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Magdalene Gsell, Eberhard Figel und Emma Fröschle haben den Zweiten Weltkrieg erlebt. In der Bartholomäuskirche in Kemnat schilderten sie ihre Erinnerungen, die live übertragen wurden.

Ostfildern - Auch mit einem Jahr Verspätung hat das jüngste Thema des „Kemnater Forums“ nichts an Bedeutung eingebüßt. Dem Plan, „75 Jahre Kriegsende in Kemnat und Ostfildern“ zu gedenken, machte Corona 2020 noch einen Strich durch die Rechnung. In einem zweiten Anlauf lud nun Pfarrer Thomas Ebinger zum „Abend mit Zeitzeugen gegen das Vergessen“ in die Bartholomäuskirche nach Kemnat ein. Und da immer noch kein Publikum erlaubt war, wurde die Veranstaltung live übertragen – und 100 Personen schauten zu.

 

Zwei Tage später hatte das Youtube-Video bereits fast 550 Aufrufe. Ein Zeichen dafür, dass wohl auch junge Menschen großes Interesse daran haben, was in der Zeit des Nationalsozialismus in ihrem Heimatort geschehen ist. Schon im Vorfeld hatten sich 21 Schüler und Schülerinnen der Klasse 10b des Otto-Hahn-Gymnasiums gemeinsam mit ihrem Geschichtslehrer Steffen Seischab auf den Abend vorbereitet und vier DINA-4 Seiten voller Fragen erarbeitet, die der Lehrer stellvertretend auszugsweise stellte.

Bei Fliegeralarm in den Keller

Die Moderation teilten sich die Kirchengemeinderätin Claudia Hahn-Luckfiel und der Pfarrer Thomas Ebinger, der für diesen Abend die drei Kemnater Zeitzeugen Emma Fröschle, Magdalene Gsell und Eberhard Figel gewonnen hatte. Amalie Brodbeck, die ebenfalls als Zeitzeugin vorgesehen war, ist inzwischen leider mit 95 Jahren verstorben. Thomas Ebinger las einen handschriftlichen Brief mit ihren Erinnerungen vor. Außerdem berichtete der Künstler Klaus Illi als Ortskundiger aus Ruit. Illi hatte im vergangenen Jahr mehrere Aktionen anlässlich des Kriegsendes vor 75 Jahren organisiert.

Emma Fröschle war mit 96 Jahren die älteste Zeitzeugin in dem kleinen Kreis. Sie war bei der Machtergreifung Hitlers acht Jahre alt, die Eltern hatten einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb. Der Vater und zwei Brüder waren im Krieg. Fliegeralarm zwang die Frauen oft in den Keller, bis zur Entwarnung, dann habe man weitergemacht, berichtete sie. Wenn beschossene Scheunen und Häuser brannten, wurde mit Wassereimer gelöscht. Als der Brunnen leer war, nahmen die Bäuerinnen Gülle. Im April 1945 marschierten die Franzosen ein. Eine unblutige Übergabe, im Gegensatz zu Ruit, wie Illi später berichtete, da die Bevölkerung die Panzersperren entfernt hatte. Die Armee rollte an und diejenigen, die auf der Straße waren riefen: „Se kommet, se kommet“. Alle hatten Angst, erinnerte sich die 96-Jährige.

Hitlerfahne im Waschkessel verbrannt

Der friedliche Ablauf war wohl auch den französischen Zwangsarbeitern zu verdanken, die in Kemnat offenbar gut behandelt wurden. Das beschrieb auch Amalie Brodbeck in ihrem Brief, in dem sie die mutige Tat des französischen Kriegsgefangenen namens Leo festhielt, der den einmarschierenden Franzosen auf der Dorfstraße am 21. April 1945 entgegenrief: „Hier alles in Ordnung!“ Die 86-jährige Magdalene Gsell war bei Kriegsende erst acht Jahre alt, doch sie erinnert sich genau, dass die Mutter beim Einmarsch der Franzosen die Hitlerfahne im Waschkessel verbrannt hat. Der Vater war Nazi und Ortspropagandaleiter. Er zog freiwillig in den Krieg, überzeugt von der „guten Sache“. Als er merkte, „wie alles läuft“, war es offenbar sehr schlimm für den Vater, aber zu spät, wie Magdalene Gsell sagte. „So waren viele, die dachten, da kommt jetzt was Gutes auf uns zu.“ 1943 ist er in Russland an Flecktyphus gestorben.

Ähnliches erzählte Eberhard Figel, Jahrgang 1937. „Die können nicht so schlimm sein, wenn sie in die Kirche gehen“, spekulierte die Dorfbevölkerung, als sie SA-Leute in Uniformen im Gottesdienst sitzen sahen. Mit sieben Jahren musste Figel mit der Sense Gras mähen. Der Vater war im Krieg. 1942 beschoss die Flakartillerie auf der Wiese Richtung Heumaden angreifende Flieger mit Granaten, deren Splitter auf Kemnat herunter regneten und bis zu einem Kilo schwer waren. Das war gefährlich, für die Kinder aber auch ein Spiel. Sie sammelten die Splitter, da es wenig Ablenkung am Ort gab. Mit ein Grund, weshalb der gesamte Nachwuchs bei der Hitlerjugend und beim weiblichen Zweig, dem Bund Deutscher Mädel, begeistert mitmachte. „Man war halt Mitläufer“, so Emma Fröschle.

NSDAP-Ortsgruppenleiter erschießt Löwenwirt

Tragisch waren die letzten Tage in Ruit. Illi berichtete vom Löwenwirt Albert Fritz. Der schwer kriegsversehrte Mann wurde am 10. April 1945 vom NSDAP-Ortsgruppenleiter standrechtlich erschossen. Nur elf Tage vor dem Einmarsch der Franzosen. „Fanatiker behielten die Oberhand in Ruit. Panzersperre wurden nicht geöffnet.“ Am 21. April 1945 rückten die französische Truppen vor und schossen Scheunen in Brand, als sie, beim Haus Blessing in der Kirchheimer Straße auf Karl Wais trafen. Er wollte den Elektromeister Eugen Blessing holen, um die brennenden Scheunen von der Stromversorgung abzuklemmen. Von den Franzosen befragt, ob deutsche Soldaten im Haus seien, verneinte dieser, nichts ahnend, dass gerade ein Soldat um Unterschlupf im Keller gebeten hatte, der sich umziehen und dann ergeben wollte. Die Franzosen entdeckten ihn und erschossen Karl Wais, Eugen Blessing und seinen Vater Friedrich standrechtlich. Eugen Blessing habe noch am Vortag versucht, auf die Männer einzuwirken, die Panzersperren zu öffnen, doch sie wollten nicht auf ihn hören.

Die anschließenden Fragen der Schülerinnen und Schüler sowie der Zuschauer galten der Verantwortung der Zeitzeugen, der Widerstandsbewegung, der Nachwuchsorganisationen der NSDAP und der Judenvernichtung. Die Jugendlichen wollten aber auch wissen, wie sie sich selbst heute verhalten sollen. Toleranz, Disziplin, kritisches Denken und kein Rassismus lautete die Empfehlung der Forumsteilnehmenden. Musikalisch umrahmt wurde der Abend von dem Klarinettisten Luca Wu mit Klezmer-Musik von Giora Feidman.

Auf der Homepage www.kemnat-evangelisch.de steht der Link zum Video