Plastinierte Leichen in der Anatomie-Schau. Foto: Gunther von Hagens‘ KÖRPERWELTEN, Institut für Plastination, Heidelberg, www.koerperwelten.de

Vom 27. Oktober an sollen plastinierten Leichen die Stuttgarter City beleben. Der katholische Stadtdekan Hermes findet diese Strategie „moralisch bescheiden“. Man könne dann auch gleich ein Bordell im Einkaufszentrum eröffnen.

Zweimal war die „Körperwelten“ bereits zu Gast in Stuttgart: 2003 und 2016. Nun kommen die plastinierten Leichen des Mediziners und Unternehmers Gunther von Hagens in einer von Angelina Whalley kuratierten Schau ein drittes Mal in die Stadt. Diesmal sind sie sogar direkt in die City zu sehen. Das hat Stadtdekan Christian Hermes dazu zu sagen.

 

Herr Hermes, seit vielen Jahren touren die „Körperwelten“ durch die Lande. Für Sie unverändert ein Grund, Anstoß zu nehmen? Oder ist ein Gewöhnungseffekt eingetreten?

Ob beim Anblick von Leichen ein Gewöhnungseffekt eingetreten ist, sollten wir uns eher angesichts der Bilder aus der Ukraine oder aus Israel fragen. Mir reichen die Bilder und Berichte des zigtausendfachen Sterbens in dieser Welt völlig aus, oder die Begegnung und Begleitung von sterbenden Menschen, wie sie in der Seelsorge und Hospizarbeit selbstverständlich ist.

Wie sehen Sie die „Körperwelten“?

Neben dem morbiden Charme des Gruselkabinetts mit „echten Toten“ haben wir es paradoxerweise hier mit einer interessanten Bewältigungsstrategie zu tun, sich das Beängstigende von Tod und Toten vom Leib zu halten, indem diese Menschen zu hygienischen Plastikpuppen, zu Nekro-Porn-Objekten verdinglicht werden. Man kann also Leichen begegnen in einer völlig sicheren und ungefährlichen Darreichungsform, erregt gaffend, ohne Beziehung, ohne Verantwortung. Ich wage mal die These: Die plastinierten Leichen sind das perfekte industrielle Produkt, um den realen Tod realer Menschen vergessen oder vermeiden zu können. Das ist moralisch ziemlich bescheiden, aber viele finden das toll.

Empörung über die „Körperwelten“: Stadtdekan Christian Hermes. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Was stört Sie aus christlicher Sicht konkret?

Na ja, zunächst halte ich gerne fest, dass gerade die katholische Kirche über alle Jahrhunderte hin beispielsweise bei der Verehrung von Heiligen einen ganz unvoreingenommenen Umgang mit dem toten Körper oder Reliquien pflegte und teilweise noch pflegt. Dabei ist der Sinn aber exakt der entgegengesetzte: Die Reliquien werden mit größter Sensibilität bewahrt, weil sie in ihrer physischen Materialität „Staub zu Staub“ sind und gar nichts bedeuten – aber damit gerade den Blick auf die Person lenken, auf das, was mehr ist als Haut und Knochen. Auf das, was eine Person ausmacht. Insofern feiern die Reliquien den Glauben an die Auferstehung und das ewige Leben. Die Leimleichen der „Körperwelten“ dagegen stehen für die Entwürdigung und Depersonalisierung, für niedrigsten Voyeurismus, für plumpe Geschäftemacherei und existenziellen Nihilismus. Die christliche Tradition steht für Würdigung über den Tod hinaus, für die Achtung vor der individuellen Person, für eine Realität, die gerade über den sterblichen Körper hinaus reicht. Eindeutig gefällt mir das besser!

Leichenschau im Königsbau oder in der Schleyerhalle, wo die plastinierten Körper schon mal zu sehen waren. Wo ist der Unterschied?

Eine Messehalle ist ein isolierter Ort, den ich vorsätzlich aufsuchen muss oder es auch bleiben lassen kann, so wie die Erotik-Messe oder was da alles feilgeboten wird. Die Körperwelten-Ausstellung mitten in der Innenstadt, mitten in einem zentralen Einkaufszentrum wie dem Königsbau, wo die Leute essen gehen und Kaffee trinken, ihre Einkäufe erledigen, Eltern mit ihren Kindern unterwegs sind, ist etwas anderes. Es ist faszinierend, dass Vermieter oder City-Manager sagen: Hauptsache „traffic“ und die Kohle stimmt. Warum dann nicht die Erotik-Messe oder gleich ein Bordell im Königsbau? Das bringt auch „traffic“. Nach dem Gejammer über den Tod der Läden in der Innenstadt scheint man dem Abgrund einen gedanklichen Schritt näher gekommen zu sein mit der Idee: dann machen wir eben Läden mit Toten, um die Innenstadt zu beleben. Wenn das das neue Konzept für die Stuttgarter City sein soll, fällt mir dazu nur der Satz aus dem Evangelium ein: „Lasst die Toten ihre Toten begraben!“

Auch Kritik kann eine Form von Werbung sein. Werten Sie die Schau damit nicht eher auf?

Ich glaube nicht, dass meine Kritik den Leichenrummel irgendwie positiv oder negativ beeinflusst. Es ist mir aber wichtig, dass wir mal ein bisschen darüber nachdenken, was da passiert und wie arm uns das hier aussehen lässt.