunternehmen an einer Live-Anwendung, sagt Gratzel. „Die Technologie ist hier dem Menschen definitiv überlegen.“

Das schürt auch Ängste. Was ist, wenn jemand die Technologie missbraucht? Knackte zum Beispiel ein Geheimdienst den Code, dann bekäme er doch die Persönlichkeitsanalyse bequem über das angezapfte Telefon, als leicht verständliche Kurzanalyse? Und wer fände nach einem Hacker-Angriff seine Persönlichkeitsstruktur gerne im Internet? „Absolute Sicherheit gegenüber staatlichen Organisationen, das haben wir ja nun alle gelernt, kann es nie geben“, räumt Gratzel ein. Aber seine Firma lege auf Datensicherheit großen Wert, deshalb stelle man nur ein Analyseergebnis, aber nicht die Software selbst den Unternehmen bereit.

Gesellschaftliche Debatte hält nicht mit

Zwei Sorgen seien bei ihm größer: Die gesellschaftliche Debatte, wie man mit den technischen Möglichkeiten umgehen solle, halte schon lange nicht mehr mit den IT-Innovationen mit. Und wenn Google oder Facebook viele Forschungsmillionen locker machten, um eine ähnliche Sprachsoftware zu schaffen, dann würde es eng werden, sagt Gratzel. „Unser Vorsprung ist nicht unendlich.“

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