So gewinnt man Kunststrom: Pablo Wendel auf einer der Skulpturen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wussten Sie, dass Kirchturmuhren Energie erzeugen, die ungenutzt bleibt? Der Künstler Pablo Wendel hat sie jüngst abgezapft und genutzt, das erzählte er unserem Redakteur Frank Rothfuss bei einem Interview. Derzeit arbeitet Wendel bei den Wagenhallen an einer Energie-Skulptur.

STUTTGART. - Herr Wendel, wie zapft man göttliche Energie an?
Mit einem Riesendynamo an einem Kirchturm.
Göttliche Energie hat sicher mächtig Kraft, haben Sie die Welt damit umgekrempelt?
Nun ja, eigentlich waren es nur einige Milliwatt. Aber auch wenn die Energiewende göttliche Hilfe brauchen könnte, so haben wir uns doch mit der Bewegungsenergie der Zeiger des Kirchturms begnügt.
Das nennen Sie dann Kunststrom?
Genau. Wir haben die Aktion „vierundzwanzig/sieben“ genannt, weil wir das ungenutzte Energiepotenzial von Kirchturmuhren zeigen wollten, die ja rund um die Uhr Energie liefern, die man nutzen kann.
Mit großem Aufwand.
Oh ja. Der Pfarrer war im Urlaub. Wir sind dann mit einem Kranwagen angerückt, haben die Straße an beiden Seiten abgesperrt. Der Hausmeister hat gedacht, das war abgesprochen und hat sogar gefragt, ob er das Geläut abstellen soll. Dann haben wir den Riesendynamo installiert, und über eine Freileitung den Strom in unsere Büros im Atelierhaus transportiert. So lange, bis man sich fragte, was wir da trieben: Dann haben wir ganz schnell eingepackt.
Das hört sich nach einem großen Spaß an. Aber Ihre Firma Performance Electrics ist ein ernsthafter Energieversorger.
Wir sind offiziell Stromanbieter. Kunststrom gibt es europaweit im Netz. Wir versorgen Museen und Institutionen in Deutschland, aber auch Privathaushalte können bei uns Kunden werden.
Wo kommt der Strom her?
Er ist nicht nur ökologisch, sondern vor allem durch und mit Kunst gewonnener Strom, erzeugt durch Skulpturen und Installationen. Wir hatten Windskulpturen im Ruhrgebiet aufgebaut, die Flügel waren aus Straßenpfosten aerodynamisch gepresst. Gerade bauen wir einen neuen Park in Greifswald auf. Und hier an den Wagenhallen arbeiten wir mit Solarzellen.
Das wird Kunststrom für den Hausgebrauch?
Ja. Die Skulpturen können Sie in den Garten oder auf den Balkon stellen. Sie entstehen aus alten Strommasten aus dem Sauerland und aus Greifswald. Wir zerlegen sie und montieren Solarzellen daran. Die Solarzellen sind durch den schlimmen Hagel voriges Jahr in Reutlingen und Umgebung beschädigt worden. Wir haben 15 Tonnen gesponsert bekommen. Die haben immer noch einen Wirkungsgrad von 90 Prozent.
Ich kann dann meinen eigenen Kunststrom machen?
Ja. Das ist Ihr Draht zur Kunst. Sie produzieren Ihren eigenen Kunststrom. Wenn Sie noch einen alten Zähler haben, die Skulptur in die Steckdose stecken und alle Geräte ausstellen, sehen Sie, dass Ihr Zähler rückwärts läuft. Natürlich nur in der Theorie. In der Praxis ist das verboten. Deshalb der Hinweis an die Leser: Das darf man keinesfalls machen.
Wie kommt man darauf, Kunststrom zu produzieren? Bekannt waren Sie ja vor allem durch Ihre Aktion, als Sie sich als Terrakotta-Krieger verkleidet unter die tönerne Armee geschmuggelt haben.
Das hat Wellen geschlagen. Ich habe in China studiert. Und da war ich ständig mit dem Unterschied zwischen Ost und West konfrontiert, ich war der Fremde, wurde angestarrt. Das macht etwas mit dir, du fühlst dich dann auch anders. Vielleicht hat das auch den Anstoß zur Terrakotta-Aktion gegeben: Ich wollte aufgehen unter vielen.
Als ein Kunstprojekt sind Sie auch in die Kanalisation gesprungen?
Stimmt, das hat auch damit zu tun. Ich wollte etwas ändern. Unsichtbar sein. Das ist dann auch gelungen. Mich hat dann paradoxerweise keiner mehr angeschaut. Ich war über und über dreckig, nicht mehr als Weißer erkennbar. Man hat mich ignoriert. Allerdings durfte ich nicht mehr Bus fahren. Ich musste dann sechs Stunden heimlaufen.
Und dabei haben Sie sich Performance Elec­trics ausgedacht?
Das hat noch ein bisschen gedauert. Nach meinem Studium war ich freischaffender Künstler und stand vor der Frage: Wie zahle ich meine Miete, meinen Strom? Also dachte ich: Warum mache ich mir nicht meinen eigenen Strom? Ich habe dann in der Marienstraße beim Projekt „Schmarotzer“ Solarzellen auf Leuchtreklame angebracht, das Licht abgezapft und in Energie umgewandelt. Damit haben wir eine Glühbirne rund um die Uhr zum Leuchten gebracht.
Das war die Geburtsstunde Ihrer Firma?
Ja. Ich dachte mir, eigentlich kannst du so viel Strom produzieren, den brauchst du nicht alleine. Als Künstler spielt für mich die Ästhetik eine große Rolle. Wollen wir die Landschaft verspargeln? Wollen wir alles mit Solarzellen zupflastern? Außerdem hat mich schon immer beschäftigt: Wo fängt ein Kunstwerk an? Man kann das Stromnetz als Skulptur betrachten.
Im Ernst?
Ja. Stellen Sie sich mal vor, wir entfernen die Mauern von den Häusern. Dann legen sie ein Flechtwerk frei aus Metall, Kupfer und Aluminium, dass verbunden ist und sich durch ganz Europa verbreitet. Und du zu Hause gibst einen homöopathischen Impuls, der sich durch das ganze Netz, durch ganz Europa verbreitet. So wird eine abstrakte Sache wie der Energiemarkt künstlerisch aufgeladen und sinnlich erfahrbar.
Wie mit Ihren Mülltonnen?
Ja, da haben wir die klassischen schwarzen Mülltonnen in Stromspeicher umgebaut. Die kann man natürlich anzapfen. Und in unserer Elektro-Rikscha kannst du nicht nur radeln, die dient ebenfalls als Speicher. Und zum Energiegewinnen haben wir unsere Schilde aus Solarzellen. Wenn wir damit durch die Stadt laufen, sehen wir aus wie die Römer bei „Asterix“, wenn sie die Phalanx Schildkröte bilden.
Aber Sie klauen auch Strom?
Falls Sie auf die Vartabande anspielen, würde ich sagen: Wir sammeln ihn nur. Wir fragen in Geschäften, Banken und öffentlichen Orten, ob wir unsere Akkus aufladen dürfen. Die sind allerdings ziemlich groß, und wir tragen sie auf dem Rücken. Wir speisen ihn ein und machen so aus Mischstrom Kunststrom. Das hört sich jetzt albern an, aber es rührt an die Kernfrage: Wem gehört Energie? Konzernen oder uns allen?
Zur Person Pablo Wendel:

Er wurde 1980 in Tieringen geboren.

Wendel studierte von 1999 bis 2002 an der Kunstakademie in Stuttgart.

Bei seiner Videoarbeit Latimeria in Norwegen befestigte er einen Angelhaken an einem mit Helium gefüllten Wetterballon. Als ein Fisch anbiss, löste sich der Knoten, der Ballon stieg 3200 Meter in die Luft.

International bekannt wurde er durch seine Performance bei der Terrakotta- Armee. 2006 schmuggelte er sich unter die Tonsoldaten im chinesischen Xi’an.

Mit der Firma Performance Electrics gewinnt er Kunststrom. (StN)

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