Das Rheinhafen-Dampfkraftwerk in Karlsruhe Foto: EnBW

Auch wenn es in Baden-Württemberg nicht die bekannten Braunkohlereviere wie im Rheinland gibt, hat der Kohleausstieg auch hier enorme Auswirkungen. Es wird nun spekuliert, ob schon bald ein Meiler im Südwesten vom Netz gehen soll.

Berlin - Braunkohlereviere wie im Rheinland, in Mitteldeutschland und in der Lausitz gibt es in Baden-Württemberg nicht. Auch als Energieträger wird Braunkohle im Südwesten nicht genutzt. Daraus den Schluss zu ziehen, dass der Kohleausstieg im Land keine Beachtung verdient, wäre aber eine grobe Fehleinschätzung.

Immerhin wird der Strom, der aus den Steckdosen in Baden-Württemberg kommt, zu einem hohen Anteil aus Steinkohle gewonnen. Auch damit soll spätestens 2038, möglichst aber schon 2035 Schluss sein, wenn der Fahrplan für den Ausstieg umgesetzt wird, den die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission am Wochenende vorgelegt hat.

Ein Blick auf die aktuellen Zahlen verdeutlicht, dass das gerade für Baden-Württemberg eine gigantische Herausforderung werden wird: 2017 trug die Steinkohle nach Angaben der Landesregierung 29 Prozent zur Stromversorgung bei. In den ersten neun Monaten 2018 lieferten die 18 Kohlekraftwerksblöcke in Baden-Württemberg sogar noch einen höheren Anteil. Laut den vorläufigen Zahlen des Statistischen Landesamts wurden bis Ende September 2018 etwa 12,9 Terawattstunden Steinkohlestrom in Baden-Württemberg produziert – das entspricht einem Anteil von 36,2 Prozent.

Steinkohle trägt mehr als ein Drittel zur Stromversorgung bei

Steinkohle ist im Südwesten der Energieträger Nummer zwei. Die Kernenergie trug bis Ende September 2018 mit 16,1 Terawattstunden mit 45 Prozent noch den Löwenanteil zur Versorgung bei. Alle erneuerbaren Energiequellen zusammen lieferten von Januar bis September in Baden-Württemberg 4,4 Terawattstunden; das sind zwölf Prozent der Bruttostromerzeugung. Zur Erinnerung: 2022 werden die letzten drei Kernkraftwerke in Deutschland vom Netz gehen, darunter Neckarwestheim zwei.

Die Empfehlungen der Kommission lobt der grüne Energie- und Umweltminister Franz Untersteller als „Schritt in die richtige Richtung“. Dass bis 2022 insgesamt Kraftwerkskapazitäten von 12,5 Gigawatt abgeschaltet werden und damit 45 Prozent der CO2-Emissionen eingespart werden sollen, hält Untersteller wegen des Klimaschutzes für richtig. Falsch findet er, dass die Kohlekommission beim Umbau von Steinkohlekraftwerken vor allem auf Gas als Brennstoff setzt. Stattdessen müsse die Bundesregierung dafür sorgen, dass auch grüne Fernwärme wie industrielle Abwärme, Biomasse oder tiefe Geothermie genutzt und gefördert werden, fordert er.

Mit der Ankündigung von diesem Montag, dass jetzt ein „belastbares Energiekonzept“ ausgearbeitet werde, rennt die Bundesregierung in Stuttgart offene Türen ein. Das Land ist beim Umstieg auf eine klimaschonende Energieversorgung besonders darauf angewiesen, dass der Netzausbau vorankommt, sodass Windstrom von der Küste in den Südwesten transportiert werden kann. Dass im energiehungrigen und wirtschaftsstarken Südwesten Steinkohle nach dem Ausstieg aus der Atomenergie länger als anderswo als „Brückentechnologie“ gebraucht wird, ist keine neue Erkenntnis. Auch Stromimporte aus dem Ausland gelten in der Landesregierung keineswegs als Tabu.

Im Land wird die Abschaltliste für die Kohlemeiler vermisst

Hinter den Kulissen ist in Stuttgarter Regierungskreisen eine gewisse Enttäuschung merklich, dass die Kohlekommission keine Abschaltliste vorgelegt hat, in welcher Reihenfolge die derzeit noch rund hundert Kohlemeiler in Deutschland vom Netz gehen sollen. Zwar wurde im Umfeld der Kohlekommission stets betont, dass die ältesten Kohlemeiler in Nordrhein-Westfalen als erste abgeschaltet werden sollen. Aber festgehalten wurde das am Ende nicht. Deshalb wird im Südwesten nun gerätselt, ob von den 18 Blöcken an den neun Standorten mit Steinkohlekraftwerken im Land (Altbach, Heilbronn, Karlsruhe, Mannheim, Pforzheim, Stuttgart-Gaisburg, Stuttgart-Münster, Ulm und Walheim) doch schon eines bis 2022 endgültig abgeschaltet werden wird.

Die EnBW als großer Stromversorger, der alle Kohlekraftwerke im Land betreibt oder daran beteiligt ist, ist zuversichtlich, dass ihre Anlagen noch lange gebraucht werden. „Unsere Kraftwerke sind vergleichsweise emissionsarm und systemrelevant und liefern zum Teil auch Fernwärme“, erklärte das Unternehmen auf Anfrage. „Wir gehen davon aus, dass die Bundesregierung bei der Festlegung der Abschaltreihenfolge Kriterien wie die Emissionsintensität, die Bedeutung der Kraftwerke für die Versorgungssicherheit sowie die Wärmeversorgung berücksichtigen wird.“ Gemeinsam mit dem Mannheimer Energieversorger MVV betreibt die EnBW das Großkraftwerk Mannheim (GKM), dessen jüngster Kraftwerksblock 2011 in Betrieb gegangen ist. Es gilt als modernstes und sauberstes Kohlekraftwerk Deutschlands. Es habe gute Karten, als eines der letzten, wenn nicht als letztes Kohlekraftwerk vom Netz zu gehen, heißt es unter der Hand.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: