Standbilder aus einem Video von 2012: Als Salafisten mit Steinen, Stöcken und Messern Polizisten in Bonn attackieren,ist der Pforzheimer Munir in erster Reihe dabei – mit der Flagge der Terrororganisation Al Kaida Foto: Screenshot Youtube

Das Bürgerkriegsland Syrien ist ein attraktives Ziel für Islamisten aus Deutsch- land. Mehr als 60 sind bereits dorthin gereist – darunter ein Pforzheimer. Der Verfassungsschutz fürchtet vor allem, dass sie bei ihrer Rückkehr anwenden, was sie im Krieg gelernt haben.

Aleppo - Das Bürgerkriegsland Syrien ist ein attraktives Ziel für Islamisten aus Deutsch- land. Mehr als 60 sind bereits dorthin gereist – darunter ein Pforzheimer. Der Verfassungsschutz fürchtet vor allem, dass sie bei ihrer Rückkehr anwenden, was sie im Krieg gelernt haben.

Der Knochenjob

Den Weg zu den Deutschen weist eine schwarze Fahne. Das weiße Siegel des Propheten Mohammed flattert auf einer Ruine, die fünf Stockwerke voller geborstener Fenster hoch in den wolkenlosen Himmel von Aleppo ragt. Aus dem Keller der ausgebombten Kinderklinik in der Sha’aer-Straße heraus werden die Kämpfer kommandiert, die Diktator Baschar al-Assad die Macht über Syrien entreißen wollen. In der Stadt, in deren Straßen seit einem Jahr Detonationen und Schüsse hallen, sind das die Elitekrieger: Kerle in schwarzen Hosen, Jacken und Pullovern. Und mit Bärten.

Oder zumindest mit dem, was der Flaum hergibt. Denn bei dem jungen Kerl mit der Brille wollen die Haare am Kinn noch nicht so recht sprießen. Schweiß zieht weiße Bahnen in sein Staub verdrecktes Gesicht: Ibrahim Munir schuftet. Eine Salve feuert er aus seinem G-3-Sturmgewehr auf Assad-Getreuen. Dann schleppt er Granaten für einen Mörser. Ein Knochenjob für den jungen Pforzheimer, der im März aus Baden-Württemberg in seinen Heiligen Krieg gezogen ist.

Das Dschihadisten-Zentrum

In Aleppo kämpft Munir für die „Jabhat al-Nusra li Ahl asch-Scham“, der „Front zur Verteidigung des Volkes Syriens“. Einfacher ausgedrückt: für die syrische Filiale des Netzwerks Al Kaida. Für den Westen sind die Nusra-Kämpfer Terroristen. Und Aleppo ist zum syrischen Zentrum der Dschihadisten aus der ganzen Welt geworden. Etwa 2500 Gotteskrieger sollen in der Stadt kämpfen, 6000 im ganzen Land. Usbeken, Tschetschenen, Saudis, Libyer – und Deutsche. Von denen noch 30 in der syrischen Metropole herum schießen, glaubt Kommandant Hassan al-Hak. Der hat vor dem Krieg Teenager englische Vokabeln und Grammatik beigebracht. Heute führt er das Kommando über 43 Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA). Und hält Abstand zu dem Glaubenskriegern der Al-Nusra.

Denn seitdem die dort der Soldateska Assads die Stirn bieten, wo diese durchzubrechen droht, seitdem die Nusra-Kämpfen da sterben, wo die Lage kritisch ist, seitdem, sagt al-Hak, „greifen sie auch uns an, wenn wir nicht nach ihren strengen islamischen handeln“. Beim letzten Vorstoß der Gotteskrieger in die Reihen der verbündeten Rebellen sei auch der „al-Almani“, der Deutsche, dabei gewesen. Der Pforzheimer, der seit drei, vier Wochen zu den Nusra-Söldnern in Aleppos Stadtteil Salaheddin gehört.

Das, ist sich Englischlehrer al-Hak sicher, wäre längst verloren, wenn Dschihadisten keine Schützenhilfe leisteten: „Ihre Leute tauchen plötzlich auf. Sie kämpfen mit beispielloser Entschlossenheit. Sie rauchen nicht. Sie lungern nicht herum. Sie machen nur Pause, um zu beten.“

Und um Pläne für die Zeit nach der Schlacht von Aleppo zu schmieden, die weit über die Kulturhauptstadt des Islam hinausreichen: Die Gotteskrieger kämpfen für ein sunnitisches Emirat, für einen Gottesstaat, der vom Irak bis zum Libanon reicht.

Der kleine Deutsche

Für diesen Gottesstaat machen sich hinter einer Häuserecke etwa 20 Nusra-Kämpfer zum Gefecht bereit. „Da, der kleine Deutsche ist auch dabei“, deutet al-Hak auf die andere Straßenseite, auf der das Land der Dschihadisten beginnt. Ibrahim Munir hantiert an einem modernen Nachtsichtgerät.

Durch das Fernglas ist zu sehen, wie der Unterkiefer des 19-jährige zittert. Er schleicht mit seiner Gruppe unter umgeknickten Strommasten und an ausgebrannten Autos vorbei zu einem Haus, indem ein vorgeschobener Beobachter von Assads Artillerie vermutet wird. Granaten detonieren in den Straßenschluchten. Einer der Bärtigen zupft Ibrahim Munir am Ärmel des viel zu großen Pullovers.

Eine Szene mit Symbolwert: Als im Mai vergangenen Jahres im Bonner Stadtbezirk Bad Godesberg Salafisten mit Steinen, Stöcken und Messern Polizisten attackierten, war der Pforzheimer Teenager ebenfalls in erster Reihe dabei. Stolz trug er eine Fahne wie die, die in Aleppo auf dem Dach des zerschossenen Kinderkrankenhauses weht: die Flagge der Terrororganisation Al Kaida. In Godesberg dirigierte Denis Cuspert, ein Popstar der deutschen Salafisten, Munir durch die Straßenschlacht. Cuspert, der heute drei Kilometer entfernt von Munir im Osten Aleppos kämpfen soll, schob den Fahnenträger vor sich her, bis ein Platz für den Mudschaheddin aus Baden gefunden war.

Der Werdegang

Den fand der Deutschtunesier in den Reihen islamischer Extremisten schnell. Die Mutter gilt als fromme Muslima. Bis zur siebten, achten Klasse war Ibrahim Munir für seine Pforzheimer Mitschüler ein „ganz normaler Jugendlicher“. Erst dann habe er begonnen, sich von Freunden und Klassenkameraden abzugrenzen. In der den Salafisten zugerechneten Al-Baraka-Moschee in der Franzikusstraße fand Munir Halt. Und wurde radikalisiert: Munir wies im Netz auf einschlägige Internetseiten hin, auf denen die fit gemacht werden, die in den Heiligen Krieg ziehen wollen. Er leitete Videos weiter, auf denen zu sehen ist, wie Islamisten gefangene syrische Soldaten zu Tode foltern. „Maschallah“, kommentierte Munir – „wie schön, Gott behütet dich.“ Freunden vertraute er an, dass er bereit sei, „sein Leben für den Kampf gegen die Kufar“, die Ungläubigen, hinzugeben.

Zu viel für seine Vorbeter: Sie wiesen dem künftigen Glaubenskrieger im vergangenen Sommer die Tür des Gotteshauses. Im Januar meldete Munir seinen Wohnsitz in Nordrhein-Westfalen an – der Form halber: „Gelebt hat er hier kaum. Wir gehen davon aus, dass er sich für seinen Plan, in den Dschihad nach Syrien zu gehen, kurzzeitig dem Fokus der Sicherheitsbehörden entziehen wollte“, sagt ein Verfassungsschützer in Düsseldorf.

Die Gruppe

Eine erfolgreiche Mission: Unsere Zeitung berichtete im März, dass Ibrahim Munir in den Heiligen Krieg gereist war. Per Bus über die Türkei. Obwohl ihm die Sicherheitsbehörden seinen Reisepass abgenommen hatten, um genau das zu verhindern. In Oberbayern war er bei der Ausreise zunächst deutschen Grenzern aufgefallen, die ihm auch noch seinen deutschen Personalausweis abnahmen. Tage später war Munir wieder verschwunden. In Rehanyli, unweit der Grenze zu Syrien, hat er sich offenbar Ende April den Nusra-Kämpfern angeschlossen.

Zunächst, um zwei, drei Wochen zu warten. Denn die Nusra-Dschihadisten sind wählerisch: „Die nehmen nicht alle. Da brauchst du Empfehlungsschreiben, in denen deine Festigkeit im Glauben bestätigt wird“, weiß FSA-Kommandeur al-Hak. Dann würden die Nusra-Rekruten gedrillt, bis „das Wasser aus ihren Ohren kommt“: Schießen, Sprengen, Nahkampf. Um dann Zellen bis zu 50 Kämpfern zugeteilt zu werden. In denen würden die Al-Nusra-Leute nur „die Leute ihrer Kampfgruppe und ihren Kommandanten kennen“.

M.s Befehlshaber mit dem Kampfnamen „Abu Ibrahim“ dirigiert einen T-72-Kampfpanzer in Stellung, den seine Krieger erbeutet haben. Den Syrer Abdul Jabar Akaidi wollen die Aufständischen der FSA in dem bärtigen Befehlshaber der Dschihadisten erkannt haben. Die nennen die eigene Gruppe schlicht die „Ibrahim-Gruppe“. Die feuert mit ihrem Panzer eine Granate nach der anderen durch die Lastwagenplanen, die Assad-treue Milizionäre quer über die Straße gespannt haben, um den Nusra-Scharfschützen das Zielen zu erschweren. Die Geschosse fauchen über die Köpfe von Munir und explodieren nutzlos in der Ferne.

Nachts dringt das Klirren von Panzerketten aus den Vororten Aleppos bis in die Sha’aer-Straße. Regierungstruppen sammeln sich, um einen Groß-Angriff auf Aleppo vorzubereiten. Assads Elitesoldaten des Fallschirmjägerregiments 556 seien in den Vororten gesichtet worden. Zudem Hunderte Kämpfer der libanesischen Hisbollah, ist sich Kommandeur al-Hak sicher. „Die Armee des Teufels“, wütet er. Komme es zum Kampf, sei er auf die schwarz uniformierten Männer auf der anderen Straßenseite angewiesen.

Vor dem Sturm

Einen Moment hält der Pädagoge inne. Es sei nur eine Frage von Tagen, vielleicht Wochen, bis Assads Soldaten zum Sturm auf Aleppo antreten. Dann „verlieren wir hier alle Menschlichkeit. Besonders die da drüben“. Mit dem Kinn deutet er zu den Nusra-Dschihadisten. Manchmal, sagt al-Hal nachdenklich, „habe ich Angst vor dem, was kommt, wenn das hier zu Ende ist“. Was dann wohl passiere mit all den Gotteskriegern aus dem Ausland? „Was macht ihr in Deutschland mit denen, die zurückkommen?“

Kaum etwas. Juristisch ist den rückkehrenden Gotteskriegern schwer beizukommen. Dazu müsste nachgewiesen werden, dass sie an terroristischen Aktivitäten, an Kriegsverbrechen oder Morden beteiligt waren. In den Wirren des Straßenkampfes von Aleppo ein fast aussichtsloses Unterfangen. So bleibt den Polizisten nicht viel übrig, als an die Türen der Rückkehrer aus der Mission Heiliger Krieg zu klingeln. Den Dschihadisten deutlich zu machen, dass die Schutzleute um sie wissen. Gefährderansprache nennen Fachleute dieses Vorgehen.

Sie können schon üben. Von den mehr als 60 Islamisten, die aus Deutschland in den syrischen Bürgerkrieg gereist sind, kehrten in den vergangenen Wochen etwa 20 zurück.

Ibrahim Munir aus Pforzheim hält noch aus in der ausgebombten Kinderklinik in der Sha’aer-Straße in Aleppo. In einer Ruine, fünf Fenster hoch. Unter der schwarzen ­Fahne der El Kaida.

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