Absolute Zahlen gibt es noch keine, aber einen klaren Trend: Die Zahl der Einbrüche geht deutlich zurück. Foto: dpa/Andreas Gebert

Die Kripo weiß zwar nicht, wohin die Diebesbanden verschwunden sind. Doch die Ermittelnden sind sich sicher, dass der Rückgang nicht allein auf Corona zurückzuführen ist.

Stuttgart - Normalerweise würde die Polizei in diesen Tagen deutliche Warnungen herausgeben müssen: „Einbrecher unterwegs – Sichern Sie Ihr Zuhause!“ heißt es sonst, kaum dass die Tage kürzer werden und die Winterzeit wieder eingeführt ist. So deutlich müssen die Ordnungshüter in diesem Herbst nicht werden. „Es sieht sehr gut aus, wir sind auf einem neuen Tiefststand“ sagt Rüdiger Winter, der Chef der Stuttgarter Kriminalpolizei. Die Zahlen lägen „deutlich unter denen des Vorjahres“. Das könnten die zwei verbleibenden Monate November und Dezember in diesem Jahr kaum noch ändern, so deutlich sei der Trend.

 

Man könnte meinen, es liege an Corona und den damit verbundenen Einschränkungen – für Täter wie für potenzielle Opfer. Denn Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen führten dazu, dass abends zeitweise fast überall jemand zu Hause war. Reisebeschränkungen und dichte Grenzen stoppten Tätergruppierungen aus dem Ausland, wenn diese nach Deutschland einreisen wollten, um hier Wohnungen zu plündern.

Die Polizei setzt auf eine umfassende Spurenauswertung

Während der Lockdown-Phasen geschahen so gut wie keine Einbrüche mehr – insgesamt ging die Kriminalität stark zurück. „Das allein kann es nicht sein“, sagt Winter. Und der andere Grund ist für ihn sehr naheliegend, ist er doch ein Lob für die eigenen Leute. Die Polizei habe in den zurückliegenden Jahren extrem viel zur Einbruchsbekämpfung getan. „Wir ernten nun den Erfolg unserer guten Arbeit“, sagt Winter.

Die Zahlen sinken seit dem Negativrekord von 2014 kontinuierlich

Konkrete Zahlen, wie niedrig aktuell die Statistik aussieht, verrät Winter nicht. Denn die kommen immer erst, wenn die Kriminalitätsstatistik abgeschlossen ist – also für 2021 im Frühjahr 2022. Aber: Das aktuelle Jahr liege unter dem Vorjahr, und das war mit 467 schon gut. Ein neuer Tiefstwert im Zehn-Jahres-Durchschnitt deute sich an. Dass es nicht nur ein Lockdown-Effekt sein kann, zeigt der Blick aufs Jahr davor: 2019 standen 474 Einbrüche in der Statistik, die Pandemie brach Anfang 2020 erst aus. Der Trend war über mehrere Jahre rückläufig gewesen. „2014 war die Hochzeit“, sagt Rüdiger Winter, auf 1277 Fälle kam da die Landeshauptstadt. Die Schwelle von 1000 Fällen war im Jahr davor zum ersten Mal überschritten gewesen: 2013 registrierte die Polizei in Stuttgart 1025 Einbrüche.

Schuhabdrücke und Werkzeugspuren werden ausgewertet

Zum Ansatz, den Winter so erfolgreich bewertet, gehört die umfangreiche Spurensicherung auch bei Einbruchsversuchen. „Es gibt die Theorie, Spurensicherung würde nichts bringen. Aber so, wie wir es machen, kommt eben was dabei heraus“, lobt er seine Leute. „Wenn die Verkehrswegefahnder einen verdächtigen Wagen stoppen, dann schauen sie genau hin“, sagt der Kripochef. So können Zusammenhänge entdeckt werden: Passt das Werkzeug im Kofferraum zu den Spuren an einer aufgebrochenen Terrassentür? Der Sportschuh zum Abdruck im Blumenbeet? Jede noch so kleine Spur kann ganze Banden verraten. „Wir sind in ganz Baden-Württemberg so aufgestellt, dass wir das Problem im ganzheitlichen Ansatz angehen“, sagt Winter. Der Landestrend sieht daher ähnlich aus: „Wir machen es Einbrechern so schwer wie nur irgend möglich“, sagte vor zwei Wochen der Innenminister Thomas Strobl (CDU)

Nur über die Spurenauswertung könne man Serien von Einbrüchen zusammenführen, und nur so komme man den „hochkarätigen Tätern“ auf die Spur. Auch wenn die Belastung der Stadt stark nachgelassen habe, die Kripo habe es nicht: „Wir machen genauso weiter, demnächst hoffen wir wieder, einen großen Erfolg vermelden zu können“, sagt Winter. Viel verrät er noch nicht. Nur das: Die Spuren führen auf den Balkan.

Aktuell ist kein geografischer Schwerpunkt auszumachen

Natürlich ist der Spuk noch nicht ganz vorbei – eingebrochen wird noch. So auch am zurückliegenden Wochenende wieder: Einbrecher waren im Stuttgarter Norden und in Feuerbach unterwegs. Sie stiegen an der Birkenwaldstraße, der Menzelstraße und am Holbeinweg durch aufgebrochene Fenster ein. An der Taunusstraße blieb es bei einem Versuch. Uhren und Geld im Wert von mehreren Tausend Euro fielen ihnen in die Hände, meldet die Polizei. Einen Schwerpunkt könne die Polizei aktuell nicht feststellen. Es sei „wie ein Grauschleier über der ganzen Stadt“, sagt Winter. Früher waren etwa Sillenbuch und Vaihingen aufgrund der Autobahnnähe stark belastet.

Nicht nur in diesen ehemals stark belasteten Bezirken ist die Polizei nach der Coronapause wieder mit ihren Präventionsteams unterwegs. Diese klären darüber auf, mit welchen Schutzmaßnahmen man Türen und Fenster absichern kann. Mitunter kommen die Haus- und Wohnungseigentümer auch erst nach dem Einbruch und erkundigen sich. Dann kommt unter Umständen das heraus, was ein Einbruchsopfer dieser Tage gegenüber unserer Zeitung sagte: „Ich habe nun eine Beleuchtung und einen Alarmton, die gerade noch im gesetzlich erlaubten Rahmen sind.“ Sprich: Wenn ein Einbrecher kommt, ist die ganze Nachbarschaft wach.