Kommentar zur Elbphilharmonie Ganz großes Stadtkino

Von nbf 

15 Jahre haben Planung und Bau der Elbphilharmonie in Hamburg  gedauert. Foto: epd
15 Jahre haben Planung und Bau der Elbphilharmonie in Hamburg gedauert. Foto: epd

15 Jahre haben Planung und Bau der Elbphilharmonie in Hamburg gedauert. Fast 800 Millionen Euro hat die 110-Meter hohe „Welle“ gekostet. „Aussichtslos war gestern“ titeln die Elbphilharmonie-Werber zur Eröffnung der Besucherplattformen – zu Recht, kommentiert STN-Titelautor Nikolai B. Forstbauer.

Stuttgart - Man sieht: ein Gebäude, das in seiner Wellenform einer Kulisse gleicht. Man liest: „Aussichtslos war gestern“. Denn heute – das ist die Logik der Werber – ist Elbphilharmonie, heute hat man bei einem von diesem Samstag an offiziell möglichen Rundgang 37 Meter hoch über der Freien und Hansestadt einen unvergleichlichen 360-Grad-Überblick.

„Aussichtslos war gestern“:  Das sitzt. Wie der Bau selbst. Feingliedrig in all seiner Masse, mit der Tendenz, abheben zu wollen, trotz seiner Größe. „Aussichtslos war gestern“: Das passt. Wie dieser Bau, der das neue Hamburg definiert, ein Hamburg, das noch ganz Hafenstadt ist und doch eine Alternative braucht.

110 Meter hoch

Aber war da nicht etwas? Allein zehn Jahre Bauzeit nach bereits fünf Jahren Planungsvorlauf etwa? Ein Lehrbeispiel skandalöser Verschwendung öffentlicher Gelder? Ein 110 Meter hohes Monstrum, das sich mit offiziell 789 Millionen Euro Kosten nicht nur unter die zehn teuersten Wolkenkratzer der Welt katapultierte, sondern das auch in den Folgekosten alles Ungewisse der öffentlichen Hand überlässt, während die Apartments hoch über der Elbe zu Bestpreisen private Kassen füllen? Ist also „Aussichtslos war gestern“ nicht etwa frech, weil mutig, sondern nur frech, weil unverschämt?

Eine Idee, an die 2001 kaum jemand glaubt

Ein Blick zurück: 2001 präsentiert der Investor und Architekt Alexander Gérard vor dem Hamburger Senat seine mit der Kunsthistorikerin Jana Marko entwickelte Idee, im Kaispeicher A im Hamburger Hafen ein Konzerthaus zu errichten. Es ist eine Gegenidee zur bloßen Addition von Bürokomplexen und künstlichen Erlebniswelten. Wirklich zuhören will niemand. Gérard und Marko wissen: Die Idee braucht Bilder, starke Bilder. In Zürich treffen sie sich 2003 mit den Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Und deren Büro liefert eine auf dem Kaispeicher A aufsitzende Welle – eine unverwechselbare Eigenform.

Erst Olaf Scholz hat das Projekt im Griff

Eine erste Zahl kursiert bald: 77 Millionen Euro Baukosten. Und ein Eröffnungsdatum: 2010. Was folgt, dürfte Gerichte und Kanzleien noch eine ganze Weile beschäftigen: explodierende Baukosten, zunächst fast blindes Glauben an einen Projektsteuerer, Dauerfehden des Unternehmens Hochtief mit den Architekten, Unzulänglichkeiten der Regierung Ole von Beust und ein durchaus risikoreicher Schritt nach vorne durch Von-Beust-Nachfolger Olaf Scholz.

Am Ende aber braucht es einen Mitspieler, den man mitunter fast aus dem Blick verloren hatte – die Kunst. Während sich mit der Fertigstellung der Fassade immer deutlicher abzeichnet, dass Herzog & de Meuron ihre Formidee tatsächlich einlösen können, verändert die internationale Begeisterung für den entstehenden Konzertsaal (mit bis zu 2150 Plätzen) auch die Aufmerksamkeit für das Projekt an sich.

Frech, mutig und voller Freude

Nein, die Elphilharmonie ist nicht das Projekt geworden, das sich ­Alexander Gérard und Jana Marko 2001 wünschten. Sie ist größer, viel größer. Der Komplex bietet drei Konzertsäle, ein Hotel und Apartments. In Gänze ist dies alles erst von Mitte Januar an zu erleben. Doch von diesem Sanstag an darf man auf der „Plaza“ flanieren – der Rundumplattform an der Schnittstelle zwischen Kaispeicher A und „aufgesetztem“ Neubau. „Aussichtslos war gestern“: Das ist natürlich frech gesagt, aber auch mutig und voller Freude. Zu Recht: Die Elphilharmonie ist noch vor den ersten Zeilen über begeisternde Konzerte ganz großes und weltweit beachtetes Stadtkino.

nikolai.forstbauer@stuttgarter-nachrichten.de

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