Mama will einfach nur in Ruhe sich selbst leid tun, aber das ist den Kindern natürlich total egal. Das kann manchmal nervig, oft aber auch ganz heilsam sein. Foto: wel

Rechter Terror, größenwahnwitzige Präsidenten und Stellenabbau – an manchen Tagen möchte unsere Kolumnistin einfach nur nach Hause kommen und die Decke über den Kopf ziehen. Aber mit kleinen Kindern geht das halt nicht. Warum das gar nicht so schlecht ist.

Stuttgart - Es gibt Tage, an denen es einem die Welt nicht gerade einfach macht, sie gern zu haben. Diese Woche gab es so einen Tag: Die türkische Armee drang ins Gebiet der Kurden ein. Der amerikanische Präsident twitterte mal wieder besonders Größenwahnwitziges. In Halle tötete ein rechter Mörder in Ego-Shooter-Manier zwei Menschen und nur eine gute verschlossene Tür verhinderte ein größeres Massaker an jüdischen Bürgern, die zynischerweise gerade Yom Kippur feierten, das Fest der Vergebung. Und dann kündigte der eigene Arbeitgeber auch noch an, Stellen abzubauen.

An diesem Tag fuhr ich von der Arbeit durch den Stau und Bindfadenregen (echt war!) in den Stuttgarter Kessel hinunter und hatte den dringenden Wunsch, mir die Decke über den Kopf ziehen. Und zwar allein. Und zwar sofort. Und gleichzeitig wusste ich, dass das mit zwei kleinen Kindern halt einfach nicht geht. Ich musste erst mal zur Kita, dort verstreute Kinder und deren Sachen einsammeln, danach noch einkaufen, zuhause mit der Kleinen (2) Kaufladen spielen, mit dem Großen (5) Ninjago bauen, dann Abendessen kochen, die Kinder bettfertig machen, vorlesen und im Dunkeln warten bis sie einschlafen. Dazwischen würde ich mindestens einen Wutanfall überstehen und zwei Streits schlichten müssen. Ich muss gestehen, ich war ein bisschen neidisch auf Menschen ohne Kinder, dort, in meinem Auto auf dem Weg in den Familienwahnsinn.

Wir aßen sehr viele Schokokekse und Karamellwaffeln

Kinder stören im Grunde immer – und das ist vielleicht gleichzeitig ihre nervigste und tollste Eigenschaft. Nervig, wenn man sich gerade gedanklich und in Ruhe mit etwas beschäftigen will und muss. Aber eben auch toll, wenn man sich gedanklich viel zu viel mit etwas beschäftigen will und muss.

An diesem Tag galt Letzteres, denn er wurde – nachdem ich das Auto, den Stau und Regen hinter mir gelassen hatte– viel schöner als er es unter meiner Decke hätte werden können. Nach der Kita ließen die Kinder und ich den Supermarkt sausen und gingen nach Hause. Dort kochten wir Tee mit Honig und aßen sehr viele Schokoladenkekse und Karamellwaffeln und kein einziges Stückchen Obst. Danach spielten wir lange und total streitfrei Kaufladen und Ninjago und lasen das wunderbare Kinderbuch von Frederick, der Maus, die im Herbst – statt wie die anderen ordentlichen Mäuse Nüsse und Körner – Farben und Sonnenstrahlen sammelt, die ihr über den grauen und kalten Winter helfen. Danach aßen wir zum Abendessen die Hühnernudelsuppe vom Vortag, das beste Seelenwärmer-Essen überhaupt.

Ich zeigte meinen MC-Hammer-Move

Nach dem Essen legte mein Sohn dann die Fredrik-Vahle-Kinderlieder-CD auf und sagte, dass er jetzt mit seiner Schwester, dem Mann und mir tanzen wolle. Und das taten wir dann auch. Wir drehten Pirouetten, hüpften im Kreis, schlugen Purzelbäume (also die Kinder) und ich zeigte den MC-Hammer-Move aus meiner Jugend. Wir stampften wie Elefanten und watschelten wie Pinguine. Und während ich da tanzte und hoffte, dass kein Nachbar durchs Fenster gucken kann, dachte ich mir: Die Welt da draußen, die kann mich jetzt mal kurz gernhaben.

Lesen Sie hier mehr aus der Kolumne „Mensch, Mutter“.

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken übers Elternsein, über Kinder, Kessel und mehr. Sie schreibt im Wechsel mit ihrem Kollegen Michael Setzer, der als „Kindskopf“ von seinem Leben zwischen Metal-Musik und Vatersein erzählt. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kolumne-mensch-mutter-ich-bin-jetzt-spielermutter.fc4407cb-15d3-40cb-bd9d-8c0e055eaaf3.html https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kolumne-mensch-mutter-ein-oder-zwei-kinder.939ec7d7-13a3-496b-a68f-7756ffeba56a.html?reduced=true

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: