Angela Merkel hat die Flüchtlingskrise unterschätzt, meint unsere Kolumnistin. Foto: AP

Die AfD profitiert von dem Schweigen der anderen Parteien über die Probleme der Migration. Man spürt, dass die Leute Angst haben und sich hilflos fühlen. Hat die Kanzlerin das nicht mitbekommen, fragt sich unsere Kolumnistin.

Stuttgart - Jetzt haben wir den Salat. Jetzt zieht die AfD mit 94 Abgeordneten in den Bundestag ein. Jetzt wissen wir, dass der von Angela Merkel im Angesicht des Flüchtlingszustroms anno 2015 gesprochene Satz „Wir schaffen das“ der gefährlichste Satz der vergangenen Legislaturperiode war. Ein Satz, geboren aus schönen Träumen, der vor der Wirklichkeit nicht standhalten konnte. Gleichwohl ließ die Kanzlerin nicht davon ab, diese Worte gebetsmühlenartig zu wiederholen. Und im ersten Moment, in der schönen Aufwallung der Willkommenskultur, mochten ihr, der reinen Magd am Wohle des Volkes, viele glauben. Auch andere schöne Sätze, von anderen gesprochen und geschrieben und so nachgerade zu einem Mantra der öffentlichen Meinung geworden, gesellten sich verstärkend hinzu. Da wurden die Millionen Vertriebenen ins Feld geführt, die man nach Kriegsende doch auch inte­griert habe. Und da galt die Parole, nicht über Probleme mit den Zugewanderten zu reden, denn damit betreibe man nur das Geschäft der AfD. Wer sich nicht daran hielt, machte sich auf der Stelle des rechten Radikalismus verdächtig. Das aber können wir uns mit unserer Vergangenheit nicht leisten – also Ruhe bewahren. Viel Schönrednerei. Es wird schon alles gut gehen.

Doch die Kritik und die Zweifel, die sich nicht an die Öffentlichkeit trauten, pflanzten sich unter der Decke bewundernswerter Menschlichkeit fort. Ein unterirdisches Grollen war zu vernehmen – auch im Kreis sehr aufgeschlossener, gebildeter und gutwilliger Zeitgenossen – und verschaffte sich nun in der Bundestagswahl explosionsartig Auslauf, denn durch die Masseneinwanderung sehen viele Einheimische ihre Lebensweisen infrage gestellt: ihre emanzipierten Auffassungen vom Verhältnis der Geschlechter, von nationalen Gebräuchen, von Werten, die in Europa unter großen Opfern erkämpft worden sind. Man spürt, dass die Leute Angst haben und sich hilflos fühlen. Hat die Kanzlerin das nicht mitbekommen? War es ihr egal? Oder schielte sie, wie manche professionellen Beobachter argwöhnen, gar auf den Friedensnobelpreis?

Die Kanzlerin hat die gravierenden Folgen nicht bedacht

Vielleicht gab ja auch jene über alle Sender verbreitete Szene mit dem kleinen palästinensischen Mädchen den Anstoß für ihre Willkommensbegeisterung. Nicht alle könnten bleiben, hatte sie dem Kind bedeutet, das sofort zu weinen begann, weshalb auf der Stelle ein Sturm der Entrüstung über das kalte Herz der Regentin durch die Medienlandschaft brauste. Wollte sie mit dem großen Hereinlassen der in Budapest Beengten und Bedrängten diesen Eindruck korrigieren? Hat sie in jenem Moment der Güte die gravierenden Folgen nicht bedacht? Die aber gibt es.

Denn es kamen Hunderttausende, und der Zustrom ist nicht beendet, er ist bloß geringer geworden. Diese Menschen haben nur den Ortswechsel, sonst aber nichts mit den Vertriebenen von 1945 gemein. Sie sprechen eine andere Sprache, sie bringen nicht die gleichen Bildungsvoraussetzungen mit, und sie kommen aus einem völlig anderen Kulturkreis. So wie sie uns fremd erscheinen, müssen sie sich zunächst sehr fremd fühlen in diesem kalten Land. Sie wollen hier überleben, viele wollen auch besser leben als zu Hause, trotzdem beharren sie auf ihrer Identität. Das kann man nachfühlen: also Kopftücher, Moscheen, Gebete in Schulen, Zwangsehen, Unterdrückung von Frauen. Das gehört bei etlichen zu ihrem Wir-Gefühl. Das Problem ist: Es kollidiert mit unserem Wir-Gefühl. Weshalb man eher nebeneinanderher lebt, sich auch Parallelgesellschaften bilden und die überkommenen Zugehörigkeiten an die nächsten Generationen weitergegeben werden. Sonst hätte es der Herr Erdogan doch nicht so leicht gehabt, in die Bundesrepublik hineinzuregieren.

Wir schaffen das nicht

Wir schaffen das? Nein, auf alle Fälle nicht in absehbarer Zeit, vielleicht auch erst in der zweiten oder dritten Einwanderergeneration. Die Kommunen sind überlastet, es fehlt an Wohnraum, bei den Gerichten sind Hunderttausende von Asylklagen anhängig und unbeantwortet. Das wird nicht besser, wenn nun auch noch der Familiennachzug für diejenigen genehmigt werden sollte, die nur subsidiären Schutz genießen. Da kommen dann noch einmal ein paar Hunderttausend, darunter viele Frauen, die nicht einmal lesen und schreiben können, die sich in der neuen Welt gar nicht hinaustrauen. Wie kann man den Mut haben, mit deren Hilfe auf schnelle Integration zu bauen?

Und was soll man davon halten, dass die große Mehrheit der Flüchtlinge junge Männer sind, die zu einem beträchtlichen Teil ihre Familien im Stich gelassen haben? Ihre Frauen und Kinder darben weiterhin in den Schreckensgebieten oder in irgendwelchen Lagern, während die prächtigen Mannsbilder hier von unserem Sozialstaat freundlich umfangen werden. Dass sie im besten Testosteronalter sind, kommt erschwerend hinzu. Ist der Gedanke völlig abwegig, dass ihre Kräfte zu Hause sinnvoll eingesetzt wären – zumindest dort, wo sie nicht politisch verfolgt werden? Über all das und noch viel mehr muss man reden dürfen, ohne dass einem Katrin Göring-Eckardt, die fromme Helene der Grünen, die schon in der Wahlnacht eine neue Omertà verhängte, über den Mund fährt. Sonst kriegen wir die AfD nicht klein.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: