Kritik an US-Botschafter Richard Grenell Ein Trumpist in Berlin

Von Michael Weißenborn 

Undiplomatisch: Richard Grenell,  neuer US-Botschafter in Berlin Foto: AFP
Undiplomatisch: Richard Grenell, neuer US-Botschafter in Berlin Foto: AFP

Der neue US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, entpuppt sich als Propagandist für Trump. Doch das Verhältnis zu Amerika ist wichtiger als eine US-Regierung und ein lauter US-Diplomat, meint unser Kommentator Michael Weißenborn.

Stuttgart/Berlin - Überrascht es wirklich, dass der neue amerikanische Botschafter in Deutschland nicht viel anders auftritt als sein Polterer-Präsident Donald Trump, der ihn ja nach Berlin geschickt hat? Richard Grenell ist ein ganz und gar unkonventioneller konservativer Trumpist: Er twittert noch mehr als Trump, ist grell und ungestüm, liebt die Provokation mehr als den Ausgleich. Zudem lebt er offen schwul, ist aber zugleich bibelfest. Medienprofi durch und durch, der als Kommentator beim rechten US-Sender Fox News und als Pressesprecher des republikanischen Feuerschluckers John Bolton sicher das ein oder andere gelernt hat.

Geradezu folgerichtig erweckt er in Berlin von Anfang an nicht einmal den Anschein der üblichen diplomatischen Zurückhaltung. Vielmehr tritt er als Propagandist für Trump auf, spielt „hard ball“, wie das in Amerika heißt. Schon Anfang Mai twittert er an seine neuen Gastgeber in Deutschland: „Deutsche Firmen, die im Iran tätig sind, sollten ihre Geschäfte sofort herunterfahren.“ Trump hatte am selben Tag das Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt. Und nun also per Interview mit der ultrarechten Plattform Breitbart seine Hoffnung auf das Erstarken rechtspopulistischer Konservativer überall in Europa. „Ich möchte unbedingt andere Konservative in ganz Europa stärken“, so Grenell.

Beißreflexe

Wieder macht er wie Trump kein Hehl aus seiner tiefen Abneigung gegenüber der Regierung seines Gastgeberlandes wie anderer Vertreter der politischen Mitte in Europa. Grenells Verhalten ist schade. Er stellt sich damit selbst ins Abseits, schüttet Gesprächskanäle zu in unsicheren Zeiten, in denen ein Austausch umso wichtiger wäre. Der Beißreflex, insbesondere links von der deutschen Mitte, ist aber ebenfalls bedauerlich. Wenn der frühere SPD-Chef Martin Schulz Grenells Verhalten in die Nähe eines „rechtsextremen Kolonialoffiziers“ rückt und ihn gemeinsam mit der Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht am liebsten gleich wieder nach Hause schicken würde, überziehen sie maßlos. Das ist nichts anderes als billige Effekthascherei. Darüber hinaus zeigt sich, wie schwer sich viele Deutsche noch immer damit tun, die politischen Verhältnissen in Trump-Amerika anzuerkennen.

So verständlich die Verunsicherung über die Trump-Regierung – die Alleingänge von der Klima- bis zur Iranpolitik wie ihr Handelsprotektionismus – auch sein mag. Die politisch Verantwortlichen müssen eine realistische Analyse der Lage und Handlungsoptionen entwickeln. Hierher gehört zu allererst die Erkenntnis, dass die USA auf absehbare Zeit im Wettstreit der Großmächte wieder mehr auf Alleingänge setzen werden. Dies zeichnete sich schon unter Amtsvorgänger Barack Obama und seiner Hinwendung zum neuen Rivalen China ab. Auch ein Nachfolger Trumps wird daran kaum etwas ändern. Warum auch?

Bloß Selbstvergewisserung

Für Deutschland wie für Europa bedeutet das, endlich die eigenen Fähigkeiten zu stärken, auch die militärischen. Letzteres bleibt richtig, selbst wenn es Richard Grenell fordert. Bei geschlossenem Auftreten müssen die Europäer auch nicht nervös werden, weil sie es gerade mit einer Handelspolitik zu tun haben, bei der die USA Rivale statt Partner sind. Sicherheitspolitisch und bei den Werten gibt es bei allen Differenzen keine Alternative zum Bündnis mit den USA. Das Verhältnis zu Amerika ist wichtiger als eine US-Administration. Es mag der Selbstvergewisserung dienen, Trump und seinem Statthalter in Berlin lautstark entgegenzutreten. Europas Probleme werden damit aber nicht gelöst.

michael.weissenborn@stuttgarter-nachrichten.de

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