Die gefährlichen „Kräutermischungen“ werden meist über das Internet bezogen Foto: dpa

Synthetische Kräuter-Mischungen sind legal, aber dennoch gefährlich. Die Legal Highs genannten Drogen sind in Mode. Im vergangenen Jahr forderten sie die ersten Toten.

Stuttgart - Es klingt für manchen verheißungsvoll. „Sternhagelvoll und nichts von den Behörden zu befürchten? Geile Idee!“, heißt es auf einer Internetseite, die neue psychoaktive Substanzen (npS) vertreibt.

Man müsse seinen Stoff nicht verstecken, nicht mit schäbigen Gaunern in Hinterhöfen verhandeln – „und das Beste: du musst noch nicht einmal deine Wohnung verlassen“, um an die Rauschmittel zu kommen. Die bringt der Briefträger, als Badesalz oder Kakteendünger deklariert und mit dem Hinweis „Nicht für den menschlichen Verzehr geeignet“, mit der Post.

So mancher Konsument erwacht aber in des Teufels Küche. NpS – auch Legal Highs oder Research Chemicals (siehe „Neue psychoaktive Substanzen“) genannt – sind nicht verboten, aber alles andere als harmlos. Nach Angaben des Stuttgarter Landeskriminalamtes (LKA) sind im vergangenen Jahr sechs Menschen im Land wegen der Einnahme dieser Drogen gestorben – alles Männer im Alter von 25 bis 30 Jahren. Damit tauchen die npS erstmals in jener Liste auf, die zeigt, wie viele Menschen in Baden-Württemberg an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben sind.

"Was habe ich da vor mir?"

In 113 Fällen hat die Polizei vor zwei Jahren solche Kräutermischungen mit npS registriert, im vergangenen Jahr, sagt der LKA-Sprecher Ulrich Heffner, habe es einen „deutlichen Anstieg“ gegeben. Doch die Zahlen spiegelten kaum wider, was im Umlauf sei. Denn die Zusammensetzung der npS verändere sich ständig, und der Europäische Gerichtshof habe untersagt, sich auf das Arzneimittelgesetz zu berufen. Deshalb „haben wir erhebliche Probleme, weil nie klar ist: Was habe ich vor mir?“, erläutert Heffner das Dilemma der Ermittler. Auch der Vertrieb über das Internet erschwere deren Arbeit.

„Die neuen psychoaktiven Substanzen sind brandgefährlich“, sagt Leo Hermle, der Ärztliche Direktor des Göppinger Christophsbads und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Man wisse nur wenig über die synthetischen Drogen und darüber, welche akuten und chronischen Erkrankungen sie auslösen könnten. „Weder der Hersteller noch der Konsument weiß, welche Folgen diese Drogen haben.“ Synthetische Cannabinoide etwa seien viel gefährlicher als herkömmliches Cannabis, weil sie eine viel stärkere Affinität zu den Rezeptoren im Gehirn hätten – mit entsprechenden psychischen und körperlichen Komplikationen.

Cannabis ist die Hauptdroge

Bei den Patienten mit Drogenproblemen sei Cannabis die Hauptdroge, gefolgt von Psychostimulanzien wie Amphetaminen oder Kokain. Schon auf Platz drei aber rangierten die npS – und die Dunkelziffer, davon ist Hermle überzeugt, sei hoch: Viele npS seien mit den herkömmlichen Tests nicht nachweisbar. Auch die Krankenhäuser müssten bei jungen Leuten mit Kreislaufschwierigkeiten oder Psychosen wachsam sein: „Wir sollten immer an npS denken“, sagt Hermle, der seit 24 Jahren als Chefarzt die Psychiatrie leitet.

„Die Pseudolegalisierung war kein Segen“, sagt Roland Linder von der Suchtberatung Chillout in Ludwigsburg über Legal Highs. Oft stiegen Drogenkonsumenten darauf um – weil sonst ihre Bewährung dahin sei oder weil sie Angst um ihren Führerschein oder um ihren Job hätten. Von den 330 Klienten, die im vergangenen Jahr in der Jugendberatung gewesen seien, sei fast jeder dritte betroffen gewesen.

Release in Stuttgart geht in die Offensive. Seit dem 1. Januar können Festival-Veranstalter die Suchtberater zu ihren Feten einladen. Dort informieren sie über Partydrogen, zu denen Research Chemicals zählen. Bei Release hat man nämlich festgestellt, dass Konsumenten von Partydrogen nur sehr selten eine Suchtberatung nutzen.

"Die Partygeneration gibt es nicht mehr"

Bei Horizont, der Suchthilfe des Kreisdiakonieverbandes Rems-Murr, wird über ein ähnliches Projekt nachgedacht. Die Jugend- und Drogenberatung des Kreises Esslingen schult seit drei Jahren Lehrer, Schulsozialarbeiter sowie Mitarbeiter der Jugendhilfe zum Thema npS. Sechs Fortbildungen mit 150 Teilnehmern habe man bisher veranstaltet, sagt Gerhard Schmid, der Leiter der Beratungsstelle.

Die Suchthilfezentren der Diakonie im Kreis Böblingen bieten Schulen an, Elternabende zu dem Thema zu veranstalten. „Eltern, deren Kinder ins Jugendalter kommen, sollten sich informieren“, sagt Uwe Zehr, der Leiter der Suchthilfezentren. Sie könnten nicht erwarten, dass junge Leute die Jugend noch so erlebten wie sie selbst.

„Da verändern sich Kulturen“, sagt der Sozialpädagoge. „Die Partygeneration gibt es nicht mehr.“ Stattdessen gebe es den Wunsch, immer leistungsfähiger zu sein. Ein Kick, den npS kurzzeitig versprächen. Dieses „aufputschende Zeug“ ist „eine verdammte Verführung“, sagt Zehr, weil es gut in eine Zeit passe, in der immer mehr in immer kürzerer Zeit erwartet werde. „Aber wir können nicht so leben, als hätten wir ein zweites Gehirn im Kofferraum.“

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