An die Wahlurne ging es an diesem Sonntag gleich mit drei verschiedenen Stimmzetteln. Foto: dpa

Trotz 60 Stimmen und unübersichtlicher Stimmzettel: Zur Kommunalwahl machen sich Stuttgarter Gedanken über ihre Stadt. Eindrücke aus den Wahllokalen.

Stuttgart - Für Waltraud Bäder wurde der Wahlsonntag zum Statement: „Ich habe vor allem Frauen gewählt“, sagt die 80-jährige Stuttgarterin im Innenhof ihres Wahllokals im Hospitalhof und schiebt selbstbewusst die Sonnenbrille zurück. Geht es nach ihr, hat die Kommunalpolitik in Sachen Geschlechtergleichheit so einiges aufzuholen: „Ich wünsche mir mehr Gemeinderätinnen. In dieser Gesellschaft sind die Männer immer noch ziemlich gut mit ihren Ellbogen dabei.“

Um das zu realisieren, hat sie vor wenigen Minuten ihre Stimme zur Kommunalwahl abgegeben. Denn an diesem Sonntag wird in der Stadt nicht nur das Europaparlament, sondern auch die Regionalversammlung und der neue Stuttgarter Gemeinderat gewählt.

In den Wahllokalen ist die Stimmung trotz der dreifach gestellten Zukunftsfrage weitgehend entspannt. Menschen laufen gut gelaunt in kleinen Gruppen herein und werfen ihre Umschläge in die bereitgestellten Wahlurnen – Bürgerpflicht als Sonntagsspaziergang. So scheint es zumindest. Doch ganz so einfach ist es doch nicht. Zum einen macht das recht komplizierte Wahlverfahren einigen durchaus zu schaffen: „Es gibt viel Unsicherheit, was die Stimmabgabe angeht“, sagt zum Beispiel Klaus Lebsanft, Wahlvorstand im Hospitalhof. Er und sein Team müssten den Leuten im Vorhinein erklären, welcher Zettel in welchen Umschlag – und in welche Urne – komme. „Viele erwarten eine dritte Tonne wegen der drei Zettel“, stimmt auch Jan Pertschi, Wahlvorstand in der Max-Eyth-Schule, bei. „Aber es gibt nur zwei. Dahinter steckt ein anderes Auszählsystem.“

Hier geht es zu unserem Liveblog zur Kommunalwahl.

Unsicherheit bei der Stimmabgabe

Und auch das Politische kommt angesichts der Wohlfühlatmosphäre nicht zu kurz. Gerade auf der kommunalen Ebene scheinen sich viele Bürger besonders genau zu informieren, welcher der Kandidaten auf den Wahlzetteln sich für die Themen einsetzt, die ihnen selbst am Herzen liegen. „Es geht hier um meine Stadt“, sagt zum Beispiel Jens Brunne, der mit seiner Familie im Heusteigviertel lebt. Natürlich interessiere er sich daher für bestimmte Themen und vergebe auch danach seine Stimme. Auf seiner Liste stehen Verkehr, die Luftqualität und die Frage nach bezahlbarem Wohnraum. Ähnliche Schwerpunkte treiben viele der Menschen in unserer Umfrage um: Während Fortunato Rosales vor allem niedrige Mieten möchte, wünscht sich Martin Braun eine Stadt, in der er mit seinen kleinen Kindern sicher Fahrrad fahren kann. Das zählt auch für Junge und Zugezogene.

Hier geht es zu unserem Liveblog zur Europawahl.

Fahrrad, Feinstaub, Klimaschutz

„Ich möchte hier Fahrrad fahren können, ohne dass es lebensbedrohlich ist“, sagt der 22-jährige Sven Karkes, der seit rund anderthalb Jahren in Stuttgart-Mitte lebt. Außerdem sehnt er sich nach Grünflächen, auf denen man im Sommer gut abhängen kann. „Ich komme aus Hamburg und selbst da ist das Konzept für Radfahrer besser“, pflichtet ihm auch der 30-jährige Alex von Rohr zu. Auch sie geben beide an, nach diesen Kriterien gewählt zu haben. Silke Kennes hingegen wünscht sich mehr Ruhe und weniger Aktionismus in der Stadt – gerade im Hinblick auf Projekte wie die Buslinie X1.

Über Dieselfahrverbote und Migration hingegen spricht man an diesem Tag nur hinter vorgehaltener Hand. Dass man in der Stadt andere Brennpunkte habe als die Flüchtlingspolitik und dementsprechend auch wählen müsse, sagt zum Beispiel eine Stuttgarterin, die nicht namentlich genannt werden möchte.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: